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Die MDGs in der Diskussion – „Es gibt nicht Gutes, außer man tut es!“

Essen
Am 11.12.06 konnte die Vortragsreihe „Großer Wurf oder Mogelpackung? Die UN-Millenniumsentwicklungsziele“ mit einer großen Podiumsdiskussion in der VHS Essen abgerundet werden. Zusammen mit dem Eine Welt Forum Essen, FIFA und Exile konnte die Initiative für Nachhaltigkeit der Universität Duisburg-Essen eine achtteilige Ringvorlesung anbieten. Die acht Millenniumsziele wurden von namenhaften Vertretern aus Wissenschaft und Praxis vorgestellt und diskutiert. Prof. em. Dr. Phil. Franz Nuscheler (Senior Fellow des Instituts für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg-Essen) führte durch die Diskussion.

Die Diskussionsteilnehmer Dr. Rupert Neudeck (Gründer von CapAnamur, Vorsitzender der Grünhelme e.V.), Stephan K. Ohme, (Beauftragter für die MDGs imBundesministerium für wirtschaftl. Zusammenarbeit und Entwicklung -BMZ), Dr. Jürgen Thiesbonenkamp (Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe) und Peter Hiedl (Forum für internationale Friedensarbeit e.V. Essen) wurden von Prof. Nuscheler ohne Umschweife auf die Kernfrage des Abends geleitet, ob denn die MDGs nun eine Mogelpackung oder ein großer Wurf seien.

Nuscheler bemerkte selbst, dass die Ziele richtig gesteckt seien, aber größerer Druck auf die Verantwortlichen ausgeübt werden müsse. Diese Ansicht teilten die Diskussionsteilnehmer. Die MDGs seien eine klare Handlungsanweisung, die Kampagnen und Kooperationen ermöglichen (Jürgen Thiesbonenkamp), müssen jedoch durch die vollständige Erklärung ergänzt werden um die Tragweite politischen Kapitals zu erlangen. Stephan Ohme lenkte dabei die Aufmerksamkeit auf den Begriff „good governance“ und warnte davor, die MDGs allein auf die Grundlage wirtschaftlicher Zusammenarbeit zu platzieren. Aus Entwicklungshilfe hat sich der Begriff Entwicklungszusammenarbeit entwickelt, welcher den Umdenkungsprozess widerspiegelt.
Rupert Neudeck kritisierte die Entwicklungsarbeit indem er ihr Berater- und Koordinatorentum attestiert, anstatt Handlungsreichtum. Es würden nicht Berater sondern Täter gebraucht, wie auch Erich Kästner formulierte: „Es gibt nicht Gutes, außer man tut es“.

Peter Hiedl sprach die Kürzung der Mittel vom Land NRW an, welches vormals als Vorzeigemodell in der Förderung der Entwicklungszusammenarbeit galt. Nuscheler fügte hinzu, dass das BMZ erhebliche Mittelkürzungen vornahm, jedoch Bildung – als größte Rendite – dadurch eingeschränkt werde.
Rupert Neudeck relativierte daraufhin die Zuweisung von Schuld durch die allgemeine Aussage, dass jeder Mensch durch die Aufgabenstellungen angesprochen sei. In der Politik würde dies nur in besonderem Maße deutlich, da die von ihr auf globaler Ebene formulierten Ziele nicht erreichbar wären. Damit einhergehend kritisierte Neudeck die Sicherheitspolitik als übertrieben und unangemessen in der Gewichtung, ohne aber ganz auf sie verzichten zu wollen.
Ohme schloss sich dem an und fügte hinzu, dass es noch viel zu oft an Steuerung und Effektivität mangele, sichtbar am jeweiligen Endergebnis. Er bestätigte die Kritik der falschen Gewichtung im deutschen Haushalt zu Gunsten der Sicherheitspolitik.
Es bestehe der Irrglauben in der Bevölkerung, Entwicklungszusammenarbeit sei mit der schnellen Bereitstellung von materiellen Mitteln bei konkreten Krisen getan, so Thiesbonenkamp. Die MDGs (einschließlich der Erklärung) seinen dabei nur eine Stütze, ein Instrument zur Umsetzung, allerdings müsse im Rahmen von Kooperationen ganz genau definiert und nachgehalten werden, wer was macht.

Aus dem Publikum wurde angemerkt, dass es an Interesse und Beteilung aus der Bevölkerung mangele, ebenso an einem Curriculum, welches Lehrern ermöglicht, Schülern die Thematik näher zu bringen. Ohme stimmte dem zu und wies auf die im nächsten Jahr in Deutschland stattfindende G8-Konferenz hin. Die auf Deutschland gerichtete Aufmerksamkeit rufe die Zivilbevölkerung und die zahlreichen NGOs zur Beteiligung und Erhebung ihrer Stimme auf.

Im Abschlussplenum betonte Neudeck noch einmal die Wichtigkeit der eigenen Integrität der europäischen Länder bei der Umsetzung der MDGs anhand des Beispieles der Exportsubventionen in Entwicklungsländer. Es sei ein Widerspruch, so Neudeck, dass wir den Entwicklungsländern seit Jahrzehnten die freie Marktwirtschaft predigen, uns aber selber nicht daran halten, indem wir ihre Produktion übervorteilen und so maßgeblich zur Armut und deren (auch uns in Form von Flüchtlingsströmen erreichenden) Folgen beitragen.

Nuscheler schloss die Diskussion damit, dass die MDGs weder Mogelpackung noch großer Wurf seien, sondern als Chance begriffen werden muss, durch welche möglichst viel erreicht werden solle und bei deren Ergreifung jeder Mensch angesprochen sei.
„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“

Mehr über die MDGs: http://www.un.org/millenniumgoals/

Die Initiative für Nachhaltigkeit der Universität Duisburg-Essen lädt zu einem weiteren Termin ein:

Am 22.1.07 um 19 Uhr wird Prof. Franz Josef Radermacher (Mitbegründer des Global Marshall Plan/ Mitglied des Club of Rome/ Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung FAW Ulm) in der Universität Duisburg-Essen, Campus Essen – Glaspavillon, unter dem Titel „Millenniumsziele und Global Marshall Plan Initiative – Welche Zukunft liegt vor uns?“ referieren.

Wir runden die Vortragsreihe „Großer Wurf oder Mogelpackung? Die UN-Millenniumsentwicklungsziele“ mit einem Wissenschaftler ab, der sich landauf, landab für eine zukunftsfähige Gestaltung unserer Weltordnung einsetzt. Mit durchdachten und umsetzbaren Konzepten steht Prof. Radermacher für Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit im Zeitalter der Globalisierung.

Informationen unter: info@studenten-nachhaltigkeit.de

Besuchen Sie uns auf: www.studenten-nachhaltigkeit.de

Wegbeschreibung zum Glaspavillon: http://www.uni-duisburg-essen.de/imperia/md/content/pressestelle/lageplaene/campus_essen1.pdf