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ITB in Berlin: Tourismus, Umwelt und soziale Verantwortung

Wie verbringen Sie eigentlich Ihre nächsten Sommerferien? Radfahrenderweise im heimischen Harz mit Übernachtung im Heuhotel beim Bauern, oder auf der thailändischen Ferieninsel Ko Samui, wo das Essen so billig und die Mädchen so willig sind?

Die Tourismusbranche erscheint als ein besonders gutes Beispiel dafür, wie Konsumwünsche und ihre Erfüllung auf das engste verknüpft sind mit Mensch und Umwelt. Und zwar gleichermaßen hier wie in fernen Ländern. Egal, ob man regionalen Tourismus befürwortet oder Flugreisen in andere Kontinente – immer sind irgendwie alle betroffen. Egal, wo man seinen Urlaub verbringt, wo man Geld für Reisen, für Übernachtung, für Essen ausgibt – immer hat es doch Auswirkungen auf alle: Jeder Euro, der beispielsweise im Urlaub in Deutschland ausgegeben wird, fehlt schließlich dann als Einnahme in Thailand oder Kenia oder sonst wo auf der Welt. Und umgekehrt. Ganz unabhängig von der Frage, ob man das denn nun will oder nicht.

Alles hängt irgendwie mit allem zusammen

In Berlin beginnt morgen die ITB, die Internationale Tourismus Börse, die Fachmesse für alles, was mit Urlaub zu tun hat. Nach Angaben des Veranstalters werden rund 11.000 Aussteller aus 180 Ländern und Gebieten erwartet, die 5 Tage lang in den Ausstellungshallen unter dem Berliner Funkturm ihr touristisches Angebot vorstellen. Es handele sich dabei um die führende Fachmesse der internationalen Reisewirtschaft und um die weltweit größte Reisemesse für das Publikum, hieß es.

Die Tourismusindustrie ist zu einem bemerkenswerten Wirtschaftsfaktor herangewachsen: Reisebüros, Fluglinien, Autovermieter, Hotellerie, Gaststätten, sie alle profitieren von dem Urlaubswünschen und Reisebedürfnissen der Menschen. Auf der ITB treffen sich Vertreter einer Branche, die beachtliche Summen bewegt: 2006 gaben die Deutschen nach Angaben des DRV Deutscher Reiseverband unter Berufung auf die Welt Tourismus Organisation UNWTO 60,5 Milliarden Euro für Reisen aus. Damit hätten die Bundesbürger erneut ihre Position als Reiseweltmeister bestätigt, so der Verband. Die Deutschen werden für Reisen ins Ausland 2007 voraussichtlich rund 62 Milliarden Euro ausgeben, schätzt die Dresdner Bank AG. Der Zuwachs werde der Bank zufolge – wie auch in den Jahren zuvor – über dem Anstieg der Konsumausgaben liegen. (Zum Vergleich: Die Deutschen gaben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2006 etwas mehr als 180 Milliarden Euro für Nahrungsmittel und Getränke und Tabakwaren aus.)

Tourismus und Umweltgewissen

60 Milliarden Euro sind eine Menge Geld, und da macht es durchaus Sinn mal zu fragen, auf welche Weise denn diese Geld ausgegeben wird und welche Folgen das hat. Die Sorge um das Weltklima und seine zukünftige Entwicklung ist aktuell wieder großes Thema in den Medien gewesen, nachdem sich vor einem Monat das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) warnend zu Wort gemeldet hatte. Der Kerosinverbrauch und die Auswirkungen des Flugverkehrs werden immer wieder diskutiert. Die Klimasensibilität scheint auch die ITB erreicht zu haben. Das Thema „Klimawandel“ ist nach Ankündigung des Veranstalters einer der Höhepunkte des ITB Future Day am 7. März, bei dem Wissenschaftler die Konsequenzen diskutieren wollen, die sich aus dem Klimawandel für den Tourismus mittel- und langfristig ergeben werden.

Wer vom vielen Fliegen ein schlechtes Umweltgewissen bekommen hat, dem kann geholfen werden. Der Verein PrimaKlima-weltweit aus Düsseldorf beispielsweise bietet modernen Ablasshandel an: Ein sogenannter CO2-Rechner ermöglicht es, die Menge der entstandenen CO2-Emissionen aus einer Urlaubsreise zu berechnen und die Größe des zusätzlichen Waldstücks zu ermitteln, das zur Bindung der ermittelten CO2-Emissionen benötigt wird und die Höhe der dafür anfallenden Aufforstungskosten zu kalkulieren. „Mit einer entsprechenden Aufforstungsspende an Prima-Klima-weltweit-e.V. wird aus Ihrem Nachdenken wirksames Klimaschutzhandeln!“, wirbt der Verein. Er verspricht, mit der Spende so viele zusätzliche Bäume pflanzen lassen, wie nötig sind, damit die dem betreffenden Einzelereignis zuzurechnende CO2-Menge innerhalb von 10 Jahren der Luft wieder entzogen wird.

Wirtschaftsethik im Tourismus

Wie steht es um die Wirtschaftsethik im Tourismus, um die sozialen Implikationen des Reisens? 2001 hatte das deutsche Netzwerk Wirtschaftsethik (DNWE e.V.) ein ganzes Heft seiner Vierteljahreszeitschrift dem Thema „Ethik im Tourismus“ gewidmet. Heinz Fuchs von der evangelischen Organisation Tourism Watch analysierte darin ethische Problemlagen im Tourismus und Ansätze zu ihrer Lösung. Auf wessen Kosten der Tourismus insbesondere in Entwicklungsländern geht, wer die ökologischen Auswirkungen der Mobilität zu spüren bekommt, was die „Bereisten“ davon haben, welche sozialen und kulturellen Auswirkungen „Spaghettiträger“ in islamischen Ländern oder klickende Fotoapparate beim Ablichten der Armut in Lateinamerika oder von Beerdigungszeremonien auf Bali haben, das alles sind Fragen, die seiner Meinung nach immer noch nicht ausreichend reflektiert sind. Folgerichtig fragte Fuchs: Wie können Urlaub und Reisen – in einem umfassenden ethischen Sinne – für alle Beteiligten zu einer „guten Reise“ werden?

Ab 1972 waren es laut Fuchs die Kirchen in den Entwicklungsländern, die eine verstärkte Einflussnahme auf das Verhalten der am Tourismus Beteiligten forderten. Damit seien gleichermaßen die Reisenden selbst, aber auch die Anbieter und die Bevölkerung in den touristischen Zielgebieten angesprochen gewesen. Unter anderem durch das gemeinsame Engagement im Kampf gegen die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern im Tourismus sei dann auch die Welttourismusorganisation für die weitergehenden Anliegen der Tourismuskritik zunehmend aufgeschlossen gewesen. Mit der „Manila-Erklärung über die sozialen Auswirkungen des Tourismus“ von 1997 habe sie begonnen, zu den sozialen Auswirkungen des Tourismus Stellung zu beziehen und beschlossen, einen „Global Code of Ethics for Tourism“ zu erarbeiten.

Der schließlich von der UNWTO im Oktober 1999 in Santiago de Chile verabschiedete „Globale Kodex für Ethik im Tourismus“ ist nach Meinung von Fuchs in seiner Struktur sehr allgemein und wenig zielgruppenorientiert. Die Präambel beschreibt die unterschiedlichen Bezugspunkte des Kodex, der sich sowohl der Tourismusförderung und der Liberalisierung des Welthandels verpflichtet sieht, als auch dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung und dem Schutz der Menschenrechte und der biologischen Vielfalt. Im Kern umfasst der Ethikkodex zehn Artikel, die Rechte und Pflichten für Zielgebiete, Regierungen, Reiseveranstalter, Tourismusplaner, Reisebüros, Beschäftigte im Tourismus und die Reisenden selbst beinhalten.

Christian-Uwe Behrens von der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven kam bei seiner Suche nach Ansatzpunkten zur Lösung ethischer Probleme in der Tourismuswirtschaft zu dem Schluss, dass als wirkungsvolle und zugleich empfehlenswerte Methoden die staatliche Regeländerung und -überwachung zu sehen sei. Dabei ergebe sich allerdings das Problem, dass viele touristische Aktivitäten grenzüberschreitend seien, und dass die Interessen der Länder, aus denen die Reisenden kommen, nicht mit denen übereinstimmen, in die die Touristen reisen. In solchen Fällen bedürfe es nicht selten einer gleichgerichteten Regeländerung in mehreren Staaten. Das, so Behrens, sei ein teilweise schwer lösbares Problem, da nicht nur internationale Vereinbarungen getroffen werden, sondern diese auch in durchsetzbares nationales Recht einfließen müssten. Abschließend hielt Behrens eine Lösung der moralischen Probleme im Tourismus vor allem durch Aufklärung und durch Selbstbindung sowie durch freiwillige Verbandslösungen für angezeigt.

Eine Übertragung der Prinzipien des Fairen Handels auf den Tourismus fehle bisher weitgehend, ebenso ein international gültiges Siegel, das faire und sozialverträgliche Reisen kennzeichne, meinte Monika Hoegen im Oktober in einem Beitrag der Deutschen Welle. Im vergangenen Frühjahr hatte Tourism Watch einen CSR- Leitfaden für Tourismusunternehmen veröffentlicht. Darin geht es darum, welche CSR-Grundlagen und Regelwerke es gibt und wie Umweltkriterien und soziale Belange in den Managementstrukturen von touristischen Unternehmen verankert werden können.

Wie so oft geht es auch bei ethischen Fragen im Tourismus zum einen um Unternehmen und zum anderen um Verbraucher. Was der eine nicht anbietet, kann der andere nicht nachfragen und was der andere nicht verlangt, wird der eine auch nicht herstellen.

Robin Keppel, Oldenburg
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Die Beiträge aus dem Heft des DNWE e.V. können Sie nachlesen unter
http://www.dnwe.de/forum/h2001_3/index.htm

Den globalen Ethik-Kodex für den Tourismus der Welttourismus-Organisation UNWTO finden Sie im englischsprachigen Original hier und in einer deutschen Übersetzung hier.

Den Leitfaden CSR im Tourismus finden Sie unter http://csr-news.net/main/2006/04/27/leitfaden-csr-im-tourismus