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In Indien ist ein Mädchenleben Luxus – Unternehmen gestalten gesellschaftliche Umbruchprozesse mit

Berlin > Gestern endete in Berlin die Internationale Tourismusbörse ITB. Dieses Jahr war Indien Partnerland der weltweit größten Reisemesse. Indien präsentierte sich u. a. mit Musik, Folklore, Kunst und kulinarischen Spezialitäten. Immer mehr Deutsche leisten sich Fernreisen, zum Beispiel nach Indien. Doch auch umgekehrt gilt: Im letzten Jahr besuchten so viele indische Touristen Deutschland wie nie zuvor – doppelt so viele wie im Jahr davor.

Anlässlich der ITB weist das christliche Hilfswerk „Geschenke der Hoffnung e.V.“ auf ein Problem hin, das auf der Berliner Messe nicht thematisiert wurde: Je 1.000 Jungen bis zum Alter von sechs Jahren leben nur 927 Mädchen, weltweit liegt die Vergleichszahl bei 1.050 Mädchen. Die Geburt eines Mädchens bedeutet für Familien in vielen Teilen Indiens den finanziellen Ruin, denn die hohe Mitgift für die spätere Hochzeit lässt Mädchen zum „Luxus“ werden. Die Folge: Jährlich werden mehr als 10.000 neugeborene Mädchen von den eigenen Eltern getötet bzw. derart vernachlässigt, dass sie innerhalb der ersten Lebenstage sterben. Hinzu kommen jährlich hunderttausende weibliche Föten, die nach der Geschlechtsbestimmung durch Ultraschall vor der Geburt gezielt abgetrieben werden.

In ihrem eigenen Land macht die indische Staatsministerin für Frauen und Kinder, Renuka Chowdhury, auf den vielfachen Mädchenmord aufmerksam: „Es ist eine internationale und nationale Schande für uns, dass Indien bei einem Wirtschaftswachstum von neun Prozent noch immer seine Töchter tötet“, sagte Chowdhury vor wenigen Wochen in einem Interview mit der indischen Nachrichtenagentur PTI.

Geschenke der Hoffnung e.V. unterstützt ein Kinderhaus in Südindien, in dem Mädchen versorgt werden, die in letzter Sekunde gerettet werden konnten. „Wir freuen uns, dass die indische Regierung, insbesondere Ministerin Chowdhury, in Indien selbst offensiv mit dem Thema umgeht und wünschen uns mittelfristig ein
Umdenken in der indischen Bevölkerung“, betont dazu der Geschäftsführende Direktor des Hilfswerks Christoph von Mohl.

Familienfreundlichkeit ist für deutsche Unternehmen ein zentrales Thema – auch im Zusammenhang mit der Gewinnung von Fachkräften. Wie dieses Thema in indischen Unternehmen gestaltet werden kann, ist aus europäischer Perspektive nicht einfach zu sagen. Corporate Social Responsiblity als solche ist jedenfalls an indischen Business Colleges in aller Munde. Und Corporate Cause Promotion – die Mitgestaltung von Themen im gesellschaftlichen Diskurs – ist ein wichtiges Element der CSR. Zum Thema „Zukunft der Familie“ können sich indische Unternehmen nicht ihrer Verantwortung entziehen: Die ökonomischen Prozesse haben tiefgreifende Auswirkungen auf Familien – etwa durch die von Call Centern oder IT-Unternehmen veranlassten Verlagerungen von Arbeitszeiten in die Nächte.

Dem Thema CSR in Indien widmet sich eine aktuelle Veröffentlichung mit dem bezeichnenden Titel „It’s Only Business!“:
Meera Mitra: It’s Only Business! India’s Corporate Social Responsiveness in a Globalized World. (OXFORD University Press) New Delhi 2007.