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Einkaufsmacht, NGOs und Voluntary Sector Initiativen – Über neue Wege in der Entwicklungszusammenarbeit

Auf einer Konferenz des britischen CSR-Magazins Ethical Corporation diskutierten in der vergangenen Woche Vertreter der Voluntary Sector Initiativen (VSI) Probleme und Chancen ihrer Arbeit.

Von Torsten Sewing.

London > Zulieferunternehmen aus Entwicklungsländern ebenso wie deren Regierungen stehen Sektorinitiativen meist passiv oder ablehnend gegenüber. Wenn ein Verein wie z.B. der AVE – die Außenhandelsvereinigung des deutschen Einzelhandels e.V., Mitglieder sind u.a. KarstadtQuelle, Metro, Otto, C&A, Peek & Cloppenburg – seine geballte Einkaufsmacht einsetzt, um sozial verträglichere Produktionsbedingungen durchzusetzen, dann stößt dass eben auch auf Misstrauen.

Ein allgemein bekanntes und probates Mittel zur Konfliktlösung sind runde Tische, neudeutsch: Multistakeholderdialoge. In der Vergangenheit wurden die von den Sektorinitiativen angestoßenen runden Tische von Unternehmen im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit geführt. Das hatte den Vorteil, dass auf Regierungsebene Misstrauen ausgeräumt werden konnte und die runden Tische unter Beteiligung der Unternehmen vor Ort sowie von regional tätigen Wirtschaftsverbänden, Handelskammern, Medien, Parteien etc. die sozialen und ökonomischen Vorteile der Produktionsbedingungen vermittelten. Soweit die Theorie.

Praktisch und noch bevor der erste Schritt in Entwicklungsländern getan werden konnte, stellte sich (zumindest in 2004 und für die regierungsnahe GTZ) die berechtigte Frage nach der Einkaufsmacht: Wenn die Unternehmen gemeinsam in bestimmten Ländern auftreten, verstoßen sie damit nicht automatisch gegen geltendes Kartellrecht?

Aus einer eher pragmatisch getriebenen Sicht stellt sich für Unternehmen die Frage, das Problem sozial unverträglicher Produktionsbedingungen zu lösen. Schließlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese auch bei ihren Kunden einen nachhaltig verstörenden und den Konsum hemmenden Eindruck hinterlassen.

(Nicht nur) Aufgrund dieser Problematik sind transnational agierende Unternehmen in den vergangenen Jahren unterschiedliche Wege gegangen, um die Produktionsbedingungen zu verbessern. Ein viel versprechender Weg ist es, die Produkte zu zertifizieren und damit einen Mehrwert zu schaffen, der unternehmerisch und ohne den Umweg über staatliche Institutionen begründet werden kann.

Auf einer Konferenzdes britischen CSR-Magazins Ethical Corporation diskutierten in der vergangenen Woche eine Reihe von Vertretern dieser Voluntary Sector Initiatives (VSI) Probleme und Chancen ihrer Arbeit.

Nach Angabe von Richard Holland, World Wildlife Fund (WWF), gibt es erhebliche Unterschiede im Entwicklungsstadium der VSI. So hinken z.B. die Better Cotton Initiative oder die Better Sugarcane Initiative der Kaffee-VSI 4Cum ein bis zwei Jahre hinterher. Ihr ist es unter anderem offenbar bereits gelungen, die wettbewerbsrechtlichen Problem zu lösen: Am 1. Dezember 2006 wurde 4C in Genf gegründet – dabei geholfen haben neben Institutionen wie der GTZ, dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) und dem Deutschen Kaffeeverband auch Unternehmen wie Nestlé, Kraft Foods, Tschibo.

Die – auch finanziell und personell sehr unterschiedlich ausgestatteten – Initiativen können und sollen also voneinander lernen, fordert Holland, der für den WWF auch noch andere Wege einer durch Unternehmen erleichterten Entwicklungszusammenarbeit gestaltet. So formte der WWF bereits in 2004 gemeinsam mit IKEA und der russischen Regierung eine tri-sektorale Partnerschaft, um gegen illegale Waldrodungen in Ost-Russland vorzugehen – mit deutlichen Erfolgen bei der Verringerung des Raubbaus.

Ein weiterer – vor allem bei Konsumenten populärer Weg – ist es, die in den Entwicklungsländern tätigen NGOs im „driver seat“ zu haben. Ein Problem dabei: Die dafür erforderlichen hohen Ansprüche an Transparenz sind oft vor Ort nur schwer zu leisten (siehe auch den Artikel von John Russel, „Sustainability with a rich aroma“).

Insgesamt gilt für alle Waren, die den Weg in entwickelte Länder finden: Es ist einfacher, Rahmenbedingungen zu formulieren als die Produktion zu überprüfen. Ganz abgesehen davon, dass die Einbindung der Produzenten vor Ort Kärrnerarbeit ist und sich (noch nicht) skalieren lässt.

Der Autor Torsten Sewing ist Journalist und CSR-Berater (siehe http://comm-unity.de) und schreibt gelegentlich für Ethical Corporation.

Weitere Infos im Internet:
Studie der Uni Wittenberg: http://www.wcge.org/downloads/WZGE-Studien_Nr._1-2004.pdf
Zur Konferenz der Ethical Corporation: http://www.ethicalcorp.com/partnerships/
Better Cotton Initiative: http://www.bettercotton.org/
Better Sugarcane Initiative: http://www.bettersugarcane.org/
Kaffee-VSI 4C: http://www.sustainable-coffee.net/
tri-sektorale Partnerschaft, um gegen illegale Waldrodungen in Ost-Russland:
http://www.panda.org/news_facts/newsroom/news/index.cfm?uNewsID=12222
John Russel, „Sustainability with a rich aroma“: http://www.ethicalcorp.com/content.asp?ContentID=4902
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