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Banksektor verpasst Chancen -Yunus begeistert auf dem Kirchentag

Köln > Der Mann überzeugt durch sein Auftreten. Einfach, freundlich und unaufdringlich. Seine Ansprache ist kein wissenschaftlicher Vortrag. Professor Muhammad Yunus beschreibt anschaulich, wie das alles mit der Grameen-Bank anfing. Mit 27 Dollar und 42 Kreditnehmern. Und er bekennt: Ich hatte am Anfang keine Ahnung von der Funktionsweise einer Bank. Muhammad Yunus spricht am Freitagabend in der gut besuchten Halle 4 des Kölner Kirchentages. Seine Rede wird immer wieder durch Applaus unterbrochen. Die Zuhörer achten ihn, sie mögen ihn, er ist wohl auch etwas wie ein Idol. Yunus beschreibt, wie Mikrokredite funktionieren. Im Durchschnitt sind es 100 Dollar, die das Institut heute als Kredit vergibt. Er erzählt, wie die Grameen-Bank Frauen als Kreditnehmer entdeckte und warum sie heute 97 Prozent der Kredite an Frauen vergeben. Natürlich beeindruckt der Erfolg des Kreditinstitutes, das heute etwa sechs Milliarden Dollar an sieben Millionen Kreditnehmer verleiht. Vor allem aber ist es sein mit einfachen Vergleichen vorgetragenes Menschenbild, das die Zuhörer überzeugt. In jedem Menschen steckt ein kreativer Unternehmer, ist der Nobelpreisträger und Volkswirt aus Bangladesch überzeugt. Manchem gehe es nur wie einem Bonsai: Es ist nicht genug Boden vorhanden, in dem er sich entwickeln kann. Das will die Grameen-Bank ändern. Das hat sie bereits geändert, betont Yunus. Denn dass Bangladesch auf dem besten Weg zur Erfüllung der Millennium-Ziele sei, das habe auch etwas mit der erfolgreichen Arbeit des Mikrokreditinstitutes zu tun. Schwierigkeiten mit der Kapitalbeschaffung hat Yunus nicht. Denn bei der hohen Rückzahlungsrate seiner Kreditnehmer und der großen Nachfrage kann er für Einlagen gute Zinsen zahlen. Und so versteht der Gast aus Bangladesch nicht, warum nicht auch herkömmliche Banken die Vergabe von Mikrokrediten als unternehmerische Chance entdecken. 

In Köln fällt die Botschaft von Muhammad Yunus auf fruchtbaren Boden. Sicher: Manches musikalische Großereignis auf diesem Kirchentag ist besser besucht als der Vortrag über die Herausforderungen der Weltwirtschaft. Aber es ist eine beeindruckend große Gruppe junger und älterer Menschen – das Mittelalter erscheint unterrepräsentiert -, die eine Auseinandersetzung mit Zeitfragen suchen. Die miteinander und mit den Vortragenden reden wollen. Und die dabei ideologische und kulturelle Grenzen überwinden. Diesen Kirchentag zeichnet weniger das Neue an Informationen aus als die authentischen Begegnungen. Das zieht Menschen wie die 6o-jährige Margret aus Birmingham an. An diesem Freitagabend sitzt sie im Cafe Plus, genießt Fairtrade-Produkte und plaudert mit deutschen Freunden. Die Kirchengemeinde von Margret hat Partnergemeinden in Düsseldorf und Dresden. Bei Freunden aus Düsseldorf ist sie untergekommen. Dies ist der fünfte Kirchentag, den Margret besucht – und wohl nicht ihr letzter. Die persönliche Bilanz der Engländerin zum Kölner Kirchentag fällt positiv aus, die Bilanz der Veranstalter und die Ökobilanz des Großereignisses ebenfalls. Und auch Muhammad Yunus wird den Kirchentag mit dem Eindruck verlassen, unter Freunden und Gleichgesinnten zu Gast gewesen zu sein. Und sicherlich erfährt er dann auch, dass sein Thema auch 750 km weiter nordöstlich eine Rolle spielte: „Wir werden ferner die Kapazitäten der Mikrofinanzinstitutionen stärken, insbesondere durch Ausbildungsprogramme und technische Hilfe“, erklärten die Staatschefs der acht großen Industrienationen bei ihrem Abschied aus Heiligendamm.