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Das Miteinander von Wirtschaft und gemeinnützigen Organisationen verbessern – der Bundesbeauftragte für das ZivilEngagement Dr. Hans Fleisch im Interview

Berlin > Das Bundesfamilienministerium hat im August erstmals den „Beauftragten ZivilEngagement“ eingesetzt. Dieses Ehrenamt übernimmt Dr. Hans Fleisch. Der 49-jährige Jurist ist im Hauptberuf Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen und seit vielen Jahren in Nichtregierungsorganisationen aktiv. Der Beauftragte ZivilEngagement soll die vielfältigen engagementfördernden Aktivitäten koordinieren und in Partnerschaft mit Verbänden, Stiftungen und Unternehmen ausbauen; zugleich soll er als Berater die Leitidee der Bürgergesellschaft in Politik und Regierungshandeln stärker zu verankern helfen. Mit Dr. Hans Fleisch sprach CSR NEWS.

CSR NEWS: Herr Dr. Fleisch, Sie sind Bundesbeauftragter für Zivilengagement. Was dürfen Bürger und Unternehmen von Ihnen erwarten?

Dr. Fleisch: Meine wesentliche Aufgabe als Beauftragter ist es, zur Umsetzung und Weiterentwicklung der Regierungsinitiative ZivilEngagement beizutragen. Der rechtliche Rahmen für Gemeinwohlengagement ist jüngst erheblich verbessert worden, insbesondere in steuerlicher Hinsicht. Für Bürger und Unternehmen bedeutet dies zum Beispiel eine erhebliche Verbesserung der Möglichkeiten, sich mit Stiftungen zu engagieren. Jetzt kommt es darauf an, die sonstigen Rahmenbedingungen zu verbessern. Zu den sechs Schwerpunkten der Initiative gehört, das Zusammenwirken von Wirtschaft und gemeinnützigen Organisationen zu verbessern im allseitigen Interesse.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Engagement der deutschen Zivilgesellschaft?

Wir haben hierzulande ein hohes Niveau qualitativ und quantitativ. Das drückt sich quantitativ in einer hohen Engagementquote und der raschen Zunahme von Stiftungen aus. Qualitativ ist es daran zu erkennen, welch wichtige Rolle die Zivilgesellschaft mittlerweile in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen einnimmt. Für die Bewältigung von gesellschaftlichen Herausforderungen, den Zusammenhalt und das Funktionieren der Gesellschaft und die Entwicklung des Standorts Deutschlands ist dies essentiell. Aber es gibt noch ein riesiges unausgeschöpftes Potenzial. Die Engagementbereitschaft ist deutlich höher als das tatsächliche Engagement. Solange dieses Potenzial nicht ausgeschöpft ist, darf man sich nicht zufrieden zurücklehnen.

Wo werden Sie Ihre Tätigkeitsschwerpunkte setzen?

Mir liegen besonders am Herzen die bessere Involvierung von Menschen mit Migrationshintergrund, die Stärkung des Engagements von Senioren, die Unterstützung von Jugendengagement und die Verbesserung der so genannten engagementfördernden Infrastruktur, vor allem im Osten unseres Landes. In Mecklenburg-Vorpommern gib es etwa ein „Netzwerk Seniorentrainer“, das zentral koordiniert wird. Jeder dieser 120 Seniorentrainer erreicht wiederum fünf bis sechs oder mehr ehrenamtlich Engagierte. Dieses Netzwerk können wir stärken. Oder nehmen Sie zum Beispiel das Stiftungswesen: Eine Perspektive sehe ich in den ostdeutschen Bundesländern besonders für sogenannte Gemeinschaftsstiftungen oder Bürgerstiftungen, in denen sich viele Bürger für eine gemeinsame Stiftungsidee engagieren. Unsere Erfahrung zeigt: Manche von denen, die in einer solchen Bürgerstiftung Erfahrungen sammeln konnten, werden später zu ‚klassischen‘ Stiftern. Diese Entwicklung können wir durch eine „Initiative Gemeinschaftsstiftungen“ unterstützen.

Sie sind hauptberuflich Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Stiftungen sind bisher eine „leise“ Form der Corporate Social Responsibility. Werden Sie in Zukunft „lauter“ werden?

Stiftungen sind vor allem eine besonders nachhaltige Form der CSR. Sie haben auch kommunikativ Vorteile gegenüber anderen Formen. Viele CSR-Stiftungen sind bereits heute durchaus sehr präsent in der Öffentlichkeit. Aber der Trend geht bei allen Stiftungen in Richtung noch vermehrte öffentliche Sichtbarkeit und Beackerung von Themen, die hoch aktuell sind und öffentliches Interesse finden. Die Grundsätze guter Stiftungspraxis des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen befürworten, dass die Stiftungswirkung durch gute Kommunikation nach außen gestärkt wird. Der Trend zu stärkerer Außenkommunikation ist zu begrüßen und wird zudem den Trend zum vermehrten Stiften auch von Unternehmensseite beflügeln.

Ein weiterer Schwerpunkt, der mir wichtig ist, liegt in dem verbesserten Zusammenwirken zwischen Wirtschaft und gemeinnützigen Organisationen. Gemeinsam kann man hier mehr erreichen, wie wir auch im Ausland sehen können. Und da liegt Deutschland noch weit hinter anderen Nationen zurück.

Bürgerschaftliches Engagement ist ein Thema, gesellschaftliches Unternehmensengagement ein anderes. Sehen Sie zwischen den beiden Zusammenhänge?

Das Konzept des Corporate Citizenship beinhaltet, dass sich Unternehmen als Mitbürger mit Verantwortung für das Gemeinwohl sehen und entsprechend handeln. Gesellschaftliches Unternehmensengagement ist somit wichtiger Teil des bürgerschaftlichen Engagements im weiteren Sinne. Mir ist wichtig, dass das Eigeninteresse von Unternehmen an einem solchen Engagement noch stärker bewusst wird. Unternehmen mit starkem und kooperativem CSR-Engagement geht es besser. Und dass Unternehmen – gerade auch mittlere und kleinere Unternehmen – mit anderen Akteuren und Beratern auf diesem Felde noch stärker – auch effektiver – kooperieren. Etwa die Hälfte der CSR-aktiven Unternehmen hat bisher keinen gemeinnützigen Partner. Auch auf Seiten der gemeinnützigen Organisationen gibt es manchmal Berührungsängste mit der Wirtschaft. Etablierte Unternehmen ohne professionelles CSR-Engagement sollten auf Dauer die Ausnahme sein.

Welche Rolle sollte die Politik in Bezug auf die Stärkung der Zivilgesellschaft spielen?

Die Politik kann rechtliche Rahmenbedingungen verbessern und hat dies in den letzten Jahren mehrfach getan. Politik kann die so genannte engagementfördernde Infrastruktur stärken; auch hier wird schon viel getan, aber da ist noch mehr möglich und nötig. Politik kann zudem wie bisher, aber künftig verstärkt, Katalysatoren der Zusammenarbeit fördern und Modellprojekte fördern. Die Entwicklung von Corporate Citizenship will ich aber gemeinsam mit den CSR-Akteuren stärken. Ich denke an eine kleine und hochkarätig besetzte Gruppe, die hilft, zum Beispiel Erfahrungen aus dem Ausland und Best Practice Beispiele aus Deutschland aufzugreifen und publikzumachen. Wir können die Vernetzung stärken und Erfahrungsaustausch und Kongresse gestalten. Das soll zeigen: Der Staat kann Katalysator sein dafür, dass Wirtschaft und Zivilgesellschaft sich besser vernetzen und gegenseitig stärken. Ein Vorbild für eine gelungene Plattform ist für mich dabei u.a. Ungarn mit seiner nationalen CSR-Konferenz.

Die Geschäftsstelle, die mich als Beauftragten unterstützen soll, wird derzeit im Bundesfamilienministerium eingerichtet. Darüber bin ich für alle erreichbar, die mir Anregungen und gute Beispiele zur Corporate Social Responsibility vermitteln wollen. Ich setze auf den Dialog.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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