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Zu Hause in Deutschland

Essen > Dennis Obiegbu flüchtete als junger Mann aus Nigeria. Heute lebt er mit deutscher Frau und Kindern in Essen und arbeitet im Konzerneinkauf von Arcandor. Ein Beispiel positiver Globalisierung. Eine Reportage von Tilman Wörtz.

Die Aufzugtür öffnet sich, ein Postwagen rollt über die Teppichbahn durch den Gang. Groß wie der Mann hinter dem Wagen sind seine Gesten: »Morgen« und »tschüss«, sagt er und winkt in die Rechtsabteilung im zweiten Stock der Zentrale der Arcandor AG (vormals KarstadtQuelle AG), Essen. Schiebt den Wagen weiter in die Schmuckabteilung. »Morgen. Tschüss.« Vorstandsetage. Dennis Obiegbu teilt aus: Zeitungen für den Kommunikationschef, Briefe für den Vorstandsvorsitzenden. Der kommt ihm nun entgegen. »Morgen. Tschüss.« Aufzug zu. Runter ins Untergeschoss des dreistöckigen Quaders, Postabteilung. Hier arbeitete Dennis Obiegbu bis August 2007. Ein stets gut gelaunter Mann und Meister des Smalltalks. »Niemand kennt so viele Leute in der Hauptverwaltung in Essen wie er«, sagen seine Kollegen. Es war kein einfacher Weg vom Asylbewerber bis zum festen Job bei der Karstadt Warenhaus GmbH; von den Sorgen um die Familie in Nigeria zu den Freuden über den Nachwuchs in Deutschland.

Zwei Töchter haben Dennis Obiegbu und seine deutsche Frau Bärbel, Chigozie (7) und Amachi (3). Namen aus der Heimat, die »Gott segne sie« und »Tor zum Himmel« bedeuten. Die Mädchen werden sie ihr Leben lang buchstabieren müssen. »Ihre zweiten Namen sind deshalb Naomi und Emilia«, sagt der Nigerianer lächelnd und fügt hinzu: »Mein Leben ist ein Spiegel der Globalisierung.« Seine Erfahrungen zwischen den Kulturen bestimmen die Weise, wie er arbeitet und sich in neuen Situationen zurechtfindet. Ein Lernprozess, der noch nicht abgeschlossen ist, aber Erfolg verspricht. Der jüngste: Diplom der Wirtschaftswissenschaften an der britischen Fernuniversität Milton Keynes. Das war nicht einfach, denn kurz zuvor wurde seine Schwester ermordet und sein Bruder starb an Leukämie. Zu Hause in Nigeria.

Post kommt. Leert sich auf ein Fließband, um das Dennis Obiegbu und 20 Kollegen sitzen, Briefe, Pakete und Zeitungen in Regalfächer sortieren. Ein Drittel der Mitarbeiter hat Wurzeln im Ausland. Alle sprechen fließend Deutsch, in das sich fachspezifische Wendungen eingeschlichen haben. »Kannst du mir noch mal den Vorstand bringen? Ich gehe gleich auf special tour«, sagt Dennis zu seinem türkischen Kollegen Yüksel, der am »U« – einem Regal mit Postablagen in U-Form – Briefe und Pakete in die Fächer »Schnäppchen«, »Betriebsrat « und eben »Vorstand« verteilt.

»Der Yüksel ist ganz klein nach Deutschland gekommen«, erklärt Dennis Obiegbu. Barbara Kanja, am rollenden »r« noch als Polin zu erkennen, hat Yüksel noch nie nach seinem Heimatland gefragt. »Hauptsache, er ist nett«, sagt sie. So einfach ist das.

Dennis Obiegbu packt in der Pause sein mit Käse belegtes Vollkornbrot aus der Tasche und liest die taz – klassische Utensilien eines deutschen Umweltbewegten, aber für Obiegbu die einzige Zeitung, die auch mal über Nigeria berichtet – außerdem will er die Zeitung unterstützen – »die brauchen jeden Abonnenten«. Doch hinter Stulle und taz steckt Dennis Obiegbus höchst persönliche Biografie, die 1971 in der Provinz Biafra beginnt, nur ein Jahr nach einem gescheiterten Unabhängigkeitskrieg und einer fürchterlichen Hungerkatastrophe. Nigerianer aus Biafra, Igbo-People, welche die drittgrößte Bevölkerungsgruppe des Landes bilden, waren den Militärdiktatoren von Haus aus suspekt. Als Student der Ökonomie protestierte Dennis Obiegbu in der Hauptstadt Lagos für mehr Demokratie und musste nach Deutschland flüchten. Hier bemühte er sich als Asylbewerber um seine Anerkennung, ohne überhaupt Deutsch zu sprechen. Doch kommunikativ, wie Obiegbu nun mal ist, sprach er ohne Hemmungen Leute an. Die Lektüre der taz war für ihn ein zusätzliches Sprachtraining und politische Bildung zugleich. »Die Erfahrungen haben mir gezeigt, dass ich mich für meine Rechte einsetzen kann.« Er erreichte schließlich die Anerkennung als politischer Flüchtling.

Dennis Obiegbu will nun auch den Arbeitsplatz und sein neues Leben in Deutschland gestalten. Als er das berühmte Kinderbuch Zehn kleine Negerlein in der Buchabteilung von Karstadt Warenhaus in die Finger bekam, wies er den Einkaufsleiter auf die problematische Lektüre hin. Schließlich sterben in dem Buch zehn Afrikaner, als dumme Farbige dargestellt, von fröhlicher Melodie besungen. »Das Lied singt man in Deutschland doch schon seit Generationen, was willst du da erreichen?«, wandten seine Kollegen ein. Doch Dennis Obiegbu ließ sich nicht entmutigen – und Karstadt Warenhaus nahm das Buch aus dem Sortiment.

Als die Hauptverwaltung im vergangenen Jahr alle Abteilungen im Intranet präsentierte, waren von der Postabteilung nur die Fotos von zwei Mitarbeitern eingeplant. »Ihr seid es alle wert, dass euch die Kollegen in den oberen Stockwerken kennen«, hatte Dennis Obiegbu die anderen herausgefordert und seinen Vorgesetzten Hans-Josef Mammes überzeugt, ein komplettes Gruppenbild der Abteilung machen zu lassen, das dann ins Intranet eingestellt wurde.

Hans-Josef Mammes ist ein ruhiger, korrekter Niedersachse, trägt Anzug mit Krawatte und hat immer die großen Zusammenhänge der Weltgeschichte im Blick. Dennis Obiegbu und er hatten so ihre Diskussionen. Mammes führte 1999 das Einstellungsgespräch und gab Obiegbu den Job, »weil er ein vernünftiges Auftreten hat«. Die oberste Reihe der Postfächer liegt hoch, doch Dennis Obiegbu erreicht sie mit seinen ein Meter 90 ohne Verrenkungen. Lasten von 200 Kilo auf den Karren müssen an manchen Tagen über die Teppichbahnen der Gänge geschoben werden. »Er macht seine Arbeit sehr ordentlich«, sagt Hans-Josef Mammes, obgleich es schon mal eine Ausnahme gab, als Dennis Obiegbu vier Wochen Urlaub außer der Reihe nehmen wollte. Die Genehmigung fiel Hans-Josef Mammes schwer: »In Deutschland stellen wir die Arbeit über das Private.« Doch Dennis Obiegbu konnte zwingende Gründe nennen: Seine jüngere Schwester war in Nigeria vergewaltigt und ermordet worden, hinzu kam, dass kurz darauf sein älterer Bruder Uche an Leukämie starb. Es war ein Trauma,

Dennis Obiegbu brach zusammen. Er wollte nach Nigeria, musste seiner Mutter bei der Beerdigung beistehen, die in seiner Heimat großen Aufwand erfordert. 500 Gäste kamen zur Trauerfeier in der Hauptstadt Lagos, wo Bruder Uche eine erfolgreiche Importfirma für medizinische Geräte besessen hatte. Noch mal 1.000 Gäste kamen zur eigentlichen Beerdigung ins 600 Kilometer entfernte Heimatdorf Ogbunike. Die Vorbereitungen waren unter vier Wochen nicht zu machen. Hans-Josef Mammes gewährte ihm schließlich den Urlaub. »In Afrika ist die Großfamilie wichtiger als bei uns, das verstehe ich schon«, räumte er ein. »Das haben wir in Deutschland hinter uns gelassen und das wird auch in Nigeria so kommen.«

Acht Jahre arbeitet Obiegbu nun schon in der Abteilung von Hans-Josef Mammes. Er gründete eine Familie und wurde heimisch. »Ich lebe gern im Ruhrgebiet«, sagt er, »die Menschen hier sind offen, man kann einfach drauflosplaudern. « Neben der Arbeit konnte er sein Studium der Wirtschaftswissenschaften über die Fernuniversität im britischen Milton Keynes fortsetzen und schließlich mit »gut« abschließen. Das Thema seiner Diplomarbeit handelt von Corporate Social Responsibility (CSR), weil ihn die soziale Verantwortung von Unternehmen interessiert. Mit dem Zeugnis hat er sich für eine neue Stelle im Konzern beworben: »Business Development Manager«, fließend Englisch erforderlich. Kein Problem für ihn, Englisch ist seine zweite Muttersprache, gemeinsam mit der nigerianischen Sprache Igbo.

Auf seiner Nachmittagstour durch die Etagen trifft er den Geschäftsführer der Hauptverwaltung. »Werde mir Ihre Unterlagen durchsehen«, ruft der ihm zu. Als freundlichen Postboten, so kennen ihn die Leute. Vielleicht werden sie ihr Bild über ihn erweitern können, ihm eine Chance geben, die seinen neu erworbenen Qualifikationen entspricht.

Im Privaten haben Dennis Obiegbu und seine Frau Bärbel immer wieder diesen Schritt nach vorne getan, um Platz für Neues zu schaffen. »Viele deutschnigerianische Ehen scheitern, weil die Offenheit füreinander fehlt«, sagt Bärbel Obiegbu. Die Germanistin unterrichtet Theater an verschiedenen Schulen in Duisburg. »Dennis ist Afrikaner und Ökonom – ich bin Deutsche und Geisteswissenschaftlerin. Wenn es gelingt, offen zu sein, sind diese unterschiedlichen Kulturen eine Bereicherung. Und verändern den Blickwinkel auf die eigene Kultur«, sagt sie. Dabei sind sich die beiden nicht immer einig. »Wir sprechen in Nigeria nur über die wichtigen Dinge, während in Deutschland jede Kleinigkeit zu einem Riesenproblem hochdiskutiert wird.« Bärbel Obiegbu widerspricht: »Ihr palavert und diskutiert lautstark und stundenlang über alles und jedes!« Sie hat es erlebt, 1998 hat das Paar in
Nigeria geheiratet. Sie lächelt nun: »Wir diskutieren ja beide gern und laut.«

Und lernen auch voneinander. Zum Beispiel, dass man sich in die Augen schaut, wenn man miteinander redet oder streitet, »in Nigeria ist das unüblich «. In Obiegbus Essener Alltag sind beide Kulturen präsent. Die Familie tanzt im Wohnzimmer nach Musik aus seiner Heimat. Sie kocht nigerianisch, frittiert Kochbananen oder püriert Yamswurzeln. Er kommt deutlich pünktlicher zu Verabredungen, als in seiner Heimat üblich. Dort wird die Ehe anders gelebt. »Frauen sind von den Männern wirtschaftlich abhängig und die Männer machen, was sie wollen«, sagt er.

Das Ehepaar Obiegbu dagegen unternimmt vieles gemeinsam. Vor drei Jahren übernahmen die beiden die Patenschaft für den öffentlichen Spielplatz im Südviertel von Essen, heute sind sie für die Organisation des Jahresfestes verantwortlich. Kinder toben in einer Hüpfburg, umkurven auf Rollern und Bobbycars einen Hütchenslalom. Nachbarn bringen Kuchen, Porzellangeschirr, Handtücher oder Boulekugeln als Prämien für die Tombola. Mit den Erlösen aus dem Losverkauf soll ein Baumhaus angeschafft werden.

Dennis Obiegbu trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: »Karstadt.de. Ein Klick. Mehr Kunde.« Zwei seiner Kollegen aus der Poststelle sind auch gekommen. Wie ein eingespieltes Team koordinieren Bärbel und Dennis Obiegbu die Teilnehmerlisten fürs Tischtennisturnier und freiwillige Helfer für den Kuchenverkauf. Bei solchen Gelegenheiten merken sie, dass sie mehr Dinge verbindet, als sie kulturell trennt: »Wir kommen beide aus kinderreichen Familien, gehören zu den jüngeren Geschwistern und durften studieren. Das hat unseren Charakter anscheinend ähnlich neugierig, offen und kommunikativ gemacht«, sagt sie. Er sagt es auf seine Weise: »Wir benefizieren voneinander.«

Die sechsjährige Tochter Chigozie muss erst von ihrem Schulfreund Mohammed lernen, dass die binationale Ehe ihrer Eltern etwas Besonderes ist: »Deine Mama und dein Papa passen überhaupt nicht zusammen: Sie ist weiß und er schwarz«, sagt Mohammed. »Deine Mama und dein Papa passen auch nicht zueinander: Sie trägt Kopftuch, er nicht«, kontert Chigozie. »Mein Papa hat eine Glatze, der braucht kein Kopftuch.« »Du hast aber Haare und trägst trotzdem keins.«

Dennis Obiegbu hat seit August eine neue Stelle. Er ist als Sachbearbeiter im Konzerneinkauf (Logistik) tätig.

Autor: Tilman Wörtz.
Foto: Vater und Tochter: Obiegbumit Tochter Chigozie (übersetzt: »Gott segne sie«) (Frank Schultze, Arcandor AG)