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Fairer Tourismus – die Nische wächst

Stuttgart > In diesen Tagen planen Millionen Deutscher ihren Urlaub für das nächst Jahr. Einer kleinen, aber wachsenden Zahl von Reisenden ist es dabei nicht gleichgültig, welche Auswirkungen ihr Aufenthalt in dem Gastland hinterlässt. Fairer Tourismus wird zu einer festen Größe in der Branche. Was einen solchen fairen Tourismus ausmacht, darüber sprach CSR NEWS mit Angela Giraldo, der stellvertretenden Geschäftsführerin von KATE – Kontaktstelle für Umwelt & Entwicklung in Stuttgart:

CSR NEWS: Wann ist der Tourismus fair?

Angela Giraldo: Tourismus ist ein sehr komplexer Wirtschaftsbereich. Tourismus kann als fair bezeichnet werden, wenn alle Beteiligten in der Dienstleistungskette auch vom Tourismus profitieren. Wie viele Arbeitsplätze werden zu welchen Bedingungen geschaffen? Was leistet der Tourismus für die Verbesserung des Ausbildungs- und Beschäftigungsniveaus? Welcher Beitrag geht von ihm für die Förderung wirtschaftlich schwacher Regionen aus? Wie werden durch den Tourismus natürliche Ökosysteme erhalten statt geschädigt? Wie können wirtschaftliche Entwicklung und interkulturelles Verständnis in Tourismusländern gefördert werden? Trägt Tourismus zur Verminderung von Armut bei und respektiert er die Lebens- und Arbeitsrechte der Menschen in den Zielgebieten? Werden angemessene Preise bezahlt? Werden die weltweit gültigen Arbeitsstandards in der Dienstleistungskette eingehalten?

CN: Ist „Nachhaltiger Tourismus“ ein Nischenmarkt, oder erfasst er den Mainstream?

Angela Giraldo: Nachhaltiger Tourismus ist ein expandierender Nischenmarkt. Nachhaltigkeit hat sich zum Verkaufsschlager gemausert – auch in der Tourismusindustrie. Viele Anbieter nutzen ökologische Argumente zunehmend als Marketinginstrument. Nachhaltigkeit wird sehr oft nur mit „umweltverträglich“ oder mit „öko“ gleichgestellt. Das ist aber ein Fehler und eine Irreführung der Reisenden. Die sozialen Aspekte der Nachhaltigkeit kommen in der Regel nicht zur Geltung. Fragen wie die, ob die lokale Bevölkerung vom Tourismus profitiert, welche Arbeitsbedingungen bestehen und ob angemessene Löhne bezahlt werden, sind elementare Kriterien für einen nachhaltigen Tourismus.

CN: Wie entwickelt sich die Nachfrageseite: Wächst das Bewusstsein der Touristen für gesellschaftliche Herausforderungen in Gastländern?

Angela Giraldo: Kunden fragen zunehmend danach, unter welchen Bedingungen ein Produkt zustande kommt und mit welchen sozialen und ökologischen Kriterien die unternehmerischen Entscheidungen getroffen werden. Neueste Studien belegen, dass sich ein neuer Lebensstil abzeichnet und dass die Konsumkultur der nächsten Jahre von Menschen geprägt sein wird, die gesund, genussvoll und verantwortungsbewusst leben möchten. Es entsteht eine neue Konsumkultur die nachhaltig und lustorientiert kauft, denkt und handelt. Beim Reisen ist dies nicht anders. Das Wachstum von Anfragen nach entsprechenden Reisen und die Zunahme von Reiseveranstaltern, die Umwelt- und Sozialkriterien in ihrer Unternehmensphilosophie haben, beweist es.

CN: Sind Nachhaltigkeit und betriebswirtschaftlicher Erfolg im Tourismus Gegensätze oder miteinander vereinbar?

Angela Giraldo: Tourismusunternehmen verdienen ihr Geld mit den Schönheiten eines Landes und mit den Menschen, die dort leben. Reisende profitieren von der Naturlandschaft eines Landes und der Gastfreundschaft ihrer Menschen; d.h. die wirtschaftliche Grundlage des Tourismus liegt auf ökologischen und sozialen Aspekten. Es ist im Interesse aller, einen Beitrag zu leisten, damit diese Grundlage erhalten bleibt.

CV: Wie sieht das in den Tourismusländern selbst aus: Werden dort Nachhaltigkeitsfragen thematisiert?

Angela Giraldo: Viele Tourismusdestinationen merken, dass eine unkontrollierte Tourismusentwicklung negative Umwelt- und Sozialauswirkungen mit sich bringt. Vor allem Küstenregionen haben mit katastrophalen unumkehrbaren Schäden zu kämpfen. Einige Regionen versuchen, neue Segmente zu entwickeln um den Massen-Strandtourismus zu diversifizieren und entdecken Kultur und Natur als neue oder komplementäre Formen im Tourismus. In reichen Regionen in Europa ist dies durch finanzielle Förderungen möglich. In armen Regionen des Südens bleibt als Konsequenz der Tourismus weg. Entwicklungsorganisationen, die sich mit Nachhaltigkeitsfragen beschäftigen, unterstützen einen gemeindeorientierten Tourismus, der als zusätzliche Einkommensquelle in Ergänzung zu den traditionellen wirtschaftlichen Aktivitäten verstanden wird. Sie wollen keine neue „Monokultur“ und keine einseitigen Abhängigkeiten von den Tourismuseinnahmen. Ihre Kultur soll durch die Begegnung mit anderen Kulturen gefestigt werden. Sie glauben an den Dialog zwischen verschiedenen Kulturen und eine universelle Friedenskultur.

CV: Was können KATE und andere tun, um Nachhaltigkeit im Tourismus zu fördern?

Angela Giraldo: Wir von KATE unterstützen Partner in Lateinamerika, die sich für einen nachhaltigen Tourismus einsetzen, und lokale Gemeinschaften in der Entwicklung eines solchen Tourismus. Wir fördern die Vernetzung und den Erfahrungsaustausch. In Deutschland engagieren wir uns in der Bildungsarbeit u.a. im Zusammenhang mit dem Fern-Tourismus. Wir betreiben den Dialog mit der Tourismuswirtschaft im Bereich gesellschaftliche Verantwortung (Corporate Social Responsibility – CSR). Nach dem Motto „weltweit reisen – verantwortlich handeln“ arbeiten wir auf europäischer Ebene zusammen mit Tourismusunternehmen bei der Entwicklung von Indikatoren zur Messung ihrer Nachhaltigkeitsleistung. Dadurch können Reiseveranstalter transparent machen, unter welchen Bedingungen ihr „Produkt“ Reise entwickelt und durchgeführt wird. Mit diesen Instrumenten ist es für Verbraucher einfacher, Werbebotschaften von tatsächlichen Reiseinhalten zu unterscheiden. Gerade sind wir dabei, einen Leitfaden für CSR-Berichte im Tourismus zu veröffentlichen, der sich insbesondere an kleine und mittlere Reiseveranstalter richtet und auf den Piloterfahrungen mehrerer Reiseveranstalter des forum anders reisen basiert.

CV: Herzlichen Dank!

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