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Kenias Zukunft braucht eine starke Zivilgesellschaft – und Unternehmen, die das fördern

Nairobi > Kenia bestimmt seit gestern die Schlagzeilen. Nach einem dreitägigen Auszählungsmarathon im Anschluss an die Präsidentschaftswahlen, Wahlbetrugsvorwürfen und der schnellen Wiedervereidigung des bisherigen Amtsinhabers Mwai Kibaki trotz erheblicher Oppositionsproteste kam es überall im Land zu Unruhen und in Nairobi zu Straßenschlachten. Gestern Abend verhängte Regierung eine Nachrichtensperre. Ein scheinbar stabiles afrikanisches Land – das ostafrikanische Tor zum Welt – steht am Rande des Chaos. Ein Teil des Problems ist der Konflikt zwischen den unterschiedlichen Ethnien. Ein anderer Teil ist die fehlende Zivilgesellschaft.

Soziale Sicherungssysteme in Kenia sind die Familie, die dörfliche Gemeinschaft und der Stamm. Hier hilft man sich gegenseitig in Lebenskrisen wie etwa bei schweren Krankheiten. Familien oder Dorfgemeinschaften bringen dann die Behandlungskosten auf; eine umfassende Krankenversicherung wie in Deutschland gibt es nicht. Und hier werden aussichtsreiche junge Menschen gefördert, indem die Gemeinschaft die höhere Schulbildung oder den Universitätsbesuch eines ihrer Mitglieder fördert, damit dieses später wiederum seiner Gemeinschaft nützen kann.

Soziales und gesellschaftliches Engagement, das die Grenzen der Familie oder Dorfgemeinschaft oder des Stammes überwindet, ist eine zarte Pflanze. In den großen Städten – allen voran in Nairobi – entstehen Wohlfahrtsorganisationen. Zu oft geht ihr Blick in Richtung westliche Welt und internationale Finanzhilfe. Der Staat misstraut seiner Zivilgesellschaft: Die kenianische Variante des Vereins ist der Trust. Wer einen solchen Trust beantragt, der wird unter anderem geheimdienstlich überprüft. Schon lange soll kein Trust mehr registriert worden sein. Kenia braucht eine Stärkung seiner Zivilgesellschaft, um Stabilität und Zukunftsfähigkeit zu gewinnen.

Eine Schlüsselrolle kommt dabei den Unternehmen zu: Hier muss sich bewähren, das Leistung mehr zählt als Familienzugehörigkeit und die manchmal damit verbundene Vetternwirtschaft. Hier verwischen gerade in den städtischen Unternehmen die Stammesgrenzen und es entstehen insbesondere unter den jungen Mitarbeitern kulturübergreifende Beziehungen. „Unter meinen Angestellten ist die Stammeszugehörigkeit kein Problem – sie treffen sich auch privat über solche Grenzen hinweg“, berichtet der Inhaber einer großen Anwaltskanzlei im Zentrum Nairobis. „Bei der Einstellung meiner Mitarbeiter achte ich auf ein ausgewogenes Verhältnis bei den Stammeszugehörigkeiten, um Konflikten vorzubeugen“, betont der Verantwortliche für eine Farm in den ländlichen Regionen des kenianischen Westens. Zwischen Stadt und Land besteht ein Unterschied, aber die Kluft zwischen Jung und Alt ist noch größer. Den jungen Menschen in Kenia soll die Zukunft gehören. Sie wollen die ethnischen Spannungen in ihrer Heimat überwinden. Sie wollen ein geeintes Kenia, eingebunden in die internationale Gemeinschaft.

Unternehmen kommt auch deshalb eine Schlüsselrolle für die Stärkung der kenianischen Zivilgesellschaft zu, weil sie internationale Erfahrungen und Standards in das ostafrikanische Land importieren. Dazu gehört die Corporate Social Responsibility. Wer auf www.csr-directory.net den Suchbegriff „Kenya“ eingibt, erhält immerhin bereits sieben CSR-aktive Unternehmen und Zusammenschlüsse ausgewiesen. Manche internationale Unternehmen geben zudem Beispiele dafür, wie ein Unternehmen Corporate Citizen sein kann. Und sie beteiligen dabei ihre Mitarbeiter:

So ließ die Bayer AG in Kooperation mit UNEP und über 1.000 Schulen in diesem Jahr rund um die kenianische Hauptstadt Nairobi 100.000 Bäume pflanzen. Die gleiche Zahl steuerte die US-amerikanische Bayer-Landesgesellschaft bei. Beide Male legten auch Bayer-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter selbst tatkräftig Hand an. Die Aufforstung ist eine große umweltpolitische Herausforderung, vor der das Land steht. Das Problem hat auch eine wichtige soziale Dimension: Tausende von armen Familien sind auf Brennholz für die Nahrungszubereitung angewiesen.

Die Zukunft Kenias ist heute ungewisser als es noch vor wenigen Tagen schien. Eins aber ist sicher: Es liegt im Interesse (internationaler) Unternehmen, die Entwicklung zivilgesellschaftlicher Strukturen zu fördern. Denn Freiheit in einer starken Zivilgesellschaft bildet die Voraussetzung für erfolgreiches Wirtschaften. Wenn dann auch der Staat die Eigenverantwortung seiner Bürger fördert und ihnen vertraut, hat Kenia einen entscheidenden Schritt in eine sicherere Zukunft unternommen.

Foto: Berufsbildungszentrum im ländlichen Kenia (CSR NEWS)

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