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first do no harm – DNWE-Jahrestagung zur CSR

Bonn > 260 Teilnehmer konnte der DNWE-Vorsitzende Prof. Albert Löhr am Wochenende auf der ausgebuchten 16. Jahrestagung des Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik begrüßen. Wissenschaftler, Praktiker, Medienvertreter und Studierende – 160 DNWE-Mitglieder und 100 Gäste nutzten die Chance zum ‚Netzwerken‘ auf der gemeinsam mit Ernst & Young organisierten Tagung. Unter dem Thema „Corporate Social Responsibility – Reichweiten der Verantwortung“ wollten die Einladenden den Blick weg von den Grenzen unternehmerischer Verantwortung und hin auf deren Chancen lenken, betonte Löhr zur Begrüßung. Für den DNWE-Vorsitzenden umfasst CSR nur einen Teilaspekt der Wirtschaftsethik, öffnet aber die Tür zur Diskussion vieler praktischer Probleme. Das erlebten die Teilnehmer der von Prof. Joachim Fetzer moderierten Tagung in vielen teils wissenschaftlich-grundlegenden, teils praxisorientierten Vorträgen und Diskussionen:

CSR ist ein Innovationstreiber, besonders in der Personalentwicklung der Unternehmen. Das betonte Karin Sahr, Senior Managerin bei Ernst & Young. Mitarbeiter seien nicht nur Adressaten von CSR-Programmen, sondern zugleich die kritischsten Stakeholder eines Unternehmens und dessen beste Botschafter in der Region. Gelingen könne CSR nur dann, wenn sie in die „DNA eines Unternehmens aufgenommen“ werde.

„Die Berufung auf das Gewissen geht um so leichter von den Lippen, je weniger sie kosten“, bemerkte der Tübinger Philosoph Prof. Otfried Höffe in seinen grundlegenden rechtsphilosophischen Überlegungen zur sozialen Verantwortung von Unternehmen. Unter „sozial“ fasste er dabei jene Verantwortung, die weder rechtliche noch ökonomische Aspekte besitzt, aber trotzdem zur Verantwortung von Unternehmen gehört. Höffe bezeichnete einen „hypokratischen Eid für Manager“, der die drei vorgenannten Bereiche der Unternehmensverantwortung umfasst, als Leitaufgabe.

„Der Handel besitzt eine besondere Nähe zur CSR, weil er die Schnittstelle zwischen Produzenten und Verbrauchern bildet“, betonte Heinz-Dieter Koeppe von der Business Social Compliance Initiative (BSCI), in der sich Handelsunternehmen international zur Auditierung ihrer Zulieferer zusammengeschlossen haben. Arbeitszeiten in den asiatischen Unternehmen seien nach wie vor eine große Herausforderung; aktuell seien auch die Themen Gesundheit und Sicherheit, Entlohnung und Gewerkschaftsfreiheit, berichtete Koeppe auf dem Workshop „CSR in der Supply Chain“.

Unternehmen und Gesellschaft dürfen nicht als zwei Pole verstanden werden, forderte der Kommunikationsexperte Michael Behrent in einer Podiumsdiskussion zum Thema „CSR in der öffentlichen Kommunikation“. Behrent gebrauchte das Bild einer Arena, in der auch andere Akteure agieren – die Wissenschaft, Nichtregierungsorganisationen und Medien etwa. Zugleich wies er auf das Problem großer Unternehmen, konsistent zu kommunizieren, und riet dazu, nicht zu viel CSR-Content auf Websites einzustellen.

Über den Prozess zur Entwicklung der Social-Responsibility-Norm ISO 26.000 berichtete Prof. Josef Wieland anschaulich. Den westlichen Staaten hielt er dabei vor, mit ihrer Blockadehaltung wichtige Chancen zur Mitgestaltung der Norm zu vergeben. Auch Regierungen erlebt der an dem Prozess beteiligte deutsche Wissenschaftler wenig aktiv. Den Diskursprozess beschrieb Wieland als anstrengend und aufwendig, aber unerlässlich für die Legitimation der Norm. „ISO 26.000 wird kommen“, versicherte er – nicht zuletzt wegen des großen Interesses von Staaten wie China.

Eine sowohl persönlich geprägte als auch grundsätzliche Bestandsaufnahme zur Geschichte von CSR-Theorie und -Praxis brachte Prof. Guido Palazzo gegen Ende der Tagung. Die CSR-Idee habe sich entwickelt – weg von der „guten Tat“ und hin zu einer Betrachtung der negativen Folgen des Managements. An die Stelle des „do good“ sei das „first do no harm“ getreten. Und CSR habe zunehmend die Betrachtung der Verantwortung entlang der ganzen Wertschöpfungskette in den Blick genommen. Unter dem Titel „Des Kaisers neue Kleider? Kritische Anmerkungen zum CSR-Boom“ setzte sich Palazzo auch mit der Rolle des DNWE auseinander. Zu oft sei dort von der Theorie her gearbeitet und zu wenig von den praktischen Problemen her gedacht worden. „Wir haben es versäumt, früh genug Unternehmen zu helfen, die neue Welt der CSR zu verstehen“, meinte Palazzo, der sich zu seinen eigenen Wurzeln im DNWE bekennt und nach seinem Beitrag nachhaltig Beifall erhielt.

Foto: Prof. Dr. Guido Palazzo bei seinem Vortrag

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