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Greenpeace kritisiert Pflanzenschutzherstellern – der Wettkampf um den Konsumenten

Hamburg > Pestizide deutscher und internationaler Chemiemultis belasten Produkte und dadurch die Gesundheit der Verbraucher. Sie können kurzfristig durch weniger schädliche Pestizide und mittelfristig durch eine biologische Schädlings- und Krankheitsbekämpfung ersetzt werden. Das sagt Greenpeace und wendet sich in dieser Woche mit einem internationalen Konzernvergleich unter dem Titel “Die schmutzigen Portfolios der Pestizid-Industrie” an die Öffentlichkeit. Die Schädlichkeit der gehandelten Pestizide wird in diesem Report völlig falsch eingeschätzt, denn die gesetzlichen Zulassungs- und Kontrollmechanismen funktionieren gut. Und auch mittelfristig können biologische Methoden den Einsatz von Pestiziden nicht ersetzen, wenn wir dem Anspruch der Welternährung gerecht werden wollen. Das sagt der Industrieverband Agrar, dem 46 Mitgliedsunternehmen mit den Geschäftsfeldern Pflanzenschutz und Schädlingsbekämpfung angehören. Die Positionen sind gegensätzlich. Erster Adressat der Greenpeace-Kampagne ist der Verbraucher:

Greenpeace baut in der Lebensmittelkette Druck auf den Einzelhandel auf, indem die Nachricht von den belasteten Lebensmitteln an deren Kunden herangetragen wird. Gesundheit ist ein Thema, das im wahrsten Sinn “unter die Haut” geht, der LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) einer der ganz großen Megatrends. Entsprechend erfolgreich zeigt sich diese Handlungsstrategie: Ähnliche Kampagnen haben in der Vergangenheit nach den Erfahrungen von Greenpeace zu wahrnehmbaren Umsatzveränderungen geführt und große Handelsketten wie Edeka, Tengelmann, REWE und andere zum Handeln veranlasst. Der Druck der Handelsketten auf ihre Zulieferer ist das Instrument, von dem sich Greenpeace eine reduzierte Verwendung von Pflanzenschutzmitteln erhofft. Im Einzelhandel sind inzwischen Ausschlusslisten von Pflanzenschutzmitteln im Gespräch, die über das gesetzlich Geforderte hinaus gehen.

Ein Thema wie dieses eignet sich für einen Unternehmenszusammenschluss wie den Industrieverband Agrar. Hier sind die Unternehmen der Branche gleichermaßen betroffen und es geht nicht um Differenzierung im Wettbewerb. Der Verband verweist auf den hohen Standard der gesetzlichen Zulassungsbestimmungen und Kontrollen. “Pflanzenschutzmittel sind so gut erforscht wie keine anderen Industrieprodukte. Das Zulassungsverfahren in Europa ist das strengste der Welt. Hunderte unabhängiger Wissenschaftler überprüfen die Sicherheit für Mensch und Umwelt, bevor ein neues Mittel auf den Markt kommt”, betont Volker Koch-Achelpöhler, Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands Agrar. Leicht ist es nicht, einmal gesätes Misstrauen zu überwinden.

Innerhalb der Europäischen Gemeinschaft werden alle in Pflanzenschutzmitteln enthalten Wirkstoffe nach einheitlichen Kriterien geprüft und – im Erfolgsfall – durch den europäischen Sachverständigenausschuss auf eine so genannte “Positivliste” der Europäischen Gemeinschaft gesetzt. Die Prüfung erfolgt durch nationale Behörden, was in Deutschland das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) koordiniert. Dieses Bundesamt ist dann auch hierzulande für die Zulassung von “fertigen” Pflanzenschutzmitteln zuständig. Dazu holt es Berichte und Stellungnahmen des Umweltbundesamt, der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft und des Bundesinstitut für Risikobewertung ein.

Derzeit entwickelt das Europaparlaments Vorstellungen zu einer Reform der Pflanzenschutzverordnung. Das Parlament will dabei für die Zulassung von Wirkstoffen so genannte K.O.-Kriterien einführen, die auf Stoffeigenschaften abheben und in ihrer derzeitigen Ausgestaltung zu einer erheblichen Reduzierung der verfügbaren Pflanzenschutzmittel führen würden. Die EU-Agrarminister wollen dazu demnächst eine gemeinsame Position abstimmen. Möglicherweise wäre allen gedient, wenn dieser politische Prozess im fernen Brüssel auch in der deutschen Öffentlichkeit stärker beachtet und transparent diskutiert würde.