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Dem Nachhaltigen Tourismus gehört die Zukunft – ein Interview

Bergfelde > Viele von uns werden in diesen Tagen zu Tourismusexperten. Learning by doing. Und manchen beschäftigt bei der Auswahl eines Reiseangebotes auch die Frage, was seine Entscheidung für die Gesellschaft und die Ökologie am Reiseziel bewirkt. Über die Nachhaltigkeit im Tourismus sprach CSR NEWS mit dem diplomierten Landschaftsplaner und Tourismusexperten Eike Otto.

CSR NEWS: Was zeichnet einen Nachhaltigen Tourismus aus? Und worin liegen für die Branche dabei die großen Herausforderungen?

Eike Otto: Nachhaltiger Tourismus trägt messbar zum Schutz natürlicher und kultureller Ressourcen bei und schafft Einkommenseffekte für die lokale Bevölkerung. Er setzt positive Zeichen und hat somit Vorbildfunktion. Dabei beschränkt sich Nachhaltigkeit im Tourismus nicht nur auf kleinteilige touristische Produkte. Auch große Tourismusanlagen können sehr wirksam Nachhaltigkeitsstrategien in ihre Konzepte einbinden.

Nachhaltigkeit ist aber nicht zum Nulltarif zu haben. Und sie muss stimmmig sein, also nicht das, was am einen Ende nachhaltig ist, am anderen Ende wieder im wahrsten Sinne „verpuffen“ lassen. Dabei spielt die Glaubwürdigkeit eine entscheidende Rolle. Ein Beispiel: ein umweltzertifiziertes Unternehmen bietet hochwertige und nachhaltige Reisen an, selbst die Kfz-Werkstatt genügt höchsten Ansprüchen. Das Problem: der Busfahrer ließ während einer Fotopause, in guter Absicht (damit es schön kühl im innern bleibt) den Motor laufen. Ergebnis: die Kunden beschwerten sich. Das Beispiel zeigt: kleine Ursache – große Wirkung. Nachhaltigkeit ist sichtbar und solche Touristen sind oft gute Detektive, schließlich haben sie Zeit und sind auf „Empfang“ geschaltet.

CSR NEWS: Kann der nachhaltigkeitsbewusste Zeitgenosse noch in die Ferne reisen? Wie und wohin?

Eike Otto: Grundsätzlich wäre es natürlich am verträglichsten, wenn man auf das Reisen verzichten würde. Allerdings wäre dies unrealistisch, zumal aktuelle Trends belegen, dass Urlaub und Reisen nach wie vor wichtige Konsumprioritäten darstellen. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass viele und insbesondere ärmere Regionen kaum Alternativen zum Tourismus als Einnahmequelle haben. Zudem stellt sich die Frage, ob Schutzgebiete wie z.B. der Serengeti-Nationalpark oder auch zahlreiche kulturell bedeutsame Stätten heute ohne den Wirtschaftsfaktor Tourismus überhaupt noch existieren würden.

Ich stelle in meiner Beratungstätigkeit immer wieder fest, wie schnell Naturlandschaften verschwinden, oft in einem atemberaubenden Tempo. Den Interessen von Holzhändlern oder Gummiplantagenbetreibern, um einmal ein Beispiel zu nennen, kann man nur die Wirtschaftskraft des Tourismus entgegensetzen. Die Flosse eines Walhais für die bekannte Haifischflossensuppe bringt einigen in kurzer Zeit viel Gewinn, in der Gesamtbetrachtung „verdient“ ein Walhai für den Tauchtourismus ein Vielfaches davon. Davon profitieren dann mehrere, deren Job in Verbindung mit dem Tauchtourismus steht.

Technisch ausgereifte Flugzeuge stellen natürlich keine Umweltentlastung dar, wenn die Zahl der Flüge weiter zunimmt. Es ist auch schwer nachvollziehbar, wieso Pkw Umweltplaketten brauchen und Kreuzfahrtschiffe, die ungemeine Schadstoffmengen ausstoßen, nicht. Insofern bleibt uns nur zu hoffen, dass bald neue Technologien zum Einsatz kommen, sowohl im Fern- als auch im Nahreiseverkehr.

Daher meine Empfehlung: Reisen ja, aber so verträglich wie möglich. Atmosfair und myclimate sind erste Antworten, künftig werden sicher noch weitere in Erscheinung treten.

CSR NEWS: Welchen Anteil hat der Nachhaltige Tourismus heute am Gesamtgeschäft?

CSR NEWS: Welche Perspektiven sehen Sie für dieses Marktsegment?

Eike Otto: Der nachhaltige Tourismus entwächst langsam seinem Nischendasein. Allerdings gilt der Begriff heute nicht mehr für die Schublade, die es vielleicht noch vor zehn Jahren gab. Es gibt immer mehr touristische Produkte, gerade im hochpreisigen Segment, die nachhaltig sind, sich aber so nicht explizit nennen. Das fängt bei der Planung und dem Bau von Hotels an, die Bezug auf die Gegebenheiten der Landschaft nehmen und lokaler Traditionen einbeziehen. In der Wüste sehen Gebäude eben anders aus als in den Tropen oder in den Alpen. Oder Unternehmen engagieren sich aktiv im Bereich Naturschutz und Soziales.

Nachhaltigkeit wird immer selbstverständlicher, das ist im Tourismus nicht anders als in der Lebensmittelbranche. Sie finden heute kaum noch einen großen touristischen Veranstalter, der dieses Thema nicht aufgreift. Dabei sind wir da in Deutschland schon recht weit. Im Ausland, insbesondere in Asien, so meine Erfahrung, müssen wir noch sehr viel Überzeugungsarbeit leisten.

CSR NEWS: Stehen am Ende Nachhaltiger Tourismus im Mainstream und bei Spezialveranstaltern gegeieinander?

Eike Otto: Es wird immer Touristen geben, für die die Form des Swimmingpools und die all inclusive Leistungen am Buffet wichtiger sind als der Ort, wo sie ihren Urlaub verbringen. Allerdings bin ich sicher, dass im Zuge der steigenden Energiepreise und des Klimawandels die touristische Weltkarte in Zukunft neu gezeichnet wird. Der konventionelle Tourismus dürfte künftig eher abnehmen – zugunsten nachhaltiger Angebote. Nicht weil wir alle auf einmal bessere Menschen werden, sondern, weil es einfach zunehmend unwirtschaftlicher wird. Im Kleinen kann man das heute schon gut beobachten. Aber, vielleicht bin ich da auch etwas zu optimistisch.

CSR NEWS: Mit welchen Argumenten würden Sie einen Reiseveranstalter vom Nachhaltigen Tourismus überzeugen?

Eike Otto: Die Frage in den Hotelzimmern dieser Welt, ob man sein Handtuch auf den Boden werfen oder noch einmal benutzen möchte, wirkt heute schon fast altmodisch. Qualität macht sich bezahlt und Kunden sind in der Regel auch bereit, für glaubwürdige Produkte entsprechend mehr auszugeben. Ich rate der Tourismusindustrie, hier rechtzeitig die Zeichen der Zeit zu erkennen und nicht in die gleiche Falle zu tappen, in der sich die Automobilwirtschaft derzeit offenbar befindet. Sobald schicke und umweltfreundliche Autos in unseren Städten herumfahren wird der spritfressende Geländewagen vom Lifestyleartikel zum Makel, wir werden das sehr bald schon beobachten können.

CSR NEWS: Können Sie uns ein besonders gutes Beispiel dafür nennen, wie ein Nachhaltiger Tourismus zur sozialen und ökologischen Entwicklung einer Region beigetragen hat?

Da gibt es einige. Ich nenne einmal Chumbeisland in der Nähe von Zanzibar in Tansania. Dies ist eines der „ältesten“ nachhaltigen Tourismusprojekte, deren Entstehung ich mitverfolgen konnte und die über alle Hürden hinweg noch immer bestehen und Leuten Arbeit geben, die Umwelt schützen, das Umweltbewusstsein in der Region aktiv entwickeln und auch noch Touristen strahlen lassen. Die zahlreichen internationalen Preise sprechen für sich. Es gibt natürlich zahllose weitere Beispiele und Veranstalter, auch hier in Europa. Ich arbeite gerade an einer Zusammenstellung. Ein weiterer guter Ansatz ist sicher auch das Forum Anders Reisen, wo nachhaltige Reisen ausgewählter Veranstalter gebucht werden können. Und es gibt die Wettbewerbe „To do“ auf der Internationalen Tourismusbörse sowie den „Geotourism Challenge“ von National Geographic, um zwei Beispiele zu nennen.

CSR NEWS: Besten Dank für die Informationen!

Weitere Informationen zum Autor und zum Thema im Internet:
www.sustainable-toursim.com
www.nachhaltiger-tourismus.com

Übrigens: Eike Otto spricht am 10. Juli von 18.30 bis 20.00 Uhr im Solardesign-Center der Systaic AG in Berlin zum Thema. Die Veranstaltung ist kostenlos, eine Anmeldung erforderlich: EDC Berlin, Im Spreekarree, Friedrichstraße 136, 10117 Berlin.