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Togo ist weit von Millenniums-Zielen entfernt – was Unternehmen tun können

Drage/Elbe > Der in Westafrika gelegene Kleinstaat Togo war bis zum ersten Weltkrieg eine deutsche Kolonie. Autokratische Herrscher haben das Land in den zurückliegenden Jahren in den Ruin getrieben. Das Bruttosozialprodukt liegt nach aktuellen Schätzungen bei 225 Euro pro Kopf. die Auslandsschulden belaufen sich danach auf etwa 1,4 Mrd. Euro. Die Kindersterblichkeit liegt über 14%. Was kann die internationale Gemeinschaft und was können Unternehmen leisten, um die Situation in Togo zu verbessern? CSR NEWS fragte Heike Eggers, die Gründerin von ana yi africa – Brücken nach Afrika e.V.

CSR NEWS: Worin liegen die größten Herausforderungen, wenn die Millenniums-Ziele in Togo erreicht werden sollen?

Heike Eggers: Togos größtes Probleme sind die extreme Armut – man geht davon aus, dass 65 % der Togoer in extremer Armut leben – die schlechte Gesundheitsversorgung (in Folge dessen die Kindersterblichkeit hoch) und das mangelhafte Bildungsniveau.

Die Nahrungsmittelpreise sind sehr hoch. Der Preis für ein Kilogramm Mais hat sich in den letzten Monaten von 130 % gesteigert. Mais ist ein Hauptnahrungsmittel. Die in Togo hergestellten landwirtschaftlichen Produkte – etwa der Kaffee – werden zu einem zu geringen Preis eingekauft. Es gibt keinen fairen Handel und die gezahlten Preise sind so niedrig, dass die Produzenten decouragiert sind, überhaupt noch etwas herzustellen.

CSR NEWS: Woraus resultiert diese Armut, und was kann in Togo zu ihrer Überwindung getan werden?

Heike Eggers: Ein Grund für die Armut ist: Unter Präsident Eyadema hatte die EU die Kooperation wegen einem „Mangel an Demokratie“ gekündigt. Bis zu diesem Zeitpunkt mit Entwicklungshilfegeldern finanzierte Hilfsprogramme zur Alphabetisierung, Familienplanung, Aids-Sensibilisierung oder Programme zur Verringerung der Säuglings- und Müttersterblichkeit wurden 1993 eingestellt. Das Land versank in Isolation.

Die politische Lage galt nach den turbulenten Präsidentschaftswahlen von Ende April 2005 und den folgenden gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der Opposition und Sicherheitskräften lange Zeit als angespannt. Die Parlamentswahlen im Oktober 2007 verliefen friedlich und wurden von den Beobachtergruppen als im Großen und Ganzen korrekt durchgeführt anerkannt.

Ende November 2007 hat die EU nach 14 Jahren die Entwicklungszusammenarbeit mit Togo wieder aufgenommen. Der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland besucht Togo im Februar 2008; dies war der erste offizielle Besuch eines deutschen Politikers seit 1993. Die Deutsche Botschaft in Togo verwaltet ein Budget für Entwicklungshilfe, das 10 Projekte à maximal 8.000 Euro unterstützt. Es gibt ein Goetheinstitut – wohl beruhend auf der Tatsache, dass Togo deutsche Kolonie war. Und Togo bleibt von der Länderliste des BMZ ausgeschlossen. Das ist gravierender, als man zunächst denkt. Denn es führt für Projekte in Togo zum Ausschluss von Stiftungsförderungen und Programmen der Entwicklungszusammenarbeit, wie ich selbst erleben musste.

Togo hat kein Öl und auch sonst keine sehr begehrten Bodenschätze, nur Bauxit. Das Land steckt also in einer Isolation. Die Spedition Transhanseatic, die alle 2 Wochen mit Grimaldi Togo anfährt, teilte mir mit, dass Zuladungen zu Containern von Hamburg nach Lomé sehr wohl, von Lomé nach Hamburg aber nicht möglich seien, da die Container Lomé fast alle leer verließen; es gibt keinen oder kaum Export und wenn, dann muss man einen ganzen Container füllen. Bleibt der Export mit AirFrance; 90 Kilogramm kosteten uns das letzte Mal 400 Euro nur an Fracht.

Da das Bildungsniveau nicht hoch ist, beteiligen sich die Togolesen nicht an internationalen Diskussionen, sie sind nicht vernetzt, sie nehmen nicht an internationalen Konferenzen teil.

CSR NEWS: Welche Rolle spielen lokale Unternehmen in Togo zur Überwindung der Armut?

Heike Eggers: Es gibt kaum lokale Unternehmen, die mehr tun, als für das Überleben zu produzieren. Die Produkte, die wir importieren (außer unserer Sheabutter), werden von den Togolesen selbst nicht gekauft; sie sind zu teuer. Unser Skulpteur fertigt also für den auch nicht sehr ausgeprägten Tourismusmarkt und exportiert nach Ghana. Es gibt kaum die Idee des Unternehmertums, keinen Mittelstand, keine funktionierenden lokalen Märkte und es gibt keinen Fairen Handel. Unser Projekt ist der erste faire Handel in Togo.

CSR NEWS: Welche Rolle können internationale Unternehmen und NGOs dabei spielen?

Heike Eggers: Die Rolle, die internationale Unternehmen bisher spielen, ist unrühmlich. Am Strand von Lomé sieht man am Horizont die industriellen Fischfabriken, die das Meer leerfischen, während die einheimischen Fischer mit ihren Piroggen ausfahren und ihre Netze von Hand auswerfen. Sie fangen immer weniger. Die Geflügelhersteller leiden unter dem subventionierten Hühnerklein, das unter Unterbrechung der Kühlkette von der EU nach Afrika geschafft wird, weil wir hier nur Hähnchenbrustfilet und Schenkel essen. Diese Importe machen in Togo die einheimischen „Poulets de Bicyclettes“ unverkäuflich, um die bekanntesten Beispiele zu nennen.

Die NGOS, die in Togo sind, sind nicht so viele. Über die Kleineren vermag ich nicht viel zu sagen; ich glaube, dass sie teilweise ganz gute Entwicklungsansätze haben. Die Großen hingegen nutzen die vorhandenen Strukturen und, so drückt es mein Partner aus, begleiten die Armen in ihrer Armut, verteilen Nahrungsmittel bei Überschwemmungen, tun aber nichts gegen die Ursachen an sich; sie begleiten die armen Menschen, sie helfen ihnen, in Armut zu überleben, aber sie ermöglichen es ihnen nicht, die Armut zu verlassen.

CSR NEWS: Wie stellt sich die Lage in Togo im Vergleich zu anderen Ländern Sub-Sahara-Afrikas dar?

Heike Eggers: Togo dürfte wohl mit das ärmste Land in der Region sein. Seine Nachbarn Ghana, Benin, Burkina Faso sind sämtlich auf der Länderliste des BMZ vertreten und werden international anders wahrgenommen und gefördert. Nigeria ist ein Beispiel für den wirtschaftlichen Aufschwung in der Region und zieht die jungen Togolesen an, die das Land verlassen, sich Richtung Nigeria, Benin und Ghana aufmachen (oder auch nach Europa), um dort zu leben, weil sie in Togo keine Perspektive für ihre Zukunft sehen. Das Bild sieht sehr düster aus.

CSR NEWS: Was ist Ihr Ansatz, und wie können Unternehmen daran partizipieren?

Heike Eggers: Unser Ansatz: ana yi africa heißt Brücken nach Afrika auf Ewe, einer in Togo gesprochenen Sprache. ana yi africa – Brücken nach Afrika e.V. möchte eine Verbindung zwischen beiden Kontinenten schaffen, mit folgenden Zielen:

– die Grenzen abzubauen, die in unseren Köpfen existieren,
– einen Austausch beider Kulturen zu fördern und voneinander zu lernen,
– diesem Planeten ein menschlicheres Gesicht zu geben,
– mit unterschiedlichen Projekten die Menschen zu unterstützen, eigenverantwortlich und absehbar unabhängig Schritt für Schritt aus der Armut herauszufinden und sich langfristig eine eigene Existenz aufzubauen.

Mit unseren Projekten füllen wir die 8 Millenniums-Entwicklungsziele mit Leben. Dazu gehören Schulprojekt und Schulkantinen, Lehrerschulung und Schulunterricht, Mikrokredite; Fairer Handel, die Unterstützung der Initiative Adakavi Vovo (eine Genossenschaft und Mikrokreditgruppe), das Waschzentrum Femmes pour Femmes in Lomé, der Aufbau von Wasserversorgung und Sanitäranlagen oder die Malariakampagnen „Roll back Malaria“. Unser Millenniumsdorf Gnivé pflanzte im Rahmen der UN-Aktion Plantons pour le Planète Bäume, seit diesem Monat pflanzt das Dorf 5.000 Bäume mit Microsoft.

CSR NEWS: Wie können Unternehmen daran partizipieren?

Heike Eggers: Unternehmen können mit uns kooperieren: einen Vortrag buchen, ein Konzept mit mir entwickeln, unsere Produkte kaufen oder als Kundengeschenke einsetzen, unser Baumpflanzprojekt unterstützen und Bäume „kaufen“.

Sinnvoll sind insbesondere Investitionen in Togo, indem z.B. langfristig rückzahbare Mikrokredite vergeben werden oder Investitionen direkt in Zukunftsbranchen fließen (Verbesserung der Landwirtschaft, Verbesserung des Niveaus der Nahrungsmittelverarbeitung und – konservierung, Investition in Sonnenenergie, Verbesserung der Wasserqualität). Eine weitere Möglichkeit ist der Direktimport von Produkten aus Togo zu fairen Preisen. Und Unternehmen können beim BMZ einfordern, dass Programme der Public Privat Partnership auch für Togo gefördert werden und die ehemalige deutsche Kolonie mehr Unterstützung erfährt.

Bei Investitionen in Togo darf der Return on Investment nicht zu schnell erwartet werden. Bei einer Investition in Solaraufladestationen etwa, die Petroleumlampen ersetzen können. Statt Dieselgeneratoren zu betreiben, erscheint die Investition in Photovoltaik wichtig. Statt mit Holz kann mit Solarenergie gekocht oder mit Rocket Stoves gekocht werden, die nur 25 % der Energie verbrauchen. So können Menschen das Geld, das sie sonst in Holz, Petroleum, Holzkohle investieren, an den Investor aus dem Ausland zurückzahlen. So können echte Einsparungen erzielt und umweltfreundliche Techniken genutzt werden. Diese Technik ist vorhanden; sie ist nur sehr teuer und daher für diejenigen, die sie am sinnvollsten nutzen können, unerschwinglich. Hier ist ein Pool von Unternehmern mein Traum, die in diesen Topf einzahlen und auf der anderen Seite an Menschen auszahlen, die sich über unser Programm vor Ort für diese Investition qualifiziert haben. All dies kombinieren wir mit unserem Wiederaufforstungsprojekt, bei dem verschiedene Gehölze gepflanzt werden, auch fruchttragende Bäume. Microsoft hat uns Vertrauen geschenkt und es uns möglich gemacht zu zeigen, wovon wir reden.

Die international tätigen Microcredit-Institute wie Grameen und Oikocredit sind – wie sollte es anders sein – in Togo nicht vertreten. Togo braucht also private Investoren, um sich entwickeln zu können.

CSR NEWS: Herzlichen Dank den Austausch!

Weitere Informationen im Internet:
www.bewegnungen.de
www.anayiafrica.de

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