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CSR in China braucht die Zivilgesellschaft

Berlin > Die olympischen Spiele stehen heute im Mittelpunkt des Medieninteresses – und die Menschenrechtslage in China. Mit in den Fokus geraten dabei im Reich der Mitte engagierte Unternehmen und ihre gesellschaftliche Verantwortung. Wie steht es um die Corporate Social Responsibility chinesischer Unternehmen? CSR NEWS fragte Peter Kromminga, Geschäftsführer der Bundesinitiative „Unternehmen: Partner der Jugend“ (UPJ) e.V., der Beijing im Juli als Referent einer CSR-Schulung besuchte:

CSR NEWS: Herr Kromminga, im Juli waren Sie zu einer CSR-Schulung für die Vertreter kleiner und mittlerer Unternehmen in China. Welche Eindrücke haben Sie von dort mitgebracht?“

Peter Kromminga: Eines vorweg: Ich bin kein China-Experte. Aber mein Eindruck von der Konferenz und den Gesprächen am Rande mit Vertreterinnen und Vertretern von Unternehmen, von KMU-Verbänden und von Provinzregierungen war: CSR nimmt eine sehr dynamische Entwicklung in China. Das hat verschiedene Gründe. Der wichtigste Grund, so scheint es mir, ist die Erkenntnis, dass die sozialen und ökologischen Folgen des rapiden Wirtschaftswachstums der Entwicklung Chinas zunehmend Grenzen setzen. Die chinesische Regierung verfolgt das Leitbild einer „harmonischen Gesellschaft“, die wirtschaftliche Interessen mit sozialen und ökologischen Interessen in Einklang bringen soll. Und in diesem Rahmen hat das Thema CSR eine wichtige strategische Bedeutung, was aber nicht bedeutet, dass das CSR – Konzept bereits in der chinesischen Wirtschaft angekommen sei. Es bedeutet aber schon, dass nationale Ministerien und die Provinzen nach Möglichkeiten suchen, das CSR-Konzept zu verbreiten. Darum ging es letzten Endes auch bei meinem Input bei der Konferenz: Mit welchen Ansätzen und Maßnahmen wird eigentlich in Deutschland und Europa CSR in der Wirtschaft und insbesondere bei Mittelständlern vorangebracht, und gibt es Ansätze, die in China übertragbar sind.

CSR NEWS: Welche Themen aus dem Spektrum der Corporate Social Responsibility sind für die chinesische Wirtschaft besonders aktuell und wichtig?

Peter Kromminga: Natürlich spielt aus der Sicht der Wirtschaftsvertreter die Position vieler chinesischer Unternehmen in den Lieferketten multinationaler Unternehmen eine wichtige wenn nicht sogar die wichtigste Rolle. Das spiegelte sich auch in den Rückfragen und Debattenbeiträgen während der Konferenz wider. „Wir befinden uns in einer schwierigen Situation“, so die Botschaft. „Auf der einen Seite besteht ein enormer Kostendruck seitens der Unternehmen, an die wir liefern, gleichzeitig wird aber von uns die Einhaltung von internationalen sozialen und Umweltstandards erwartet. Das ist nicht einfach in Einklang zu bringen, wenn wir im Geschäft bleiben wollen.“ In diesem Zusammenhang wird in China sehr genau auf die Entwicklung des ISO-Standards 26.000 zur gesellschaftlichen Verantwortung von Organisationen geschaut und welche Bedeutung diesem Standard möglicherweise in Zukunft zukommen wird.

CSR NEWS: Wo und wie gibt es erste Ansätze für CSR in China in Unternehmen, Verbände und der Politik?

Peter Kromminga: Wie gesagt: CSR hat im Rahmen des Leitbilds einer „Harmonischen Gesellschaft“ eine hohe strategische Bedeutung für die chinesische Politik und Administration. Das belegt auch die Teilnahme von vielen Vertreterinnen und Vertretern der Provinzregierungen an der Konferenz. Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des CSR-Konzeptes spielt das Sino-German-CSR-Project, das gemeinsam von der deutschen GTZ und der Organisation China WTO-Tribune umgesetzt wird, die diese Konferenz und bereits im letzten Jahr gemeinsam mit CSR Europe eine CSR-Konferenz durchgeführt haben. Die größte Herausforderung wird nach meinem ersten Eindruck darin bestehen, in den Provinzen und regional Maßnahmen aufzusetzen, die die Unternehmen tatsächlich erreichen, ein Verständnis für CSR wecken und den Unternehmen Instrumente an die Hand geben, CSR in den Unternehmen umzusetzen.

CSR NEWS: Welchen Beitrag können internationale Unternehmen zur Förderung der gesellschaftlichen Unternehmensverantwortung in China leisten? Und welche Rolle spielt die Sicherung internationaler Supply Chains in diesem Zusammenhang?

Peter Kromminga: Natürlich kommt den internationalen Unternehmen und zuerst denen, die selber mit Niederlassungen oder Joint Ventures in China vertreten sind, eine besondere Bedeutung als Vorbilder zu. BASF, das mit ihrer CSR-Verantwortlichen für China auf der Konferenz vertreten war, und andere deutsche Unternehmen erfüllen diesen Anspruch und sind deshalb auch willkommene Gesprächspartner für die chinesische Wirtschaft und Administration zu der Frage, wie CSR in der alltäglichen Unternehmenspraxis umgesetzt werden kann.
Unabhängig davon braucht es aber meiner Einschätzung nach noch mehr undumfänglichere Initiativen von internationalen Unternehmen als bisher, die nicht nur sagen „Friss unsere vorgegebenen Standards oder stirb!“ sondern die ihre Zulieferer dabei praktisch unterstützen, ihr Unternehmen gemäß internationaler Sozial- und Umweltstandards und gleichzeitig erfolgreich zu managen.

Auf der anderen Seite kann man die chinesische Wirtschaft schon lange nicht mehr nur als „Zulieferer“ betrachten. Chinesische Unternehmen treten selbst überall auf der Welt als Investoren auf wie zum Beispiel in Afrika. Und dabei wird es darauf ankommen, dass die chinesische Unternehmen selbst in ihrer Supply Chain verantwortlich handeln. Auch das wurde auf der Tagung angesprochen. Insgesamt wächst deshalb in China und global die Bedeutung und die tatsächliche Durchsetzung und Anwendung internationaler Sozial- und Umweltstandards.

CSR NEWS: Was kann CSR für die chinesische Gesellschaft bedeuten? Wo besteht besonderer Handlungsbedarf?

Peter Kromminga: Besonderer Handlungsbedarf, aber das ist auch nur ein erster flüchtiger Eindruck, besteht darin, dass die chinesischen Wirtschaft und jedes einzelne Unternehmen sich stärker als bisher als Teil der Gesellschaft verortet und nicht isoliert nur auf kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolg orientiert. In diese Richtung ging auch der Input des Vertreters der GTZ auf der Konferenz, der sich mit dem CSR und regionaler Wettbewerbsfähigkeit befasste. Also: Wie können Unternehmen gemeinsam mit den anderen Akteuren aus Politik und Verwaltung und zivilgesellschaftlichen Organisationen das Gemeinwesen sozial und ökologisch gestalten und damit auch die Voraussetzungen für langfristigen wirtschaftlichen Erfolg schaffen. Allerdings, und das ist unbestritten, bedarf es dazu in China noch wesentlich ausgeprägterer zivilgesellschaftlicher Strukturen.

CSR NEWS: Herzlichen Dank für Ihre Eindrücke und Erfahrungen!

Foto: UPJ-Geschäftsführer Peter Kromminga in Beijing (UPJ)

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