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Corporate Citizenship in Deutschland: Forschungsstand

Ein Gastbeitrag von Judith Polterauer.

Der wissenschaftliche Forschungsstand zu Corporate Citizenship lässt sich eigentlich kurz zusammenfassen: Kaum vorhanden. Gleichwohl existieren zahlreiche Studienergebnisse über das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen. Beispielsweise ist zu lesen, dass sich – abhängig von der Unternehmensgröße – zwischen 80-100% der Unternehmen in Deutschland engagieren.

Aber was wird bei solchen (öffentlichkeitswirksamen) quantitativen Studien eigentlich erfragt? Das persönliche Engagement der Unternehmerperson? Spenden- und Sponsoringausgaben? Die Aus- und Weiterbildung der eigenen Mitarbeiter zur Verbesserung deren Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz – oder geht es um weitergehendes Bildungsengagement? Oder wird unter Corporate Citizenship jede Form von Handeln eines Unternehmens verstanden, das nicht rein und ausschließlich der direkten betriebswirtschaftlichen Gewinnerzielung dient?

Aus einer weiteren Perspektive lässt sich fragen: Ist mit dem Begriff Corporate Citizenship bzw. den Corporate Citizens eine Tätigkeit (Engagement) gemeint, oder vielmehr dessen Resultat: ein Unternehmen, das als engagierter Bürger wahrgenommen wird? So würde jedenfalls die Überlegung Sinn ergeben, Corporate Citizenship nütze der Reputationssteigerung und gegen den gesellschaftlichen Vertrauensverlust von Unternehmen. Und wenn dies so ist, bleibt die Frage, ob es eine wertende Instanz gibt, die entscheidet, ob und wann ein Unternehmen ein („good“) Corporate Citizen ist. Aktuell übernehmen diese Aufgaben meist Wettbewerbe oder Rankings.

Begriffsklärung und fehlende Organisationsforschung

Unter anderem gilt es diese Fragen zu klären, bevor „Corporate Citizenship“ sinnvoll erforscht werden kann. Die Einführung dieses neuen Begriffs ist dann gerechtfertigt, wenn damit die reale Praxis besser als mit den bereits eingeführten Begriffen wie Mäzenatentum, sozialem Engagement oder Philanthropie beschrieben werden kann oder wenn mit dem Begriff ein neues Phänomen abgebildet wird. Andernfalls müsste man die Verwendung und die Diskussion um Corporate Citizenship tatsächlich als „Mode“ oder „Marketing-Trick“ interpretieren, dem man in der wissenschaftlichen Forschung bestenfalls unter diesem Blickwinkel Beachtung schenken dürfte.

Ein herausragendes Merkmal von Corporate Citizenship ist sein Organisationsbezug. Sowohl die Rede vom „business case“, also einem unternehmerischen Nutzen, als auch von der strategischen Einbindung des Engagements in Unternehmensziele und nicht zuletzt auch die Begriffsverwendung „Corporate“ weisen darauf hin, dass es um handelnde bzw. engagierte Organisationen geht. Dieser Organisationsbezug ist forschungstechnisch sehr anspruchsvoll und wird bisher – mit wenigen Ausnahmen (z.B. Bernhard Seitz) – weder theoretisch noch empirisch thematisiert oder umgesetzt.

In den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, wo man vor allem Forschungsarbeit zu diesem Thema erwarten kann, ist vor allem das Fehlen von volkswirtschaftlicher Forschung auffällig; in den Wirtschaftswissenschaften dominiert die Betriebswirtschaftslehre. Die politikwissenschaftliche Diskussion verortet das Thema vor allem im Kontext der Global Governance und in der Soziologie gibt es sehr zaghafte Versuche einer gesellschaftstheoretischen Interpretation. Interessante und thematisch anschlussfähige Arbeiten findet sich in den Disziplinen, die schon seit längerem an den Rändern beider Disziplinen arbeiten: Die Wirtschafts- und Unternehmensethik, das Umweltmanagement und die Nachhaltigkeitsforschung.

Empirische Forschung: Von den Quellen, der Methodik und verborgenen Schätzen

Erste quantitative Erhebungen, die sich auf Corporate Citizenship oder – den in der Regel äquivalent verwendeten Begriff Corporate Social Responsibility – beziehen, wurden vor allem von gesellschaftspolitischen Akteuren in Auftrag gegeben (z.B. die forsa Studie im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft). Auch die immer größer werdende Anzahl an quantitativen Studien, die von PR- und Unternehmensberatungsfirmen durchgeführt werden, ist auffällig. Eher vereinzelt wird mit qualitativen Untersuchungen, wie etwa Fallstudien, das Corporate Citizenship-Engagement analysiert und beispielsweise nach gelingenden Kooperationsmustern oder der gesellschaftlichen Wirkung gefragt.

Ein grobes Bild über die Art und Weise freiwilligen Engagements von Unternehmen kann man aber dennoch mit einer, vor allem methodisch-aufmerksamen und studien-vergleichenden Durchsicht der bestehenden Publikationen gewinnen. Einige ausgewählte Ergebnisse in Kürze:

Bei den Engagementformen dominiert das Instrument der Spende, während neuere Formen, wie beispielsweise die Unterstützung von Mitarbeiterengagement, weniger verbreitet sind.

Gefördert werden vor allem die Engagementbereiche Soziales, Kultur und Sport, während die Bereiche Wissenschaft, Bildung und Umwelt weniger Berücksichtigung finden. Diese Aussagen differieren aber auch hinsichtlich der Engagementform (z.B. Spenden, Sponsoring, Stiften).

Die strukturelle Verankerung von Corporate Citizenship im Unternehmen ist eher gering. Das zeigt sich nicht nur in den Antworten auf die konkrete Frage nach den Verantwortlichkeiten oder dem Bezug zur Unternehmensstrategie, sondern auch daran, dass im Unternehmen die Gesamtausgaben für Engagement nicht erfasst werden (die verschiedenen Engagementformen werden auch betriebswirtschaftlich unterschiedlich verrechnet). Werden dennoch in Studien die Gesamt-Engagementausgaben berechnet, so zeigt sich, dass die Engagementaufwandquote im negativen Zusammenhang zur Unternehmensgröße steht: Je kleiner das Unternehmen, desto höher die Engagementaufwandquote, also die Gesamtausgaben für Engagement – finanzieller oder geldwerter Art – im Verhältnis zur Größe des Unternehmens (gemessen z.B. am Umsatz).

Zusammenfassung/ Auszug aus: Unternehmensengagement als „Corporate Citizen“. Ein langer Weg und ein weites Feld für die empirische Corporate Citizenship-Forschung in Deutschland. In: Holger Backhaus-Maul, Christiane Biedermann, Stefan Nährlich, Judith Polterauer (Hrsg.): Corporate Citizenship in Deutschland. Bilanz und Perspektiven. Wiesbaden, VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S. 149–182.

Dazu auch: Polterauer, Judith (2008): Corporate-Citizenship-Forschung in Deutschland. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, H. 31, S. 32-38.

Judith Polterauer ist Soziologin und verantwortet als Projektleiterin den Arbeitsbereich Bürgergesellschaft bei der Aktiven Bürgerschaft, dem Kompetenzzentrum für Bürgerengagement der Volksbanken Raiffeisenbanken. Sie promoviert an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg über Corporate Citizenship im Mittelstand. Kontakt: judith.polterauer@aktive-buergerschaft.de

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