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Natursteine brauchen mehr Verantwortungsübernahme in der Supply Chain

Berlin > 80 Prozent der in Deutschland verbauten Natursteine stammen aus Asien, ein großer Teil davon aus Indien. Das Verbot von Kinderarbeit, gesetzliche Regelungen der Beschäftigung und Arbeitsschutzbestimmungen finden in der Praxis kaum Beachtung. Staublungen sind als Berufskrankheit weit verbreitet; die durchschnittliche Lebenserwartung der Arbeiter liegt bei 40 Jahren. Trotzdem: Nur eine Minderheit der deutschen Steinimporteure übernimmt bisher soziale Verantwortung für ihre Zulieferkette. Dabei bieten sich interessante Alternativen.

Ende der 90ger Jahre erreichte eine Schwemme an Granitrohblöcken und fertigen Grabsteinen aus Indien den deutschen Markt. Große und mittlere Unternehmer bauten Handelsbeziehungen zu Indien auf. Mehrere Freiburger Steinmetze wollten dabei verantwortlich handeln und keine unter Beteiligung von Kinderarbeit gewonnenen Steine importieren. Sie wandten sich deshalb an Benjamin Pütter, einen Kinderarbeitsexperten von MISEREOR. Pütter besuchte unangemeldet indische Steinbrüche und stellte dabei fest: Kinderarbeit war in der harten Branche weit verbreitet, etwa 60% der Arbeiter waren unter 16 Jahren alt. Im Jahr 2003 nahm Pütter ein deutsches Fernsehteam in diese Steinbrüche mit. Der Bericht rüttelte die Öffentlichkeit auf. Im Jahre 2005 wurde der Verein XertifiX gegründet. Die Idee: Mit einer Siegelung der Steine aus Indien sollen Kinderarbeit, Arbeitsrechts- und Arbeitsschutzverstöße verhindert werden. Jeder Stein besitzt einen eindeutigen geologischen Fingerabdruck, sodass seine Herkunft jederzeit nachweisbar ist. Mitarbeiter lokaler Hilfswerke dienen als Kontrolleure und besuchen die Steinbrüche. Wo Kinderarbeit angetroffen wird, da wird nicht nur dokumentiert und berichtet, sondern auch geholfen: MISEREOR erhält einen Teil der Gebühren, die Importeure für die Siegelung ihrer Steine zahlen, und ermöglicht den betroffenen Kindern damit den Ausstieg aus der Kinderarbeit und den Einstieg in die Schulbildung. Fast die Hälfte des Jahres verbringt Pütter selbst in Indien. Er freut sich über eine steigende Anzahl von Menschen in der wachsenden indischen Mittelschicht, die Vermeidung von Kinderarbeit und faire Arbeitsbedingungen zu ihrem Thema machen. Und er will nicht hinnehmen, dass bisher nur ein sehr geringer Teil der Natursteinimporteure und -verarbeiter in Deutschland Verantwortung für die Herstellungsbedingungen dieser Steine übernimmt. Das soll sich ändern. Im Vorstand von XertifiX ist die IG Bau vertreten, und auch mit dem Bundesverband der Steinmetze gibt es konstruktive Gespräche.

Ein anderes interessantes Projekt für den Subkontinent startete im Februar, heißt FAIR STONE Indien und wird von der Agentur Win=Win und Dr. Heinecke Werner getragen. Über 120 Unternehmen sprach Werner auf das Thema Faire Herstellungsbedingungen an, sechs erklärten sich schließlich zur Kooperation bereit. In der vergangenen Woche stellte Werner die „Social Standards for the Natural Stone Industry“ der Öffentlichkeit vor, die er gemeinsam mit der Steinbruch Berufsgenossenschaft, internationalen Arbeitsrechtsexperten und dem Handel erarbeitete. Auf 13 Seiten werden hier sehr ausführlich Standards für die Arbeit in der Natursteinindustrie beschrieben. Das Werk gibt damit den Herstellern eine Richtschnur für die Entwicklung ihrer Betriebsstätten. Bis Mitte Oktober findet nun ein Stakeholderdialog zu diesen Standards statt, der in eine Empfehlung an die Natursteinwirtschaft münden soll. Im November wird es dann ernst: Der TÜV wird nach den neuen Standards zertifizieren. Gemeinsam mit den sechs kooperierenden Unternehmen werden die Fair Stone Standards auf Indien übertragen. Ansonsten arbeitet das FAIR STONE Projekt in China und bietet Lieferanten aus der Region Fujian Kooperationsvereinbarungen an, die sie zu FAIR STONE Lieferanten machen – nicht nur auf dem Papier. In Bezug auf Indien verzeichnet Werner derzeit eine deutlich steigende Nachfrage von Unternehmen. Und auch in Deutschland sieht er interessante Entwicklungen:

Seit dem 1. Juni lässt das Friedhofsamt München nur noch Grabsteine zu, deren Herkunft aus fairem Handel nachweisbar ist. Vielleicht werden ja weitere Friedhofsämter diesem Beispiel folgen.

Weitere Informationen im Internet:
www.fairstone.win–win.com
www.xertifix.de