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CSR in Südafrika: Viel mehr als Wiedergutmachung

Kapstadt > Südafrika beschäftigt die Weltöffentlichkeit: Aktuell der Wechsel an der Regierungsspitze des Landes, mittelfristig die Fußballweltmeisterschaft, in der jüngsten Vergangenheit ethnische Konflikte. Wie nehmen (internationale) Unternehmen in dieser Situation gesellschaftliche Verantwortung war? Was erwartet die südafrikanische Gesellschaft selbst von Unternehmen und welche Bewegungsräume gibt es? CSR NEWS fragte dazu die Diplom-Ökonomin und Diplom-Kultur- und Medienmanagerin Sandra Claassen, Mitinhaberin der Agentur INCHARGE African Projects for unique CSR-Strategies.

CSR NEWS: Frau Claassen, gibt es in Südafrika selbst eine Diskussion zur Corporate Social Responsibility von Unternehmen?

Sandra Claassen: Ja, sogar eine recht intensive. Allerdings hat sich aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Isolation während der Apartheid ein eigenes Verständnis von CSR entwickelt, das vom Betrachter als „Wiedergutmachung“ gesehen werden kann. So haben sich südafrikanische Unternehmen auch schon während Apartheidzeiten auf philanthropisches Engagement konzentriert. Hierzulande wird es als Corporate Social Investment (CSI) bezeichnet. Seit Ende der Apartheidpolitik müssen sich Unternehmen zusätzlich mit dem Thema „Black Economic Empowerment“ (BEE) auseinandersetzen – ein von der Regierung erlassenes Programm, das die wirtschaftlichen und sozialen Benachteiligungen der schwarzen und farbigen Bevölkerung während der Apartheid beseitigen soll.
Ein strategischer, umfassender Ansatz von CSR, wie er sich in Deutschland zunehmend durchsetzt, ist in Südafrika erst seit kurzem zu erkennen. Vorangetrieben wird die Diskussion von der Wirtschaft, um den internationalen Richtlinien zu folgen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Woolworth hat sich zum Beispiel im April 2007 auf einen Fünfjahresplan zur Entwicklung einer nachhaltigen Unternehmensführung festgelegt. Die „Good Business Journey“ verspricht neben sozialen Entwicklungsmaßnahmen auch eine Steigerung des Umweltbewusstseins und Maßnahmen zum globalen Thema Klimaerwärmung.

CSR NEWS: Bekannt ist: Deutsche Unternehmen engagieren sich in Südafrika zum Thema AIDS. Welche anderen Themen / Herausforderungen sind für gesellschaftlich Verantwortliche Unternehmen wichtig?

Sandra Claassen: Bei offiziellen 12 Prozent an HIV-Infizierten in Südafrika ist das tatsächlich eines der dringlichsten Probleme. Ein nachhaltiges Engagement ist hier nach wie vor extrem wichtig. Sucht man nach den Ursachen, ergeben sich weitere zentrale Themen: die fehlende Bildung und die hohe Arbeitslosenrate von etwa 40 Prozent. Von Kleinkindern bis hin zu Erwachsenen können somit Bildungsprojekte helfen, den Menschen mit Wissen, Selbstvertrauen und den nötigen Life Skills einen Weg aus der Armut zu ermöglichen. Dabei ist der Kreativität keine Grenzen gesetzt: Kinderkrippen mit ausgebildeten Betreuern und gesunder Ernährung, Sport oder Musik und Tanz Entwicklungsprojekte, die Kinder von den Straßen holen oder Erwachsenenbildung mit der Schaffung von Arbeitsplätzen sind nur einige Beispiele. Natürlich sind auch Themen wie Umwelt- und Artenschutz, alternative Energien und Kultur wichtig. Ein Land wie Südafrika hat einen solch hohen Bedarf an Unterstützung, dass alle Unternehmen eine auf ihre Philosophie zugeschnittene Herausforderung finden und nachhaltige Hilfe leisten können.

CSR NEWS: Gibt es eine politische Diskussion zur CSR in Südafrika? Gibt es CSR-Netzwerke?

Sandra Claassen: Die politische Diskussion konzentriert sich auf das Thema „Black Economic Empowerment“ (BEE). Ziel ist es, (zuvor benachteilige) schwarze Unternehmer durch die Übertragung von Eigentum, Management- und Kontrollfunktionen gezielte Weiterbildungsmaßnahmen und Förderung von Existenzgründungen stärker in die private Wirtschaft zu integrieren. Auch Richtlinien zu CSI sind innerhalb des BEE festgelegt und die Projekte erfahren seitdem einen starken Zuwachs. Durchaus Themen, die unter CSR fallen, aber dennoch sehr spezifisch auf Südafrika ausgerichtet sind. Organisationen, wissenschaftliche Institute und Unternehmen haben vorbildliche Initiativen gegründet wie zum Beispiel das African Institute for Corporate Citizenship oder die South African Business Coalition on HIV and AIDS. Sie treiben die internationale Diskussion um CSR voran und befürworten eine stärkere Verknüpfung von BEE und CSR. Die Wirtschaft forciert zunehmend eine internationale Ausrichtung und beteiligt sich inzwischen aktiv an internationalen Diskussionen wie ISO 26000.

CSR NEWS: Wie aktiv ist die südafrikanische Zivilgesellschaft? Welche Akteure der Zivilgesellschaft widmen sich dem Thema CSR oder CSR-relevanten Themen?

Sandra Claassen: Die südafrikanische Bevölkerung ist gesellschaftlich sehr engagiert. Es ist bemerkenswert, wie schnell einzelne Akteure, Organisationen oder Medien zu Hilfsmaßnahmen aufrufen, wenn zum Beispiel starker Regen die Wellblechhütten in den Townships wegspült und die Zahl der Obdachlosen steigt. Während der Übergriffe gegen Einwanderer aus afrikanischen Nachbarländern Anfang des Jahres in den Townships haben sofort zahlreiche Einheimische mit „Fremdenfreundlichkeit“ reagiert und die Opfer mit Decken, Kleidung und Nahrung versorgt. Gerade in Extremsituationen wird man in Südafrika positiv von einer schnellen und praktischen Hilfe überrascht. Die Hauptakteure der Zivilgesellschaft sind NGOs und Kirchen. Etwa 100.000 Organisationen gibt es laut Erhebungen allein in Südafrika. Im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten ist die Zivilgesellschaft damit ausgesprochen engagiert.

CSR NEWS: Welche Fehler sollte ein CSR-aktives Unternehmen in Südafrika vermeiden?

Sandra Claassen: Das höchste Gebot bei einem Projekt in Afrika sollte die „Hilfe zur Selbsthilfe“ sein. Eine kurzfristige finanzielle Spritze oder auch Sachmittel versickern recht schnell. Wichtig für ein Gelingen ist die ehrliche und respektvolle Auseinandersetzung mit der fremden Kultur und deren Bedarf, der Erarbeitung von Konzepten, die nicht nur die Auswirkungen lindern, sondern zur Ursachenbekämpfung beitragen, und eine langfristigen Betreuung vor Ort. Ein chinesisches Sprichwort bringt es auf den Punkt: „Gib einem Hungernden einen Fisch, und er wird einmal satt, lehre ihn Fischen, und er wird nie wieder hungern“. Es ist ein trauriges Bild, Menschen in einem vertrockneten Garten neben einer kaputten Wasserpumpe sitzen zu sehen, die täglich auf die Europäer warten, die ihnen ein Jahr zuvor Saat und Pumpe geschenkt haben.
Das Konzept „Hilfe zur Selbsthilfe“ hilft aber nicht nur den Bedürftigen, denn gute CSR-Projekte übersetzen abstrakte Unternehmensphilosophien in Geschichten konkreter Erfolge mit Win-Win-Situationen. Dabei kann nicht nur eine glaubwürdige Kommunikation zu Imagevorteilen führen, sondern die aktive Einbindung der Mitarbeiter neue Energien, Inspiration und unvergessliche Begegnungen schaffen. Zuverlässige Partner vor Ort können helfen, das Wissen beider Kulturen synergiereich zu verschmelzen, Fehler zu vermeiden und die Herausforderungen eines Entwicklungslandes als kreative Chance zu nutzen.

CSR NEWS: Können Sie uns herausragende Beispiele für CSR in Südafrika nennen?

Sandra Claassen: Es gibt zahlreiche deutsche Unternehmen, die den Menschen in Südafrika ehrlich und wirkungsvoll helfen. Die Konzerne haben natürlich sehr große eigene Projekte aufgebaut, kleinere Unternehmen suchen sich oft unterstützenswerte bestehende Projekte. BMW ist ein gutes Beispiel für einen Konzern, der über die eigenen Unternehmensgrenzen hinaus denkt und in den Gemeinden seiner Mitarbeiter Gesundheitszentren und Schulen aufbaut. Die Zentren sind nicht nur Anlaufstellen für Kranke, sondern auch ein sozialer Treffpunkt, wo HIV-Aufklärung betrieben wird. Die Lehrpläne der Schulen „SEED“ (School Environmental Education Development) sind von Umweltbewusstsein geprägt. Der eigene Anbau von Gemüse ist ein wichtiger Beitrag zur Selbstversorgung und gesunden Ernährung, die gerade für HIV-Infizierte wesentlich ist.
Die B.Braun Melsungen AG ist ein vorbildliches Beispiel für ein mittelständisches Unternehmen mit einem umfassenden CSR Ansatz. Im Rahmen der weltweiten Initiative „B.Braun for Children“ gibt das Projekt „Topsi“ in Südafrika AIDS Waisen mit einem Zuhause und einer Ausbildung die Chance auf ein normales Leben. Zusätzlich nutzt das Pharmaunternehmen das eigene Know How und setzt sich für den Schutz von Pflegepersonal und Ärzten vor einer Ansteckung durch Nadelstichverletzungen ein. „Safety Devices“, Produkte mit geringem Risikopotenzial, sowie Schulungen und Informationsprogramme sollen helfen, die Ansteckungsrate zu verringern. Die Mitarbeiter hatten schon bei der Auswahl des Projektes Mitspracherecht und sind derart motiviert, dass sie eigene Aktionen wie Golf Turniere und Ausstellungen organisieren, um sich auch privat für „Topsi“ zu engagieren. Ein Beispiel, das zeigt, wie wertvoll und vielfach einsetzbar das eigene Know How ist und wie Nachhaltigkeit tatsächlich im gesamten Unternehmen gelebt werden kann – ein Gewinn für alle Beteiligten.

CSR NEWS: Herzlichen Dank für Ihre Informationen!

Weitere Infos im Internet:
www.incharge-csr.com

Foto: Der Tafelberg bei Kapstadt (Andreas Edelmann – Fotolia)