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Jatropha liefert Energie für westafrikanische Dörfer

München > Über Chancen und Risiken des Jatropha-Anbaus herrscht Streit. Die einen sehen in der ursprünglich aus Mittelamerika stammenden kultivierten Wildpflanze mit dem deutschen Namen Purgiernuss eine hervorragende Quelle für erneuerbare Energien, da ihre Samen zu über 30 Prozent aus Öl besteht. Die anderen befürchten die Verdrängung von Lebensmittelpflanzen und die Ausbeutung der anbauenden Kleinbauern. Ein Projekt, mit dem Jatropha zur Energiegewinnung in Dörfern Westafrikas dient und damit den Erzeugern unmittelbar zugute kommt, entwickelt die KAITO Projekt GmbH. Mit deren Geschäftsführerin Heidi Schiller sprach CSR NEWS über das, was im Senegal geschieht:

CSR NEWS: Wie kamen Sie an das Projekt?

Heidi Schiller: KAÏTO ist seit mehreren Jahren in der ländlichen Elektrifizierung im Süden Senegals aktiv. Wir treten als langfristiger Investor an mit dem Ziel, unsere Anlagen als Stromversorger selbst zu betreiben – privatwirtschaftlich und gewinnorientiert. Unser Ansatz besteht darin, mit Hilfe erneuerbarer Energien netzunabhängige Insellösungen in den Dörfern zu errichten, die vom öffentlichen Netz nicht erreicht werden. Basis sind Solaranlagen, die durch eine zweite Quelle ergänzt wird. So eine Quelle kann z.B. Jatropha sein. Dies sichert zum einen niedrigere Kosten, und zum zweiten kann die Energiequelle vor Ort selbst angebaut werden. Die Region ist landwirtschaftlich gut nutzbar, so dass uns die Mentalität und Erfahrung der einheimischen Bevölkerung zugute kommt. Anbau und Nutzung der Jatropha sind also integraler Bestandteil unserer Elektrifizierungs-Strategie.

CSR NEWS: Welche Herausforderungen sehen Sie? Wer sind bei Ihre Partner?

Heidi Schiller: Wir haben zunächst das Problem der Veredelung zu lösen – Jatropha ist bis heute eine Wildpflanze, deren Kultivierung noch in den Kinderschuhen steckt. Ein speziell auf unsere Bedürfnisse zugeschnittenes Zuchtprogramm begleitet uns dabei, aus den lokalen Pflanzen den maximalen Ölertrag zu gewinnen.
Vor Ort arbeiten wir eng mit den Dorfgemeinschaften zusammen. Diese haben nach unseren Anleitungen Versuchsplantagen angelegt, führen Pflanzbücher und kümmern sich um Bewässerung, Schnitt und Pflege der Setzlinge. Der Gedanke, quasi ihren eigenen Strom heranzuziehen, sorgt für hohe Motivation und verantwortungsvollen Umgang mit den Plantagen. Zwischen den Dörfern ist ein richtiger Wettbewerb entstanden, wessen Pflanzen am besten gedeihen!

CSR NEWS: Sehen Sie weitere Einsatzmöglichkeiten für die Pflanze?

Heidi Schiller: Wir nutzen die Pflanze in erster Linie zur lokalen Energiegewinnung. Dafür dienen sowohl das Pflanzenöl selbst als auch der so genannte Presskuchen, der bei der Ölgewinnung aus den Nüssen anfällt. Beide Produkte sind hervorragende Energieträger, die Stromgeneratoren antreiben können. Erst wenn der lokale Bedarf zur Energiegewinnung in den Dörfern gedeckt ist, kommt eine weitere Vermarktung des Pflanzenöls für uns in Betracht. Das unterscheidet uns von vielen Investoren, die Jatropha hauptsächlich für den Export von Biodiesel vorsehen.
Ein weiterer Unterschied: Unser Fokus der maximalen lokalen Wertschöpfung. Aus der Jatropha-Pflanze lassen sich weitere Nebenprodukte gewinnen, die vor Ort hergestellt und vermarktet werden können: der Presskuchen als Bodendünger, der Saft der Pflanzen als Wirkstoff in der Parapharmazie, die Ölrückstände zur Seifenproduktion. In vielen Gebieten Afrikas besteht dafür bereits seit langem ein Markt und entsprechendes Knowhow.

CSR NEWS: Die Energiegewinnung vor Ort ist damit der entscheidende Benefit für die Menschen in den Erzeugerländern?

Heidi Schiller: Ja, der größte Wert für die Menschen besteht wohl darin, dass diese Pflanze Strom in ihre Dörfer bringt. Sie bauen quasi ihren eigenen Strom an. Und da wir die lokale Bevölkerung für ihre Arbeit auf den Plantagen entsprechend entlohnen, erwirtschaften sie ihr eigenes Einkommen, um den Strom auch bezahlen zu können. Die Vermarktung der Nebenprodukte erzielt einen ähnlichen Effekt: die Menschen leben vom Verkauf der Waren. Wir sind davon überzeugt, dass eine moderne Stromversorgung die Basis für eine nachhaltige Entwicklung in den ländlichen Regionen ist. Strom ist kein Selbstzweck, sondern ermöglicht die Gründung von Handwerks- und Produktionsbetrieben. So entsteht Schritt für Schritt ein Wirtschaftskreislauf, der die Menschen unabhängig von fremder Hilfe macht.

CSR NEWS: Welche spezielle Expertise bringen Sie in das Projekt ein?

Heidi Schiller: KAÏTO bringt seine Expertise in der Entwicklung nachhaltiger Projekte in Westafrika ein. Wir haben das Projekt so konzipiert, dass wir schrittweise und in enger Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung eine langfristige, moderne Stromversorgung aufbauen, von der beide Seiten profitieren: die Bevölkerung erhält Strom und Arbeitsplätze vor Ort, wir profitieren von einer angemessenen Rendite. Zu unseren Kernaufgaben gehören im Vorfeld die technische Konzeption und die Finanzierung der Investitionen. Während der Installation steht und fällt alles mit einem funktionierenden Projektmanagement vor Ort. Und im laufenden Betrieb zählt vor allem eine gut geschulte lokale Mannschaft, die sowohl den kaufmännischen als auch den technischen Aufgaben gewachsen ist. Dafür bilden wir unsere Mitarbeiter speziell aus.

CSR NEWS: Wie geht es weiter?

Heidi Schiller: In den folgenden Monaten gilt unsere ganze Aufmerksamkeit der Veredelung der Pflanzen. Schließlich beeinflusst der Ölgehalt der Nüsse direkt das wirtschaftliche Ergebnis. Parallel dazu installieren wir bis Ende des Jahres in den ersten fünf Dörfern unsere KAÏTO-Energiekioske. Das sind die Basisstationen, an denen per Solarenergie Lampen, Handys und Akkus geladen werden können. In einer Testphase von etwa drei bis fünf Monaten erlernen die Kioskbetreiber das kaufmännische Rüstzeug, die Techniker werden in Reparatur und Wartung der Anlagen geschult und unsere lokalen Manager wachsen in ihre Führungsaufgaben hinein.
Danach erhalten weitere 50 Dörfer solche Kioske, die übrigens heute schon unsere Vorverträge unterzeichnet haben. Unser Konzept sieht für jedes Dorf einen Kiosk und eine Jatropha-Plantage vor. Mit Beginn der nächsten Regenzeit, etwa im Juli nächsten Jahres, werden also 50 weitere Plantagen angelegt. Übrigens alle so dimensioniert, dass die biologische Vielfalt der Region erhalten bleibt. Eine Monokultur kommt für uns auch bei noch so vielen Dörfern nicht in Frage.

CSR NEWS: Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen in der Jatropha-Ausgabe des NewsMagazins der KAITO Projekt GmbH:
www.kaito-afrika.de/c/cms/front_content.php?idcat=147