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Kenias Zukunft braucht Unternehmen und Gesellschaft

Nairobi > Am Donnerstag haben wir in Kenia den Obama-Gedenktag gefeiert. Die Ankündigung kam am Mittwochmorgen über das Radio. Da wussten die kenianischen Arbeitgeber, dass sie am Folgetag auf ihre Mitarbeiter und wohl auch Kunden verzichten würden. Und ich wusste, dass sich meine Gesprächstermine erledigt hatten. Kenia – eine Nation auf der Suche nach ihrer nationalen Identität. Angesichts der noch blutenden Wunden aus den ethnischen Konflikten nach den Wahlen zur Jahreswende eignet sich der ferne „Kenianer“ Obama besser zur Identifikation als mancher ortsansässige und in seiner Stammeszugehörigkeit wahrgenommene Zeitgenosse.

Es ist lange her, dass die Regierung spontan einen Feiertag ausgerufen hatte. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich insgesamt verbessert und bieten ein Mehr an Zuverlässigkeit. Die Gründung einer Limited by Shares als Basis für die unternehmerische Tätigkeit ist schnell und unbürokratisch möglich. Bis vor kurzem stand vor fast unüberwindlichen Hürden, wer eine gemeinnützige Organisation gründen wollte. Die neue Regierung ermöglicht die Gründung eines Trust nun deutlich schneller und stärkt damit die Zivilgesellschaft. Steuerliche Abzugsmöglichkeiten für die Unterstützer eines gemeinnützigen Akteurs sind allerdings unbekannt. Kenia ist auf dem Weg in die Zukunft – mit den schweren Lasten der jüngsten Vergangenheit. Wirtschaft und Gesellschaft sind gefordert.

Abgesehen von dem pulsierenden Zentrum Nairobi leidet das Land unter einer schwachen Infrastruktur. Viele Hauptstraßen sind nur mit einem Landrover oder mit sehr viel Geduld passierbar. Die Entwicklung des Inlandflugverkehrs hat die Situation entspannt. Zu den wichtigen infrastrukturellen Zielen gehören der Ausbau und die Internationalisierung des am Viktoria-See gelegenen Flughafens Kisumu. Zum Leidwesen der Europäer hat hierfür ein chinesisches Konsortium den Zuschlag erhalten. Was auf eine weitere Herausforderung für Kenia und seine afrikanischen Nachbarn hinweist:

Die Chinesen investieren kräftig in Kenia und in seinen Nachbarländern – besonders in die Infrastruktur. Im Gegenzug erhalten sie Rohstoffe. So wichtig die Infrastruktur auch ist: Dem Land fehlen Investitionen in den Industriesektor. Der ländliche Bereich ist nachwievor abgehängt. Landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe werden unverarbeitet exportiert. Und auch die landwirtschaftliche Produktion selbst folgt – zumindest außerhalb des Rift Valley – nach wie vor den traditionellen Mustern. Deshalb sind heute gut ausgebildete und qualifizierte junge Menschen in sehr einfachen Jobs beschäftigt und können ihre Kenntnisse und Fähigkeiten nicht für die Gesellschaft nutzbar machen. Ein großes Potential motivierter, englischsprachiger und damit international kommunikationsfähiger junger Menschen bleibt ungenutzt.

Ein entscheidender Hemmschuh für die wirtschaftliche Entwicklung ist die Korruption. Sie ist eine Alltagserfahrung der Kenianer und wird regelmäßig beklagt. Niemand glaubt, dass die Politik dieses Problem lösen wird. Und niemand glaubt auch, dass sie bei dem kleinen Mann Halt macht. Das Korruptionsregister von Transparency International weist aus, wie stark Unternehmen betroffen sind. Die vielen großen Schilder mit der Aufschrift „Corruption Free Zone“ helfen da nicht. Eine funktionierende Strafverfolgung und ein effektives Gerichtswesen wären schon effektiver. In dieser Hinsicht liegen große Herausforderungen vor dem Land. Denn in den Gefängnissen sitzen viel zu oft die Falschen: Unschuldige und ‚Hühnerdiebe‘, die nach überlangen Untersuchungshaftzeiten bei ihrer Gerichtsverhandlung freigelassen werden.

Der kenianische Dienstleistungssektor hängt am Tourismus, und der ist nach den Unruhen am Jahresanfang stark eingebrochen. Inzwischen zeigt der Tourismussektor deutliche Zeichen der Erholung. Das attraktive Land mit seinem großartigen Naturreichtum zieht besonders deutsche Touristen an. Die Reiserouten sind sicher, die touristische Infrastruktur reichhaltig. Zu beklagen bleibt, dass gesellschaftlich nachhaltige Reiseangebote nach wie vor die Ausnahme sind. Schade ist das auch für den westlichen Touristen selbst, der das Land eben nur mit seinen Nationalparks und den netten touristischen Locations wahrnimmt und dem die großen gesellschaftlichen und sozialen Herausforderungen verborgen bleiben. Corporate Social Responsibility wird im Tourismus weiterhin klein geschrieben.

Zu den großen Herausforderungen gehört ohne Zweifel das Zusammenwachsen der Ethnien. Hier tragen Unternehmen eine besondere Verantwortung, denn sie haben viele ethnische Vermischungen veranlasst. Wie etwa die Teeplantagen, die ihren Arbeitskräftebedarf aus einem weiten Umkreis decken. Das bedarf einer „landesinternen Diversity-Strategie“ und einer öffentlichen Diskussion, die bisher kaum hörbar ist. Und so wartet die Nation derzeit gespannt auf die Veröffentlichungen des so genannten Waki-Reports mit seinen Details zu den Verantwortlichkeiten der ethnischen Zusammenstöße. Auch davon hat der Obama-Tag einen „day off“ beschert.