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Klimaschutz: Nichts geht ohne eine schnelle industrielle Revolution

Berlin > Um die Klimaerwärmung auf 2 Grad zu beschränken, darf in der Klimapolitik kein einziger Fehler mehr passieren. Die Welt braucht eine neue industrielle Revolution mit der Abkehr von fossilen Brennstoffen. Eine Revolution, die angesichts der schwindenden Erdölvorräte und Uranbestände unvermeidbar ist, die wir aber um 100 Jahre vorziehen müssen. Diese Ansicht vertrat Prof. Joachim Schnellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimaforschung, in Berlin auf der gestrigen econsense-Jahrestagung mit dem Thema „Kimatech – Technologien für den Klimaschutz“.

Schnellnhuber erinnerte daran, dass die pro Jahr verbrauchten fossilen Brennstoffe 1 Million Jahre für ihre Wiedererzeugung benötigen. Ein großer Teil des durch Verbrennung erzeugten CO2 bleibt 5.000 Jahre in der Atmosphäre. Der Potsdamer Wissenschaftler setzt auf Sonnenenergie als die Energiequelle der Zukunft. Enttäuscht zeigte sich Schellnhuber darüber, dass Projekte wie das Netzwerk „SuperSmartGrid“ zum Transport afrikanischer Sonnenenergie nach Europa wenig Beachtung finden. 40 Milliarden Euro würde ein Modellnetzwerk kosten – angesichts von 3 Billionen Euro, die weltweit mittelfristig zur Klimarettung bereitgestellt werden, kein zu hoher Betrag. Die Klimarettung sei angesichts dieser Investitionen ökonomisch eine größere Herausforderung als die Rettung der Finanzmärkte. Deutschland sei zwar technologisch in einer Führungsposition, aber „Spirit und Deutschland ist ein heikles Thema“, so der Wissenschaftler, der in den angelsächsischen Ländern ein befreiteres und kreativeres Denken in der Klimadebatte erlebt.

Schellnhuber ging auch auf die Lage an den Finanzmärkten ein und forderte einen Paradigmenwechsel: Die Gesellschaft müsse sich entscheiden, ob sie Renditen im Sinne einer Volkswirtschaft (innerhalb von 50 Jahren) oder in betriebswirtschaftlicher Perspektive (innerhalb von 2 bis 3 Jahren) wolle. Weltweit gebe es ein Defizit an nachhaltiger Finanzarchitektur. Das Thema fehle auf den akademischen Lehrplänen. Schellnhuber wies darauf hin, dass auch Unternehmen wie das SmartGritProjekt Advanture Capital brauchen.

Über den Beitrag der Chemie zum Klimaschutz berichtete Dr. Ulrich von Deessen, Leiter eines Kompetenzzentrums bei der BASF SE. Im Bereich der Windkraft etwa könne eine Effizienzsteigerung erleichtert werden, indem durch neue Verbundsstoffe das Gewicht der heute großen und schweren Flügel reduziert würde. Chemische Neuentwicklungen könnten zudem die Ausnutzung der Sonneneinstrahlung in Photovoltaikzelle deutlich verbessern. Die Energiespeicherung und die Fortentwicklung von Batterien hält von Deessen für eine besondere Herausforderung; die BASF arbeitet daran. Überhaupt machten klimabezogene Forschungen 1/3 aller F&E-Aufwendungen seines Konzerns aus. Der Wissenschaftler forderte eine Mischung aus hochschulnaher und angewandter Forschung und hält nichts von dem in Brüssel diskutierten Emissionshandelssystem. „Ich bin dafür, dass bei der Naturnutzung ein Preisschild angehängt wird, aber es muss dabei auch etwas für die Natur herumkommen“, so von Deessen. Alternativ forderte er die Einführung von Benchmarkingsystemen.

Über die Herausforderungen durch einen steigenden Mobilitätsanspruch, die Urbanitätssteigerung, das zunehmende Sicherheitsbedürfnis der Kunden und immer mehr Fahrzeugzulassungen berichtete Prof. Leohold, Leiter der Konzernforschung der Volkswagen AG. Bei den Lösungsansätzen konnte er dabei nahtlos an seine Vorredner anknüpfen. „Strom ist der einzige Energieträger, der das Potential besitzt, alle Energiequellen anzuzapfen und der zugleich den Gesamtnutzungsgrad der Energiequelle maßgeblich steigern kann“, so Leohold. Eine Schwachstelle seien die derzeit vorhandenen Batterien. Hier werde eine über die Lithium-Ionen-Technologie hinausgehende Technik benötigt, die sich derzeit in der Grundlagenforschung befinde und bis zu ihrer Umsetzungsreife wohl noch 20 Jahre brauche. Volkswagen engagiere sich deshalb für gemischte Antriebe wie den Twin-Drive, der aus dem Bremsvorgang elektrische Energie gewinnt und zu erheblichen Benzineinsparungen führt.

Auf die hohen Einsparungspotentiale im industriellen Sektor wies Dr. Dieter Wegener, Chief Technology Officer der Siemens AG, hin: “ Einsparungen im industriellen Sektor haben besonders große Auswirkungen, da hier in großen Energieströmen gedacht wird“, so Wegener. Als Beispiel stellte er eine Bandförderanlage für Groberz in den Kupferminen Chiles vor, deren Motor im Generatorbetrieb genutzt wird, Energie aus dem Bremsbetrieb zurückholt und so tonnenweise CO2-Emissionen einspart. Lösungen seien nur zu verkaufen, wenn sie dem Kunden einen wirtschaftlichen Vorteil bieten. Investitionen in eine solche nachhaltige Fördertechnik rechnen sich durch die Energieeinsparung innerhalb von 2 bis 4 Jahren, berichtete Wegener. Auch er erteilte einer europäischen Emissionshandelslösung eine Absage: „CO2 ist ein weltweites Problem und muss auch politisch weltweit gelöst werden“, sagte Wegener.

Die Frage nach dem Beitrag moderner Technologien für den Klimaschutz stand im Mittelpunkt der von rund 300 Gästen besuchten econsense-Jahrestagung. Als eine neue Quelle mit verständlichen, umfassenden und leicht zugänglichen Informationen zu diesen Fragen stellte Jürgen R. Thumann, BDI-Präsident und Sprecher des Kuratoriums von econsense, den am gleichen Tag frei geschalteten „Klimaatlas“ vor. Das Online-Nachschlagewerk http://www.klimatech-atlas.de erklärt die wichtigsten Technologien für den Klimaschutz in den Bereichen Industrie, Energie, Transport und Gebäude mit zahlreichen Anwendungsbeispielen aus. „Gerade die deutsche Wirtschaft ist Vorreiter, wenn es um solche Spitzentechnologien geht. Das ist unser Kerngeschäft“, betonte Thumann. Das dieses Kerngeschäft als nachhaltige Kernwerte Vertrauen, Transparenz und Nachhaltigkeit brauche, gab econsense-Vorstandsmitglied Hanns Michael Hölz den Teilnehmern mit auf den Weg. econsense wolle sich weiter als Netzwerk im vorpolitischen Raum mit Beispielen der Mitgliedsunternehmen positionieren und auch den Stakeholder-Dialog fördern – was bei dem Thema „Klimawandel“ spannend zu werden verspricht.

Die nächste econsense-Jahrestagung wird sich dem Supply-Chain-Management widmen und dabei das Engagement mittelständischer Unternehmen als Zulieferer einbeziehen. Was die Chance verspricht, dass dabei auch bei econsense Industrie und Mittelstand in einen intensiveren Austausch miteinander kommen.