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„Disembedding“ als CSR-Zukunftsherausforderung

Hamburg > Arbeitsbedingungen in global tätigen Unternehmen fördern die Auflösung von verbindenden Beziehungen sowie den Verlust von Identität und Selbstwertgefühl. „Disembedding“ nennen Soziologen das Gefühl, nirgends dauerhaft zu Hause und wirklich eingebunden zu sein. Betroffen sind Manager ebenso wie Diplomaten und besonders deren Kinder, die mal in diesem, mal in jenem Land zur Schule gehen. Über Disembedding berichtet das Gesundheitsmagazin HEALTHY LIVING in seiner aktuellen Dezember-Ausgabe und zitiert dabei den Soziologen Ralf Dahrendorf: „Die Wirtschaft vernetzt immer größere Räume und die Menschen suchen immer kleinere, in denen sie sich zu Hause fühlen und ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickeln können.“ Nach dem Bericht wechseln Akademiker durchschnittlich sechsmal im Leben den Arbeitgeber und damit oft auch den Wohnort. Nur noch 55 Prozent unserer Zeitgenossen leben in ihrem Geburtsort oder in einem Nachbarort.

Die Zahl der ins Ausland entsandten Mitarbeiter hat sich innerhalb der letzten drei Jahre verdoppelt, stellt das Beratungsunternehmens Mercer im Rahmen der Studie „Benefits Survey for Expatriates and Globally Mobile Employees 2008/2009“ fest. Befragt wurden weltweit 243 multinationale Unternehmen mit insgesamt über 94.000 im Auslandseinsatz befindlichen Arbeitskräften („Expatriates“). 38 % der Unternehmen setzen danach verstärkt auf so genannte „Globale Nomaden“: Mitarbeiter, die für einen kürzeren Zeitraum in verschiedenen Ländern benötigt werden und somit von Land zu Land ziehen.

Ganz neu sind der Begriff „Disembedding“ und das mit ihm bezeichnete Phänomen nicht. Er geht zurück auf den Sozialtheoretiker Karl Polanyni, der damit die gesellschaftlichen und ökonomischen Umbrüche in England seit der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts beschreibt. Durch die Schnelligkeit und Reichweite globaler Mobilität in der Moderne hat der Begriff allerdings eine neue Qualität gewonnen. Begleitet wird die globale Mobilität zugleich von der Vereinzelung aus anderen Ursachen: Fast 40 Prozent aller Haushalte in Deutschland sind heute Ein-Personen-Haushalte, und auf jeweils zwei Eheschließungen kommt eine Ehescheidung.

Das Globalisierungsphänomen „Disembedding“ erzeugt zugleich einen Gegendtrend, die Sehnsucht nach Heimat. HEALTHY LIVING hält dazu folgende Zahl bereit: Über 2.500 Vereine widmen sich in Deutschland der Heimatpflege.

Gesundheitsförderung und Bildung sind derzeit klassische Themen, für die sich gesellschaftlich verantwortliche Arbeitgeber engagieren. Möglicherweise ist die „Beheimatung“ von Arbeitnehmern und die Förderung sozialer Beziehungsnetze ein Zukunftsthema für die Corporate Social Responsibility. Gefragt sind jedenfalls soziale Netzwerke, die weit über einen Informationsaustausch und Geschäftsanbahnung hinaus emotionale Geborgenheit und Identität ermöglichen.