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Utopia: Gemeinsam die Welt verändern?

Berlin > Utopia, Internetplattform und Netzwerk sowie Stiftung für strategischen Konsum und nachhaltigen Lebensstil, lud mehrere hundert ausgewählte Persönlichkeiten am 15. November nach Berlin zur “Change-Maker”- Konferenz mit anschließender Preisverleihung ein. Prominente Wissenschaftler, Unternehmensvertreter, Lehrer, Aktivisten und Berater stellten ihre Erkenntnisse über Klimawandel, Konsumverhalten und Lösungen zur globalen Rettung unseres Planeten vor. In den nächsten 10 Jahren müssen wir die Welt verändern, lautete die eindringliche Botschaft.

Was wäre, wenn die auf der Utopia-Konferenz gegebenen Aussagen zutreffen? Was, wenn die Menschheit tatsächlich mit einer Umweltkatastrophe mit verheerenden Folgen rechnen muss? Claudia Langer, Gründerin, Geschäftsleiterin und Vorstand der Utopia AG erklärte: “Wir haben noch etwa zehn Jahre Zeit, wirklich etwas zu bewegen, bevor wir uns nur noch den Umständen anpassen können.” Vor diesem Hintergrund lud Utopia zur Feier ihres einjährigen Bestehens auf diese erste Konferenz ein. Unter dem Motto „10 – a toolbox for the next ten years“ sollten die Teilnehmer, insbesondere aus Wirtschaft und Industrie, über nächstmögliche Schritte für eine ökologisch lebenswerte Zukunft diskutieren.
In neun Vorträgen zu Themen wie Bildung, Energie, CSR, Mobilität oder SRI bestätigten die Konferenzredner aus Europa und Nordamerika die unaufschiebbare Notwendigkeit, jetzt zu handeln.
Den Auftakt machte Greg Craven, ein High-School-Lehrer aus Oregon. In einem auf Youtube einstellten Amateurvideo verdeutlicht er seinen Physik- und Chemie- Schülern das potentielle Ausmaß des Klimawandels. Er beschreibt auch, was jeder Einzelne aktiv zur radikalen Vermeidung von Emissionen beitragen kann. Mittlerweile sahen weltweit mehr als sieben Millionen Menschen diesen Kurzfilm mit dem Titel “The most terrifying Video you’ll ever see”. Die Frage, “what do you do for climate change” und die Möglichkeit, einen unberechenbaren Klimawandel abzuwenden, “is the greatest challenge humanity ever faced“, so Craven.

Zu Ressourceneinsparungen, Energieeffizienz und erneuerbaren Energien sprach Dr. Amory B. Lovins, Träger des alternativen Nobelpreises, Regierungs- und Unternehmensberater mit eigenem Forschungsinstitut in den Rocky Mountains. Generell sieht Lovins mithilfe neuester Technologien Energieeinspar-Potentiale weltweit von bis zu 75 Prozent, die größtenteils durch erneuerbare Energien erreicht werden könnten. Den heutigen Energieverbrauch von Autos und Flugzeugen könne beispielsweise eine Ultraleichtbauweise um 70 Prozent verringern, berichtet Lovins aus seinen Arbeiten. Er präsentierte Vorschläge für neue, energieffiziente Industrie-Pumpensysteme und berichtete über seine Studie für das Pentagon über das Ziel, den Ölverbrauch der USA bis zum Jahre 2040 auf null zu reduzieren. Dass auch Länder wie Israel und Dänemark aktiv nach einer Unabhängigkeit zur Ressource Öl streben, erklärte Rolf Schumann, Mitarbeiter bei ‚Better Place‘. So habe Israel das Ziel, bis 2020 als erstes Land unabhängig von Öl zu leben.

Wie wichtig CSR für zukunftsfähige Unternehmen ist, verdeutliche Michael Bremans von Ecover. Der Hersteller von Öko-Seifen und Reinigungsmitteln beschrieb den Wandel zu einem nachhaltigen Unternehmen anhand von drei Bedingungen: Innovation, Integration und Kommunikation. Bremans wurde für sein Engagement vom Time-Magazin als “Environmental Hero” ausgezeichnet. Der Geschäftsführer bezeichnet CSR-Entwicklung als fortwährenden Prozess der Verbesserung von Produkt und Gesamtunternehmen. Noch sei CSR wie ein Satellit, der um die Erde kreise, so Bremans. Diesen Satelliten sollte man nicht einfach umherkreisen zu lassen, sondern ihn in jede Unternehmenshandlung integrieren; in Produkte und Innovationen, Produktionsmethoden, Logistik, Marketing und Verkauf sowie Personalressourcen.

Aus der Riege der Unternehmensberater warb Dr. Carsten Gerhardt von A.T. Kearney als Utopia-Förderer für neue Bewertungsformen von Nachhaltigkeitsindizes auf Grundlage einer nachhaltigen Bedürfnisbefriedigung.
Für SRI und intensives grünes Investment sprach der Niederländer Robert Rubinstein, Spezialist für nachhaltige Investments. Der Marktbereich energie-effizienter Investitionen wachse immens. Ebenso lägen starke Potentiale in der Förderung von grünen Real-Estate-Investition. Trotzdem fehle es einem Großteil der Akteure im Finanzsektor an Verständnis für den ökologischen und sozialen Ansatz, so Rubinstein. Er forderte alle Anwesenden auf, bei ihrer Bank nach SRI Produkten zu fragen.

Mitreißend und herausfordernd klärte der letzte Wissenschaftler der Vortragsreihe, Prof. Dr. Michael Braungart, über Giftstoffe in Spielzeugen, Alltagsprodukten wie Verpackungsmaterial und Gebrauchsgegenständen auf. Inhaltsstoffe wie PVC-Weichmacher und Pestizide lagerten bis vor kurzem nicht nur in Kinderspielzeug oder Schwimmflügeln, auch in Erwachsenenkleidung, Tapeten oder Kartoffelnetzen wurden Stoffe gefunden, die unfruchtbar machen und krebserregend wirken. Sein entwickeltes Cradle to Cradle-Konzept – produzieren, was wieder der Natur und somit auch dem Menschen zugefügt werden kann – setzten die Niederlande schon um, erklärt der wissenschaftliche Leiter des Hamburger Umweltinstituts e.V. und Geschäftsführer der Environmental Protection Encouragement Agency (EPEA). Eine Warenproduktion im Einklang mit Mensch und Natur böte Platz für 20 Milliarden Menschen auf der Erde.

Die US-amerikanische Schauspielerin und Öko-Aktivistin Daryl Hannah sprach über die Zerstörung der Lebensformen in den Meeren durch Fischfang und Müll. Sie berichtete über die revolutionäre Entscheidung des Staates Ecuador, dessen Regierung neu entdeckte Ölreserven nicht fördert, um einem dort lebenden Volk seine traditionellen Lebensgrundlage zu erhalten. Die Liebe zum Leben, so Hannah, sei der wichtigste Grund für Ressourcenschonung und einen respektvollen Umgang mit Lebewesen. Auch sie bezeugte “we are obviously facing a crisis, but we have the ability to change.”

Auf der von Sandra Maischberger moderierten „Award Show“ zeichnete das Kuratorium der Utopia Stiftung Vorbilder für Umweltengagement und visionäre Projekte aus. Von 746 Einsendungen in fünf Kategorien nominierte die Jury im Vorfeld 28 Kandidaten. Pro Kategorie wurden einerseits durch fachbezogene Mitglieder des Utopia-Kuratoriums also Jury sowie durch die Utopia-Online-Community Sieger ermittelt.
In der Kategorie eins – Organisationen – gewann von Seiten der Jury das Siegel für fairen Fischfang: Marine Stewardship Council. Die Online-Community zecihnete Campact e.V. für seine Arbeit aus, Menschen über das Internet dazu zu bringen, sich politisch einzumischen.
In der zweiten Kategorie – Unternehmen – erhielt die GLS Bank den Jury-Preis. Der Publikumspreis ging an ein überzeugtes Utopisten-Ehepaar, dass Ende der 90er das erste von Bürgern übernommene Stromnetz in Deutschland durchsetzte: die Elektrizitätswerke Schönau GmbH.
Unklar erschienen die Jurynominierung und -bewertung in der Kategorie „Produkte“. Denn nominiert waren eine Marke und drei Gebrauchsgegenstände, unter anderem Wäschetrockner Energieeffizienz A oder auch Elektrofahrräder, die die Jury als Gewinner wählte. Frau Maischberger konnte bei ihrer Rundfahrt um die Bühne auf dem von Utopia bezeichneten “Fahrrad für Faule” bewundert werden. Utopia-Mitglieder wählten Bionade auf Platz eins der Produkte.
In der Kategorie „Ideen“ vergab die Jury zwei erste Plätze. Das Projekt DESERTEC der deutschen Gesellschaft des Club of Rome wurde ebenso wie eine Kampagne des Öko-Institutes für Produktempfehlungen, Eco Top Ten, ausgezeichnet. Das bahnbrechende DESERTEC-Konzept für nachhaltige Energieversorgung, Meerwasseraufbereitung und Klimaschutz bestätigte die Onlinecommunity als Sieger in dieser Kategorie.
Auf Platz eins der Utopia-Vorbilder 2008 wurde von der Jury Benjamin Adrian von der Organisation ‘viva con aqua’ gewählt. Den Publikumspreis erhielt die Frau, die das Ökostrom-wechsel-Parties ins Leben rief: Ulla Gahn.

Utopia wählte aus, lud ein, fragte, erklärte und antwortete an diesem Tag. Die erfahrenen Veranstalter versprühten ihr grünes Feuer auf unterschiedliche Akteure im Berliner Radialsystem V. Die Reaktionen der Zuhörer und Teilnehmer reichten von Begeisterung, Hoffnung, Interesse und Erwartungen bis hin zu Verunsicherung. Geht es um die Sache oder um Utopia? Utopia will bewegen, schafft es näher an Akteuren aus Wirtschaft, Politik, Beratung, Zivilgesellschaft und Endverbrauchern zu sein als viele andere im deutschsprachigen Raum. Jedoch fehlten öffentliche Diskussionen. Es gab freundliche Gespräche, Interessensbekundungen, Bestätigungen und gegenseitige Gratulationen. Laut war an diesem Abend leider nur die Musik.
Welchen Stellenwert Utopia für den Endverbraucher, als Vermittler und Meinungsbildner zukünftig haben wird, ist noch unklar. Die Veranstaltung erinnert jedoch an vergangene Öko-Zeiten, aus denen später sich das Bündnis 90/Die Grünen gründete.

Foto: Das Kuratorium, Claudia Langer hält die Weltkugel (Feyza Morgül)

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