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Bauerfeind in Thüringen – wie ein globaler Mittelständler in einer ländlichen Region Verantwortung übernimmt

Zeulenroda > Er ist nicht zu übersehen. 53 Meter hoch ragt der Verwaltungsturm der Bauerfeind AG über den thüringischen Ort Zeulenroda hinaus. Von hier aus hat man eine ausgezeichnete Sicht auf die Stadt, die Talsperre und das seichte Hügelland. Im Jahr 1991 kehrte Prof. Hans B. Bauerfeind mit seinem Familienunternehmen in seine Heimatstadt zurück. Dafür sprachen harte unternehmerische Überlegungen ebenso wie der Idealismus eines Mannes, den der Satz von den ‚blühenden Landschaften‘ im Osten nicht losließ. Viel ist seitdem für das Medizintechnikunternehmen Bauerfeind AG und den Ort Zeulenroda entstanden, und es hat viel Kraft gekostet.

Zeulenroda-Triebes ist eine Stadt im Thüringer Vogtland mit rund 17.000 Einwohnern und einer Arbeitslosenquote von 10,6 Prozent. Im Bundesgebiet lag die Arbeitslosigkeit zum Jahresende bei 7,4 Prozent, im Freistaat Thüringen waren es 10,4 Prozent. Die Schaffung und der Erhalt von Arbeitsplätzen in der ländlichen Region ist eine besondere Herausforderung. Wirtschaftlich blickt Zeulenroda auf eine gemischte Geschichte zurück. Ende des 19. Jahrhunderts prägte die Wirkwarenindustrie Zeulenroda, im benachbarten Triebes waren es Jute-Verarbeitung und Maschinenbau. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete das Hochfrequenzlabor der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt unter seinem Leiter Adolf Scheibe in Zeulenroda; es wechselte 1945 samt Mitarbeitern und deren Familien nach Heidelberg. Heute bieten der Dienstleistungssektor, Handel und Handwerk, die Leuchtenindustrie sowie Holz und Metall verarbeitende Betriebe den Menschen in der seit dem Jahr 2006 vereinigten Stadt Zeulenroda-Triebes Arbeit. Und die Firma Bauerfeind als größter Arbeitgeber des Ortes. Die Region hofft auch darauf, dass der Tourismus eine Zukunft bieten könnte. Wie wird es 2009 angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise in Zeulenroda werden? Was wird aus dem Unternehmen Bauerfeind angesichts günstiger Konkurrenzprodukte aus dem Ausland und eines verschärften Wettbewerbs im Zuge der Gesundheitsreformen?

Dass Unternehmer Krisen machtlos gegenüberstehen, lässt Hans B. Bauerfeind nicht gelten. Als sein Großvater Bruno Bauerfeind 1929 eine Spezialfirma zur Herstellung medizinischer Kompressionsstrümpfe gründete, zählte Deutschland neun Millionen Arbeitslose. Sein Vater Rudolf Bauerfeind übernimmt das Unternehmen 1939 mit 100 Mitarbeitern und startet nach der sowjetischen Besetzung des Ostens zehn Jahre später in Darmstadt neu. Diese für seine Eltern harten Aufbaujahre hat Hans B. Bauerfeind miterlebt, die Zeit hat ihn geprägt. Seit er in die Führung des elterlichen Unternehmens wechselte, ist die Firma Bauerfeind aus sich selbst heraus und durch Unternehmensübernahmen ständig gewachsen. 1972 übernahm Hans B. Bauerfeind das Unternehmen Diedrich Grote Nachfolger in Kempen und fasst die Firmen in Darmstadt und Kempen 1978 zur Bauerfeind GmbH mit Sitz in Kempen zusammen. Seit 2002 firmiert das Unternehmen als Bauerfeind AG und Hans B. Bauerfeind als deren Vorstandsvorsitzender. Der Hersteller von Kompressionsstrümpfen, Bandagen, Orthesen und orthopädischen Einlagen ist ein global engagierter Mittelständler mit Auslandsgesellschaften etwa in den USA, dem Mittleren Osten, Kroatien, Spanien, Frankreich oder Italien. Auch für einen gewandten und weltweit engagierten Unternehmer gelten indes die Gesetze der Betriebswirtschaft. Weil sich eine Produktion an zwei parallelen Standorten mit gleicher Technologie nicht rechnet, musste Bauerfeind den Standort Kempen Ende vergangenen Jahres schließen. Eine Hiobsbotschaft für die Menschen am Niederrhein. Von den zuletzt rund 240 Mitarbeitern nahm kaum einer das Angebot wahr, einen ähnlichen Arbeitsplatz in Zeulenroda zu erhalten.

Wer ein Unternehmen mit weltweit 1.800 Mitarbeitern in einer Kleinstadt wie Zeulenroda ansiedelt und dort 750 Menschen Arbeitsplätze anbietet, der übernimmt dort eine besondere Verantwortung. Das weiß auch Hans B. Bauerfeind, für den gleich nach der Wende feststand, dass er in seinen Geburtsort Zeulenroda zurückkehren würde. Dafür sprachen wirtschaftliche Überlegungen: Die Firma konnte Überreste einer Produktion von Kompressionsstrümpfen übernehmen und auf finanzielle Unterstützung aus dem Westen zählen. Dafür sprach aber auch der Idealismus eines Unternehmers, der mit seinem Engagement etwas zu den „blühenden Landschaften“ im Osten beitragen wollte. Eine Herausforderung bestand darin, dass Vertrauen der Belegschaft zu gewinnen. An die erste Betriebsversammlung im Jahr 1991 und die abwartend-beobachtende Haltung der Mitarbeiter kann sich Hans B. Bauerfeind gut erinnern. Kein Wunder: Die Menschen im Osten hatten nicht nur gute Erfahrungen mit Unternehmern aus dem Westen gesammelt. Deshalb beschloss Bauerfeind, an seinem Unternehmensstandort Zeulenroda der einzige „Wessi“ zu bleiben und ganz auf Mitarbeiter aus der Region zu setzen.

Professor Hans B. Bauerfeind – vor zwei Jahren wurde ihm für sein besonderes Engagement die Honorarprofessur der Fachhochschule Münster verliehen – engagiert sich auch lokalpolitisch. Für die CDU, die bei den Stadtratswahlen 2004 über die Hälfte der Stimmen erhielt, sitzt er im Stadtrat. Das Stimmenverhältnis wird sich wohl in diesem Jahr verändern, bei den letzten Bundestagswahlen lag die Linkspartei vorn. Die Falschen gehen in die Politik, beklagt Bauerfeind, überwiegend ältere Menschen. Wer mitten im Beruf steht, der will sich ein solches Engagement nicht leisten. Das lebt Bauerfeind anders. Er wünscht sich, dass die bürgerlichen Parteien faszinierender auf die Menschen wirken würden. Und er wünscht sich auch mehr bürgerschaftliches Engagement. Hans B. Bauerfeind erlebt mit, wie in seinem Umfeld der Mittelstand langsam wächst und wie Schritt für Schritt eine Kultur der Verantwortungsübernahme entsteht – so richtig vielleicht erst mit der nächsten Generation.

Der Unternehmer Hans B. Bauerfeind ist ein engagierter Querdenker, dessen Meinung nicht immer von der Mehrheit geteilt wird. Er gehörte zu denen, die von Bundeskanzlerin Angela Merkel angesichts der Finanzkrise um Rat gefragt worden. Und er findet es richtig, dass die Kanzlerin mit ihren konjunkturpolitischen Maßnahmen zunächst abgewartet hat. Bauerfeind ist Präsident der Ostthüringer IHK und geht, was die Ausbildung junger Menschen betrifft, mit gutem Beispiel voran: Die Bauerfeind AG bildet über den eigenen Bedarf hinaus aus. Für sein unternehmerisches und gemeinnütziges Engagement erhielt der Unternehmer 2005 den Preis Soziale Marktwirtschaft der Konrad-Adenauer-Stiftung.

„Der Unternehmer hat nicht nur Verantwortung für sein Geschäft“, sagt Hans B. Bauerfeind. „Er hat auch Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft, den Mitarbeitern, Lieferanten, der Stadt und dem Land.“ Für diese Überzeugung steht Bauerfeind mit dem ein, wie er sein Unternehmen führt. Und er ist Veranstalter der „2. Arena für Nachhaltigkeit“, die vom 19. bis 21. März in dem zu seinem Unternehmen gehörenden Bio-Seehotel Zeulenroda stattfindet. Wir können nicht so weitermachen wie bisher, sagt Bauerfeind. Wir müssen Verantwortung für die Zukunft der Erde übernehmen. Was das konkret bedeutet, darüber will er bei der Arenaveranstaltung diskutieren.

Die Arena für Nachhaltigkeit im Internet:
www.nachhaltigkeitsarena.de

Foto: Prof. Hans B. Bauerfeind bei einem Grußwort (Bauerfeind AG)

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