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Unternehmerische Verantwortung endet nicht am Fabrikzaun

Zittau > Unternehmen haben mit ihren Aktivitäten Auswirkungen auf alle Menschenrechte und tragen im gesamten Spektrum Verantwortung. Ihre Verantwortung endet nicht am Fabrikzaun. Unternehmen müssen dabei erklären können, an welchen Kriterien sie sich bei der Wahrnehmung ihrer gesellschaftlichen Verantwortung orientieren und warum sie etwas tun oder unterlassen. Das betont Prof. Dr. Klaus M. Leisinger in seinem aktuellen Beitrag für das DNWE-Expertenforum. Leisinger ist Präsident und Exekutiv-Direktor der Novartis Foundation for Sustainable Development und vertritt als DNWE-Experte das Thema „Menschenrechte“. In seinem Beitrag nimmt er Bezug auf einen UN-Bericht und schreibt:

„Die öffentliche Debatte zu Unternehmen und Menschenrechten hat sich in den letzten 10 Jahren bereits um einiges verfeinert. Dies reflektiert ein im Juni 2008 vorgelegter Bericht des UN-Sonderbeauftragten John Ruggie (http://www.business-humanrights.org/Documents/RuggieHRC2008). Der Bericht stellt fest: Unternehmen haben mit ihren Aktivitäten Auswirkungen auf alle Menschenrechte und tragen im gesamten Spektrum Verantwortung. Dies gilt insbesondere dort, wo entsprechende nationale Gesetze nicht existieren oder der Staat diese Gesetze nicht durchsetzt.

Allerdings leitet sich allein aus Einfluss nicht unmittelbar Verantwortung ab. Die Verpflichtung zum Schutz und zur aktiven Erfüllung von Menschenrechten bleibt Aufgabe der Staaten. Das im Bericht skizzierte Minimum unternehmerischer Verantwortung in Bezug auf Menschenrechte besteht darin, selbst keinen Schaden anzurichten. Gibt es eine Verantwortung darüber hinaus?

Über 5.000 Unternehmen unterzeichneten bis heute den UN Global Compact (www.unglobalcompact.org) und bekennen sich dazu, dessen zehn Prinzipien „im eigenen Einflussbereich“ in die Praxis umzusetzen. Auch in Bezug auf die im ersten Prinzip thematisierte Förderung der Menschenrechte warf die Definition dieses ‚Einflussbereichs‘ von Anfang an viele Fragen auf. Das Team Ruggie hat dieser Frage daher einen Sonderbericht gewidmet (www.business-humanrights.org/Links/Repository/446573). Dieser verwirft das noch von vielen Unternehmen benutzte Modell konzentrischer Kreise: Nach diesem Modell erstrecken sich Einfluss und Verantwortung von innen (Mitarbeiter) schrittweise nach außen (Zulieferer, Märkte, Gemeinwesen) und nehmen dabei mit wachsender Entfernung vom „Fabrikzaun“ ab.

Eindeutig gehört es demgemäß zur Verantwortung eines Unternehmens, direkte negative menschenrechtsrelevante Auswirkungen zu vermeiden. Doch die Einflussnahme auf verschiedene politische oder gesellschaftliche Akteure gehört nur unter bestimmten Bedingungen dazu und nicht allein schon deshalb, weil sie möglich ist. Auch die Nähe zu Menschenrechtsverletzungen ist kein hinreichender Indikator für das Ausmaß unternehmerischer Verantwortung: Zum einen ist der Begriff „Nähe“ vieldeutig und umfasst räumliche, durch Verträge hergestellte oder politische Nähe. Und zum anderen können Menschenrechtsverletzungen in Zeiten des Internets aus großer Ferne erfolgen. Einfluss- und Verantwortungsbereich bleiben also uneindeutig. Unstatthaft handelt jedoch, wer wegen dieser Uneindeutigkeit in Untätigkeit zu verharrt. Um sich Klarheit über die konkrete Verantwortung in einem jeweils spezifischen Kontext zu verschaffen, müssen Unternehmen ihre Aktivitäten einer kontinuierlichen, kritischen Analyse unterziehen und das geschäftliche Beziehungsnetz unter die Lupe nehmen. So könnten sie potentielle oder aktuelle menschenrechtsverletzende Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit erkennen und sie entweder vermeiden oder beseitigen.“

Unter dem Motto „Verantwortung braucht Argumente“ bezieht das Deutsche Netwerk Wirtschaftsethik (DNWE) mit dem Expertenforum in der aktuellen Diskussion Stellung zu zentralen wirtschaftsethischen Fragen: kontinuierlich, aktuell aber nicht skandalgebunden. Neben den Expertenbeiträgen bietet das Portal zu den Themen Menschenrechte, Anti-Korruption und Corporate Governance Diskussionsbeiträge und Nachrichten. Eröffnet würde das Online-Forum am 29. Januar.

Das DNWE-Expertenforum im Internet:
http://www.dnwe.de/expertenforum.php

Foto: Prof. Dr. rer. pol. Dr. h.c. theol. Klaus M. Leisinger (DNWE)