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CSR ist kein Berufsfeld für gestrandete Geisteswissenschaftler – Ein Interview mit Dr. Alexandra Hildebrandt

Essen > „CSR ist kein Berufsfeld und keine Insel für gestrandete Geisteswissenschaftler, sondern ein Teil der jeweiligen Unternehmensphilosophie“, sagte Frau Dr. Alexandra Hildebrandt am 22. Januar bei der Auftaktveranstaltung der Initiative für Nachhaltigkeit (IfN) an der Universität Duisburg-Essen. Die promovierte Germanistin ist Leiterin Gesellschaftspolitik bei der Arcandor AG. Wie ‚passen‘ also Geisteswissenschaftler in das Berufsfeld Corporate Social Responsibility? Ein Interview:

CSR NEWS: Frau Dr. Hildebrandt, eignet sich das Berufsfeld „CSR-Manager“ als Beschäftigungsziel für Geisteswissenschaftler?

Dr. Alexandra Hildebrandt: Das Berufsbild eines „CSR-Managers“ wäre ein Dilemma, denn das Thema gesellschaftliche Verantwortung kann man nicht „managen“, sondern lediglich leben bzw. „unternehmen“. Auch gibt es kein Patentrezept, wie Firmen damit umgehen sollten. Es ist wie mit den Menschen, die ihr Tun an bestimmten Wertvorstellungen ausrichten. Viele reden nicht darüber, sondern handeln entschieden und schnell und lassen nicht jeden einzelnen Schritt absegnen.

CSR NEWS: Vielleicht bringen gerade Geisteswissenschaftler ein neues Denken und frischen Wind in die Wirtschaft? Und ist CSR dafür der richtige Ansatzpunkt?

Dr. Alexandra Hildebrandt: Ich glaube nicht, dass geisteswissenschaftliche Denkansätze neu in die Wirtschaft eingebracht werden müssen. Sie sind schon da, auch die Menschen, mit denen sich das gemeinsame Thema befruchten lässt. Es ist freilich immer auch ein Glück, auf sie zu treffen. Aber, da bin ich gewiss, die richtigen Menschen mit ähnlichen (Wert-)Vorstellungen erkennen und finden sich immer.
Dass CSR mit einem „anderen Denken“ einhergeht, ist eine wage Behauptung, die ich nicht bestätigen kann. Es kommt immer darauf an, was der Einzelne aus seinen Möglichkeiten macht, wie er Dinge wahrnimmt und verbindet.

CSR NEWS: Welche Voraussetzungen braucht dann ein CSR-Verantwortlicher, um seine Chancen zu nutzen und gestalterisch tätig zu sein?

Dr. Alexandra Hildebrandt: Mich haben fünf Jahre Zementindustrie unmittelbar nach der Promotion gelehrt, dass – wollen wir in dieser Welt wirklich etwas bewegen statt uns bewegen zu lassen – unsere Flügel der Phantasie auch ein paar Stiefel fürs Pflaster brauchen. Mit der richtigen Dosis Selbstvertrauen kann man sich darin ganz gut fortbewegen. Was wichtig ist, wenn man den Schritt aus den Geisteswissenschaften wagt, ist, nicht zögerlich zu sein oder sich den Meinungen anderer sofort zu unterwerfen. Dazu gehört Mut, auch einmal gegen den Strom zu schwimmen, zu sprechen, wenn andere schweigen, etwas zu wagen und durchzuhalten, auch wenn man sich dabei verwundbar macht. Das ist allerdings leicht gesagt und schwer getan, denn ein solches Verhalten braucht eine Atmosphäre des Vertrauens, in der man sich „trauen“ darf. Nur unter diesen Umständen, die ich in den vergangenen drei Jahren selbst erfahren konnte, also dem Anerkanntsein und der Akzeptanz der Vorgesetzten, kann sich auch Kreativität entfalten. Damit einher geht der Verzicht auf Rechtfertigung. Erst, wer das Unplanbare zulässt und sich seiner Sache mit Leidenschaft widmet, hilft dem Neuen, in die Welt zu kommen. So entsteht Veränderung. Damit haben freilich viele Menschen Probleme – sie wollen den Status Quo beibehalten, weil der Stillstand scheinbar bequemer ist. Stimmt aber nicht, denn wer allein auf seiner Scholle sitzt, ist irgendwann nicht mehr anschlussfähig, weil sie wegdriftet.

CSR NEWS: Wie groß sind die „Gestaltungsräume“, mit denen ein CSR-Verantwortlichen in seinem Unternehmen rechnen kann?

Dr. Alexandra Hildebrandt: CSR war, als ich ins Unternehmen kam, schon Bestandteil der Unternehmensphilosophie, also eine gute Voraussetzung, um an der Umsetzung entsprechender Themen weiter zu arbeiten. Ich habe das Thema aber nie als etwas Vorgeschriebenes gesehen, sondern als etwas, das ich selbst gestalten kann und muss, wenn wir etwas bewegen wollen. Meine Divise war immer: gestalten statt verwalten. Dazu gehört auch manchmal, auf Konzepte zu verzichten und Dinge gleich zu tun. Denn wenn Sie sich ein halbes Jahr mit einem Konzept beschäftigen, hat Sie die Zeit längst überholt. Also gleich entscheiden und einfach tun, was getan werden muss, um die Welt im Kleinen zu verändern. George Bernard Shaw bringt es auf den Punkt: „Diejenigen, die in der Welt vorankommen, gehen hin und suchen sich die Verhältnisse, die sie wollen, und wenn sie sie nicht finden können, schaffen sie sie selbst.“

CSR NEWS: Welche persönlichen Voraussetzungen sind erforderlich, um in einer solchen Schnittstellenfunktion in einem Unternehmen gestalterisch tätig sein zu können?

Dr. Alexandra Hildebrandt: Mein Doktorvater, der Literaturwissenschaftler Prof. Thomas Anz, der heute in Marburg lehrt, sagte einmal zu mir, dass ich wohl eine Art „Urvertrauen“ hätte, das mir Kraft und Gewissheit gibt in die Beständigkeit der Welt. Der Begriff stammt vom Psychologen Erik H. Erikson und meint ein Gefühl, das uns nie verlässt. Es ist das Vertrauen, das wir ankommen, wenn wir uns auf den Weg machen, dass wir nach dem Einschlafen wieder aufwachen, dass Jahreszeiten wechseln und die Dinge ihren Lauf nehmen etc. Für die Ausübung des Berufs reicht Urvertrauen in diesem engen Sinne aber nicht aus. Kompetenzen und Wissen um bestimmte Gefahren sind ebenfalls notwendig, um Beruf und Berufung zu verbinden.

CSR NEWS: Vielen Dank für das Gespräch!

Unter dem Motto „Bist du fit für die Zukunft?“ befasste sich die Initiative für Nachhaltigkeit (IfN) an der Universität Duisburg-Essen bei ihrer Auftaktveranstaltung mit der Frage: Wie kann ein einzelner in seiner Institution zur Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft beitragen? Zu den besonderen Gästen der Veranstaltung gehörten auch Michael Müller, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, und Frau Prof. Dr. Ute Klammer, die Prorektorin der Universität Duisburg-Essen. „Soziale Nachhaltigkeit werden wir nur erreichen, wenn es uns gelingt, die vielfältigen Potenziale unterschiedlicher Menschen in dieser Gesellschaft zu entdecken, zu fördern und zu nutzen. Die Universität kann hierbei eine wichtige Vorreiterrolle übernehmen“, betonte Ute Klammer in ihrem Beitrag.

Weitere Informationen zur Initiative für Nachhaltigkeit (IfN) im Internet:
www.initiative-fuer-nachhaltigkeit.de