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Unternehmensverantwortung im kanadischen Winter

Ein Tagungsbericht von der „Transatlantic Doctoral Academy on Corporate Responsibility“

von Jan Borkowski

Was verbindet den Umgang mit Entlassungen in Quebec mit der Frage nach mehr Nachhaltigkeit aus der Sicht der Luhmannschen Systemtheorie? Wie passen respektvolle Führung und der Einfluss internationaler Konzerne auf Krieg und Frieden in Entwicklungsländern zusammen? – Es sind alles Perspektiven auf ein Thema: Unternehmensverantwortung. Und nur eine kleine Auswahl von Perspektiven, die Mitglieder der Transatlantic Doctoral Academy on Corporate Responsibility (TADA) einnehmen, um mit ihren Forschungsarbeiten zu einem besseren Verständnis von Unternehmensverantwortung und Wirtschaftsethik beizutragen.

Vom 19. bis 24. Januar 2009 trafen sich 15 Doktoranden an der Université de Montréal in Montreal, Canada, zur ersten Session der TADA. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Disziplinen – den Wirtschaftswissenschaften, der Politologie, der Soziologie, den Geschichtswissenschaften, Industrielle Beziehungen, der Psychologie und den Rechtswissenschaften – und forschen an kanadischen und deutschen Universitäten zu Themen aus den Bereichen Unternehmensverantwortung und Wirtschaftsethik. Die TADA wird von Thomas Beschorner, DAAD-Professor an der Université de Montréal, organisiert und geleitet, der DAAD und die Plansecur-Stiftung unterstützen die TADA. Neben regelmäßigen Sessions für Austausch und Diskussion zwischen den Doktoranden werden auch Forschungsaufenthalte auf der jeweils anderen Seite des Atlantiks gefördert.

Während dieser ersten Session in Montréal konnten die in die Akademie aufgenommenen Mitglieder über vier Tage ihre Forschungsarbeiten präsentieren und kritisch diskutieren. So wurde beispielsweise anhand eines Forschungsprojektes zur Geschichte der internationalen Unternehmensregulation deutlich, dass die Auseinandersetzung mit der Verantwortung von Unternehmen bereits eine lange Tradition hat – und seit dem zweiten Weltkrieg zu unterschiedlichen Regulierungsansätzen auf internationaler Ebene geführt hat. Ein anderes Forschungsprojekt beleuchtet am Beispiel der kanadischen Provinz Quebec, wie Unternehmensverantwortung bei Massenentlassungen und Werksschließungen konkret aussehen kann. Dabei wird insbesondere untersucht, welche Variablen die Entscheidungen des Managements beeinflussen. Besonders weitreichende Folgen können Entscheidungen eines Unternehmens haben, wenn sie elementare Menschenrechte von indigenen Gemeinschaften in den Anden betreffen. Ein Forschungsprojekt beschäftigt sich hier mit den Möglichkeiten lokaler, internationaler und transnationaler Gerichtsbarkeiten, die rechtliche Verantwortung der beteiligten Unternehmen zu gewährleisten. Ebenfalls um den Menschen und die Verantwortung des Unternehmens in Bezug auf sein Wohlergehen, auch weit über die Sicherstellung elementarer Menschenrechte hinaus, geht es in einem Forschungsprojekt zu respektvoller Führung. Hier wird untersucht, welche Folgen eine respektvolle Führungskultur für die Mitarbeiter hat, und wie Unternehmen eine solche Führungskultur fördern können.

Weitere Forschungsprojekte beschäftigen sich mit der der Untersuchung von Unternehmensverantwortung aus systemtheoretischer oder legitimationspolitischer Perspektive, oder mit der Verantwortung von Unternehmen in nachhaltigen Innovationsprozessen. Die inhaltliche Breite der vorgestellten Forschungsprojekte, wie sie hier nur beispielhaft erwähnt ist, erwies sich als ebenso herausfordernd wie bereichernd für die Diskussionen. Diese waren in jedem Fall grenzüberschreitend – interdisziplinär, interkontinental und oft jenseits bekannter Denkmuster – und für die Mitglieder der Akademie gerade deshalb so wertvoll, weil sie in einer offenen Atmosphäre stattfanden.

Wichtig war allen Beteiligten aber auch, mit Gesprächspartnern aus der Praxis Ideen auszutauschen, kritisch zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Gelegenheit dazu bot ein halbtägiges „CSR-Practitioner Forum“, bei dem unter anderem Rosalie Vendette (Marketing Director, Investissement Responsable Inc.) die Arbeit ihrer Firma im Bereich verantwortungsvolle Anlagestrategien vorstellte und Prof. Emmanuell Raufflet (Professor für Management, HEC Montréal) von der Herausforderung berichtete, Wirtschaftsethik und Unternehmensverantwortung in MBA-Programmen zu unterrichten. Besonders spannend waren die Diskussionen mit Claude Perras (Director of sustainable development and community relations, Rio Tinto Alcan), der darlegte, wie sich bei Rio Tinto Alcan, einem der größten Bergbau- und Aluminiumkonzerne der Welt, die Perspektive auf Unternehmensverantwortung wandelt. Von einem paternalistischen sei man auf dem Weg zu einem partnerschaftlichen Verständnis davon, wie Unternehmensverantwortung gegenüber den unterschiedlichen Interessengruppen – beispielsweise einer Bauxit-Mine in Ghana – umgesetzt werden könne. Dabei werde gelebte Unternehmensverantwortung auch als ein Wettbewerbsvorteil gegenüber rücksichtsloseren Konkurrenten wahrgenommen, der sich finanziell lohne.

Den Abschluss dieser Session der TADA bildete ein zweitägiger Workshop zum Thema „Business Ethics: International Perspectives“ mit renommierten Professoren aus Nordamerika und Europa. Die Mitglieder der TADA erhielten dabei vielseitige Einblicke zum aktuellen Stand der Wirtschaftsethik-Diskussion weltweit und diskutierten mit Prof. Georges Enderle (University of Notre Dame, Indiana, USA), Prof. Wesley Cragg (Schulich School of Business, York University, Toronto, Canada), Prof. Michael Aßländer (Universität Kassel, Deutschland), Prof. Joseph Schmucker (Concordia University, Montréal, Canada), Prof. Emmanuel Raufflet (HEC Montréal, Canada), Prof. Michaela Haase (Freie Universität Berlin, Deutschland) und Prof. Arnaud Sales, Université de Montréal, Canada).

Mit diesem Workshop endete die erste von insgesamt vier Sessions der TADA bis Ende 2010. Das nächste Treffen wird im Oktober 2009 in Kassel stattfinden.

Autor:
Dipl.-Kfm. Jan Borkowski hat an der Universität Erlangen-Nürnberg und der Universidad de Buenos Aires Betriebswirtschaftslehre mit einem Fokus auf Organisationspsychologie studiert. Derzeit promoviert er an der Leuphana Universität Lüneburg zum Thema „respektvolle Führung“ und ist Mitglied der interdisziplinären Forschungsgruppe „RespectResearchGroup“ an der Universität Hamburg.

Adresse:
Korrespondenz bezüglich dieses Artikels bitte an: Jan Borkowski, Universität Hamburg, RespectResearchGroup, Von-Melle-Park 5, 20146 Hamburg, Deutschland; Tel: +49-40-42838-4725, Fax: +49-40-42838-4109, E-Mail: borkowski@respectresearchgroup.org