Nachrichten Partnermeldungen

Internationale Perspektiven der Wirtschaftsethik

Transatlantische Doktoranden-Akademie Unternehmensverantwortung

von Kristin Vorbohle

Auf der Transatlantischen Doktoranden-Akademie Unternehmensverantwortung trafen junge Wissenschaftler aus Kanada und Deutschland zusammen, um über Themen rund um Ethik, Wirtschaft und Kultur zu diskutieren. Zweimal jährlich treffen sich 18 Doktoranden unter der Leitung von Dr. Thomas Beschorner (DAAD Professor, Université de Montréal) in Montréal und Kassel, um jeweils eine Woche über ihre Dissertationsprojekte zu diskutieren. Auf der daran angeschlossenen, zweitägigen Konferenz zum Thema Internationale Perspektiven der Wirtschaftsethik sprachen namenhafte Referenten aus Kanada, Deutschland und den USA über internationale CSR Initiativen, kulturelle Aspekte der Wirtschaftsethik, die Verantwortung von Unternehmen in Deutschland und Ethik in der Ausbildung von Führungskräften.

Im deutschsprachigen Raum ist Wirtschaftsethik ein Thema mit vielen Facetten, das Michael Assländer (Universität Kassel) dem internationalen Publikum näher brachte. Er stellte die verschiedenen Schulen der Wirtschaftsethik vor, die stark von der Sozialen Marktwirtschaft als „Drittem Weg“ zwischen Planwirtschaft und liberalem Wirtschaftssystem gekennzeichnet sind. Eine Diskussion, die unter dem Namen Wirtschaftsethik geführt wurde, begann in Deutschland in den 90er Jahren, indem die traditionelle Wirtschaftstheorie kritisiert wurde. Assländer teilt die deutschsprachige Wirtschaftsethik in zwei Schulen: Dialog orientierte und Anreiz orientierte Konzepte. Erstere können ausdifferenziert werden in den republikanischen Ansatz von Horst Steinmann und den diskursethischen Ansatz von Peter Ulrich. Der ordo-theoretische Ansatz von Karl Homann und die Governance Ethik von Josef Wieland sind Beispiele für Anreiz orientierte Konzepte.

Wenn man aber versucht, Wirtschaftsethik unabhängig von nationalen oder kulturellen Kontexten zu denken, zeigt sich die volle Komplexität des Themas. Joseph Smucker (Concordia University, Kanada) berichtete von interkulturellen Erfahrungen, die ein südkoreanisches und ein kanadisches Unternehmen bei der Verhandlung von Verträgen gemacht haben. Während die Südkoreaner auf informellen Wegen versucht haben, sich den Kanadiern anzunähern, haben diese das Vorgehen der Asiaten als korrupt empfunden und die Verhandlungen verlassen. Für die Südkoreaner sind persönliche Kontakte jedoch von großer Wichtigkeit, da sie durch persönlichen Austausch Vertrauen aufbauen. Der unterschriebene Vertrag ist für sie lediglich Ausgangspunkt für weitere, informelle Übereinkünfte. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, was überhaupt richtiges, ethisches Verhalten im internationalen Kontext ist.

Eine Antwort darauf versuchte Georges Enderle (University of Notre Dame, USA) zu geben, indem er ein Verfahren zur Bestimmung des größten gemeinsamen Nenners aller Gerechtigkeitskonzepte vorschlägt, das als Ausgangspunkt für politisches Handeln gelten könnte. Die Zustimmung aller erhält beispielsweise die Goldene Regel („Was du nicht willst, was man dir tut das füg’ auch keinem anderen zu“) oder die Implementierung von Freiheitsrechten, wie das Recht auf politische Freiheit, soziale Chancen und gesellschaftliche Transparenz.

Die wachsende Komplexität der Frage nach der Ethik in der Wirtschaft wird auch im Kontext der Globalisierung deutlich. Da einige der Aufgaben, die früher in Staatshand lagen, im Zuge des Rückzugs des Nationalstaates in private Hände übergegangen sind, stehen wir nicht nur vor neuen Fragen der Legitimität dieser Akteure, sondern auch der Neubestimmung der Rolle des Nationalstaates. Arnaud Sales (Université de Montréal, Kanada) betrachtet dieses Spannungsfeld zwischen privaten und staatlichen Akteuren zur Bestimmung eines Handlungsrahmens für den internationalen Handel. Welche Rolle zukünftig die Öffentlichkeit und gesellschaftliche Akteure in diesem Zusammenhang spielen werden, ist ebenfalls eine weder auf nationaler noch internationaler Ebene beantwortete Frage.

Die Organisation steht im Mittelpunkt des Forschungsinteresses von Emmanuel Raufflet (HEC Montréal, Kanada). Er fragt, wie sich Normen in Organisationen und Gruppen verändern bzw. wie sie verändert werden können. Als zentralen Erfolgsfaktor sieht Raufflet Organisationsmitglieder, die durch (positives) abweichendes Verhalten Normen und Good Practices in die Organisation herein tragen. Dort stoßen sie dann im besten Fall auf Multiplikatoren, die diese Normen weiter verbreiten und helfen, den organisationalen Wandel voranzutreiben.

Fragestellungen die nicht nur für Deutschland relevant sind, wirft Michaela Haase (Freie Universität Berlin) auf: Wie soll Wirtschaftsethik gelehrt werden? Mit welchem Ziel? Und was genau soll der Inhalt dieser Vorlesungen sein? Haase stellt ein Forschungsprojekt vor, das den Einfluss und Nutzen des Faches Wirtschaftsethik an Universitäten in Deutschland untersucht, mit dem Ziel dieses Fach langfristig in den Curricula zu verankern. Zentral sind die Fragen danach, warum deutsche Universitäten Wirtschaftsethik als Fach brauchen, welchen Einfluss unternehmensethische Bildung auf das Verhalten von Studierenden und damit von späteren Führungskräften hat und nicht zuletzt muss darüber diskutiert werden, ob wir eine wirtschaftsethische Bildung oder Ausbildung brauchen.

Die kanadische Schwester des DNWE ist CBERN, das Canadian Business Ethics Research Network. Die 2004 gegründete Organisation sieht sich verschiedenen Anforderungen ausgesetzt: das große Territorium des nordamerikanischen Landes führt zu einer geografischen Distanz zwischen den im Bereich der Wirtschaftsethik Forschenden. Außerdem ist und muss Wirtschaftsethik ein in verschiedenen Fachgebieten diskutiertes Thema sein, was jedoch hohe Anforderungen an die Kommunikation zwischen den interdisziplinären Mitgliedern stellt. Seinen Herausforderungen begegnet das Netzwerk durch einen kontinuierlichen Dialog mit der Öffentlichkeit, Organisations- und Kompetenzentwicklung sowie Forschung im Bereich Wirtschafts- und Unternehmensethik, wie Wesley Cragg (Schulich School of Business, York University, Kanada) berichtet.

Obgleich die verschiedenen thematischen Ausgestaltungen der Wirtschaftsethik auf den nationalstaatlichen, kulturellen Kontext zugeschnitten sind, beschäftigen sich Referenten und Doktoranden aus den verschiedensten Teilen der Welt auf sehr ähnliche Weise mit diesem Thema. Denn genau darum geht es in der internationalen Debatte der Wirtschaftsethik: Die Neubestimmung der Aufgaben von Nationalstaat, Unternehmen und Zivilgesellschaft in einer sich ständig wandelnden Gesellschaft.