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UNESCO Biosphäre Entlebuch – von und für Menschen in der Region gestaltet

Berlin > „Schnider ist eine Person, die vom Saulus zum Paulus geworden ist.“ Das sagte Armin Vielhaber, der Vorstandsvorsitzende des Studienkreis für Tourismus und Entwicklung, über Theo Schnider, Direktor in der UNESCO Biosphäre Entlebuch in der schweizerischen Region Luzern. Schnider nahm am Freitag auf der ITB die Auszeichnung im „TO DO 2008! Wettbewerb Sozialverträglicher Tourismus“ entgegen -und nutzte die Gelegenheit zu einem eindringlichen Appell an die eigene Branche.

„Es ist bitternötig, dass sich der Tourismus sozial verantwortlich entwickelt“, sagte Schnider. Der Reisende sei zur Massenware geworden, ferngesteuert durch Konzepte und Trends. Nicht der Gast werde fremder, sondern der Gastgeber werde durch die Strukturen seiner Branche entfremdet. „Wenn der Kunde wüsste, was auf der ITB alles ausgeheckt wird, müsste er sich wie auf einer Schlachtbank fühlen“, so Schnider. In einer durchgeplanten Welt gehe die Lust am Abenteuer verloren. Die Freude an einem menschlichen und sozialen Tourismus müsse neu geweckt werden.

Dazu ist Theo Schnider mit der UNESCO Biosphäre Entlebuch angetreten. Rund 40.000 Hektar, davon 10.000 Hektar Moorgebiet, gehören zu der zwischen Bern und Luzern gelegenen Landfläche. Knapp 17.000 Menschen leben in der Biosphäre, viele davon auf den 1.000 Bauernhöfen, die in erster Linie Milchwirtschaft betreiben. Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen gehört das Entlebuch zu den ärmsten Regionen der Schweiz. Stärken sind jedoch ein ausgeprägtes Vereinsleben mit über 300 Vereinen und der Tourismus, dessen Wurzeln mindestens bis in die Anfänge des 18. Jahrhunderts reichen. 450.000 Übernachtungen zählt das Entlebuch heute.

Die UNESCO Biosphäre Entlebuch ist keine von außen angeregte Initiative. Im Jahr 1987 bewirkte eine Volksabstimmung, die so genannte „Moorschutzinitiative“, dass etwa 50 Prozent der Gemarkung im Entlebuch unter Naturschutz gestellt wurden. Menschen im Entlebuch sahen sich in ihrer Existenz bedroht: Landwirte bangten um den Erhalt ihrer Flächen, der Wintertourismus mit seinen zahlreichen durch die Schutzgebiete verlaufenden Pisten schien am Ende. In dieser Situation gründeten sich Initiativen zum Thema „Moorschutz“, die mit einem integrativen Konzept einen Ausgleich zwischen Natur und Mensch suchten und die Vorgaben des „Man and Biosphere“-Programms der UNESCO übernahmen. Im Jahr 2000 beauftragte die lokale Bevölkerung bei Gemeindewahlen fast einstimmig die Verantwortlichen in den Gemeinden, einen entsprechenden Antrag zu stellen. Ein Jahr später wurde die Region Entlebuch als UNESCO-Biosphärenreservat anerkannt und wandelte sich von einer konservativen Ferien- hin zu einer progressiven Vorbildregion.

Das Entlebucher Kooperationsmodell ist heute als touristische Marke eine Erfolgsstory. Landwirte koordinieren sich mit Käsereien, der lokale Kräuteranbau beliefert die Restaurants. Und unter dem Motto: „Darf es etwas Moor sein?“ bringt die Vereinigung der Entlebucher Küchenchefs in erster Linie lokale Produkte auf den Tisch. Das schafft touristische Alleinstellungsmerkmal – und bringt Gäste, die einen Tourismus mit menschlichem und sozialem Angesicht erleben.

Foto: Theo Schnider bei der Preisvergabe, gemeinsam mit der brasilianischen Preisträgerin Vanessa Oliveira