Nachrichten

Gier oder Herdentrieb? Der Faktor Mensch in der Finanzkrise

Bonn > Gier war nicht das Problem bei dem Managementversagen der letzten Monate. Geld als Einkommen spielt ab der zweiten Million eine untergeordnete Rolle. Das sagte Dr. Reinhard Preusche von der Allianz AG heute auf der DNWE-Jahrestagung in Bonn. Es ging für die Handelnden wesentlich um Durchsetzungsfähigkeit und Prestige. Herdentrieb und vervielfachtes Mainstreamdenken hätten zu kollektiven Dummheiten beigetragen, so Preusche. Modernes Prozessdenken habe dazu geführt, dass Manager sich dafür entschuldigen mussten, wenn sie fachlich-inhaltlich statt strategisch und prozesshaft argumentieren.

Einen Zwang zum kollektiven Verhalten sieht Preusche auch in den Wirtschaftswissenschaften – „vielleicht noch stärker als in anderen Bereichen“. Wer hier nicht dem Mainstream angehöre, der werde „exkommuniziert“, sagte Preusche.

„Gier und Stolz haben schon eine gewisse Rolle gespielt“, sagte dagegen Caspar von Hauenschild, Vorstand bei Transparency International, der Anfang der 90ger Jahre noch im Bankenwesen tätig war. Für wenige Leute sei es erträglich, mehr zu leisten als ihre Wettbewerber und schlechter bezahlt zu werden. „Es ist eine gewisse Eitelkeit, Gier und Stolz“, so von Hauenschild, die zu dem steilen Anstieg der Managergehälter geführt habe. Unwissen der Fachleute sei jedenfalls keine Ursache der Krise gewesen: „Es ist nicht so, dass die meisten es nicht verstanden haben. Sie haben es verstanden und sie haben sich geirrt“, sagte von Hauenschild weiter. Experten hätten sich auf ihre Modelle verlassen, statt sie kritisch zu prüfen.

Heute werden Verhaltensmuster der Vergangenheit wiederholt, die zu der Krise geführt haben. Die Wirtschaft brauchte Stimulus, und der Stimulus war die Finanzierung des privaten Konsums auf Kredit. „Die ganze Welt wusste, dass das nicht gut gehen kann.“ Heute wird zur Lösung der Krise der private Konsum belebt – wiederum auf Pump, so Preusche.

Was lässt sich für die Zukunft lernen?

Compliance funktioniert nur im Dreisatz, betonte von Hauenschild: Mit System – Compliance-Richtlinien müssen wirklich in die Köpfe der Leute getragen werden. Transparenz im Sinne von Antizipation der Konflikte – etwa durch Training des richtigen Verhaltens in Bezug auf Vertragsverhandlungen in korruptionsbelasteten Geschäftsfeldern. Und schließlich auch Sanktionen statt Wegsehen als Führungsverhalten – wenn Mitarbeiter trotz Training Fehlverhalten an den Tag legen.

Die Allianz schult Mitarbeiter im Widerstand gegen kollektive Fehlentscheidungen. Es gehe nicht darum, möglichst viele stromlinienförmige Mitarbeiter zu haben, sondern verantwortliche Entscheider, so Preusche.

Foto: Die Diskussionsteilnehmer (von links): Prof. Rainer Stöttner, Universität Kassel, Dr. Reinhard Preusche, Allianz AG, Caspar von Hauenschild, Transparency International, Karin Sahr, Ernst & Young AG und Robert Bopp, Ernst & Young AG (CSR NEWS)

Hinterlassen Sie einen Kommentar