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Alternativen im Jahrhundert der Kohleverstromung

Stuttgart > Die Entscheidung für ein neues Kohlekraftwerk sei eine Entscheidung für 40 bis 50 Jahre und stehe mit seinem Beitrag zur Klimaveränderung für 100 bis 1000 Tote, sagte der Wirtschaftsberater Dr. Gregor Czisch heute auf dem Forum Envicomm in Stuttgart. Erforderlich sei deshalb ein radikaler Paradigmenwechsel. Mit dieser Rechenweise zeigte sich Jürgen Hogrefe, ehemals EnBW, nicht einverstanden. „Wir befinden uns in einem Jahrhundert der Kohleverstromung, ob uns das gefällt oder nicht“, so Hogrefe, der auf Länder wie China und Indien mit ihren Kohlekraftwerken verwies. Deutschland halte an der weltweiten Stromversorgung einen Anteil von 3 Prozent. Die internationale Lage sei schwierig: Damit Russland Erdgas an westeuropäische Länder exportieren könne, würde dort die Energie für das Inland in Kohle- und Atomkraftwerken erzeugt. Hogrefe sprach sich dafür aus, das Thema unideologisch zu behandeln. Menschenleben wollte auch Michael Lowak, MVV Energiedienstleistungen, nicht gegen Kohlekraftwerke aufrechnen. Gebraucht würden Brückentechnologien, so Lowak. Ein energieeffizientes Kohlekraftwerk sei deshalb besser als ein Kraftwerk älterer Generationen.

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer auf dem Forum Envicomm darin, dass es einen Wechsel geben müsse. „Wir brauchen eine zukunftsfähige Energieversorgung. Ja, natürlich. Aber wir brauchen auch eine gegenwartsfähige Energieversorgung“, betonte dazu Jürgen Hogrefe. Wer sein Unternehmen zukunftsfähig machen wolle, dürfe nicht zu lange an alten Geschäftsmodellen festhalten.

Maßstab für eine nachhaltige Entwicklung könnte die Orientierung am Kunden sein. Kunden sind keine „Abnehmer“, sondern Menschen mit Gefühl und Willen, sagte Hogrefe. Versorgungsunternehmen sollten nicht „hoheitlich“ Strom liefern, sondern das Ohr auf die Schiene legen und Kundenwünsche wahrnehmen, bevor sie artikuliert werden. Das schaffe Marktführerschaft, so Hogrefe. „Als ich vor drei Jahren ins Unternehmen kam, hat man mir etwas von ‚Versorgungsfällen‘ erzählt. Es hat etwas gedauert bis ich verstand, dass damit Kunden gemeint waren“, berichtete Michael Lowak von den MVV Energiedienstleistungen. Lowak hält Investitionen in Energieeinsparungen und Energieeffizient für besonders erforderlich.

„Politische Veränderungen bedeuten immer auch Gefahren“, so Czisch. Dies sei ein Grund dafür, warum Energieversorger nicht so schnell Strategien wechseln. Über Jahre gab es einen Reflex, sich mit den Dingen nicht richtig auseinandersetzen zu wollen, berichtete Dr. Matthias Dümpelmann von dem kommunalen Versorgerverbund 8KU.. Das habe sich massiv verändert. Derzeit wir auch bei kommunalen Energieversorgern kräftig in alternative Energien investiert. EnBW wird zukünftig betont in Offshore-Windparks investieren, berichtete Hogrefe. Andere natürliche Energiequellen wie die Wasserkraft hält das Unternehmen für begrenzt.

Wolfgang Schmalz von der Firma F. Schmalz deckt in seinem Maschinenbauunternehmen den gesamten Energiebedarf aus alternativen Quellen, aus Wind- und Wasseranlagen sowie Photovoltaik. „Mein Bruder und ich haben Kinder und wir denken in Generationen“, betonte Schmalz. Ihn besorgt, dass die jetzige Generation einen geplünderten Planet hinterlassen wird. Schmalz mahnte die Berücksichtigung der gesamtgesellschaftlichen Kosten des Energieverbrauchs an.

Foto (von links): Volker Andres (ZDF), Matthias Dümpelmann (8KU), Wolfgang Schmalz (J. Schmalz) und Jürgen Hogrefe (CSR NEWS)

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