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Vorurteilsfrei Chancen geben – Hamburger Unternehmen für Jugendliche ohne Schulabschluss engagiert

Hamburg > Rund 6.000 Jugendliche in Hamburg sind arbeitslos. Etwa 10 Prozent aller Schüler verlassen die Schulen ohne Abschluss. Neun von zehn Hauptschülern erreichen den ersten Arbeits- und Ausbildungsmarkt nicht auf direktem Weg. Und: Fast jeder sechste Jugendliche hat bis zum 25. Lebensjahr keine Ausbildung absolviert. Diese Zahlen haben Hamburger Unternehmer nicht gleichgültig gelassen. Gemeinsam wollen sie Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss oder mit schlechtem Hauptschulabschluss beim Berufseinstieg helfen. Unterstützt werden sie dabei von der Stiftung Wertevolle Zukunft. Dort fand in der vergangenen Woche ein Austausch über die zukünftigen Aktivitäten des Netzwerks statt.

Zu dem Austausch eingeladen hatte Thomas Lamprecht von der Firma Rossbach Automobile. Etwa 15 Hamburger Unternehmensvertreter waren seiner Einladung gefolgt. Immer wieder betonte Lamprecht in seiner Eingangsworten: Es geht bei diesem Netzwerk nicht um den Aufbau einer weiteren Institution, sondern um konkrete Hilfen für einzelne Jugendliche. Die Begleitung durch lebenserfahrene Paten, Kurzzeitpraktika, Probejobs und Ausbildungsangebote gehören zu den Methoden, die in dem Verbund mit dem Namen „ersteschritte“ zusammengeschlossene Unternehmen jungen Hamburgern anbieten. Das Angebot gilt natürlich auch für junge Migranten, betont Lamprecht. Etwa ein Viertel der Hamburger gehört zu dieser Gruppe. Die Information über das Angebot soll auch über die Kammern verteilt werden. Hilfe sichert Lamprecht den Jugendlichen ohne viel Papierkram zu. Und so kündigt Tobias Lorenz von der gastgebenden Stiftung Wertevolle Zukunft an, demnächst in einem ersten Rundbrief junge Menschen mit Förderbedarf vorstellen zu wollen.

Die Kooperation mit der Stiftung ist für Thomas Lamprecht auch deshalb wichtig, damit Unternehmen in diesem Projekt nicht überfordert werden. Denn ihr Teil ist die berufliche Begleitung und Ausbildung der jungen Menschen, die Netzwerkkoordination liegt bei der Stiftung und für die soziale Begleitung der Jugendlichen engagieren sich Paten. Derzeit gibt es mehr Paten im Netzwerk als Jugendliche, die Begleitung suchen.

Unterstützung findet das Projekt bei Daniel Röhe, Lehrer an der Bugenhagen Förderschule. Die Schule bemüht sich seit einigen Jahren um Kontakte zu Wirtschaftsunternehmen, um ihre Schüler nicht in Maßnahmen entlassen zu müssen. Unternehmenspraktika als Kontakt mit der Arbeitswelt sind für die Schüler wichtig, betont Röhe.

Dass sich den im Netzwerk beteiligten Unternehmen manche Herausforderungen stellen, setzen alle Mitwirkenden voraus. Eine solche Herausforderung beschreibt Axel Schultz von der Schultz Gruppe. Es ist die Frage, wie junge Menschen zu einer Leistung motiviert werden können, die wenig zielstrebig leben und an denen scheinbar „alles vorbei“ geht. Dass dies durchaus gelingen kann, weiß Andreas Bartmann von Globetrotter. Sein Unternehmen widmet sich dem Thema seit 20 Jahren und Bartmann hat in vielen Einzelfällen erlebt, wie Jugendliche aufblühen, wenn sie eine Chance erhalten und aus den „Schrauben“ eines eher verunsichernden Elternhauses oder Lebensumfelds heraus kommen. Wichtig ist, dass Vorgesetzte jungen Menschen eine Chance geben und ihnen vorurteilsfrei begegnen, betont Bartmann. Das setzt eine Bewusstseinsbildung in den Unternehmen für die Situation dieser jungen Leute voraus.

Kritisch beleuchtet Christophen Conzen vom Verein NestWerk die Rolle der Unternehmen: Viele Unternehmen kennen die Regeln der Corporate Social Responsibility auswendig und engagieren sich in ihrer Zulieferkette, geben in ihrer Heimat aber Jugendlichen mit schlechten Schulabschlüssen keine Ausbildungsperspektiven.

In diesem Kreis sind sich die Teilnehmer einig: Das Thema „berufliche Integration von Jugendlichen ohne Schulabschluss“ gehört in den Mittelstand. Denn der Mittelstand stellt weit mehr Ausbildungsplätze als die Großunternehmen. „ersteschritte“ will also im Mittelstand Unterstützer finden und bestehende kleinere Initiativen bündeln. Dem offenen Austausch an diesem Abend sollen dazu bald weitere konkrete Schritte folgen.

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