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Auch eine moderne Compliance hätte die Finanzkrise nicht verhindert

Frankfurt > Compliance ist „in“: Sie gibt Wirtschaftsprüfern willkommene Anlässe für Sonderprüfungen und Vorständen die Chance, ihre Verantwortung abzuwälzen. Aber auch eine moderne Compliance hätte die aktuelle Finanzkrise nicht verhindert, denn hier versagte der Mensch und es herrschte die kollektive Unvernunft. Das betonte Caspar von Hauenschild, Vorstand bei Transparency International, in seinem Einstiegsstatement zur Diskussionsveranstaltung „Glaubwürdige Compliance nach der Krise: Der Faktor Mensch und die Transparenz“ gestern in Frankfurt. Eingeladen hatte das Deutsche Netzwerk Wirtschaftsethik (DNWE), Gastgeber der Veranstaltung war die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers.

Von Hauenschild sagte der Compliance eine große Zukunft voraus: Ereignisse wie die New Economy Bubble (im Jahr 2000), Enron (2002), Siemens (2006) und die aktuelle Finanzkrise hätten „traumatisierte Ordnungspolitiker“ auf den Plan gerufen. Der TI-Vorstand nimmt ein „Grundrauschen“ in der Gesellschaft mit der Botschaft „mehr Staat und weniger Markt“ wahr. Dabei gab von Hauenschild zu bedenken, dass gerade die Banken mit ihrer ausgeprägten Compliance die aktuelle Krise ausgelöst haben. Die dort geltenden Compliance-Regeln seien mit ihrem Umfang ein „Alptraum für Industrieunternehmen“. „Keine globale Bank hat heute weniger als 1.000 Compliance-Officer“, betonte von Hauenschild, der selbst auf eine 30-jährige Erfahrung als Banker zurückblickt.

Krisenursache seien nicht fehlende Compliance-Richtlinien, sondern menschliches Versagen: Experten haben sich geirrt. Regulierer haben weggeschaut. Verantwortungsträger haben geträumt und zugeschaut. „Kann angesichts einer solchen kollektiven Unvernunft ein Mehr an Compliance und Transparenz Besseres bewirken?“ fragte von Hauenschild. Das Expertenversagen sei bei voller Transparenz für alle Kontrollorgane geschehen. Verantwortungsträger hätten eine „Kultur der kollektiven Frivolität“ entwickelt. Führungsverantwortliche hätten geträumt, maßlose dynamische Entlohnungen entgegen genommen, nicht auf Regulierungslücken hingewiesen und Interessenkonflikte verdrängt und nicht gemanagt. Markenführer aus dem Bankensektor protzten heute bereits wieder mit ihrer „Schein-Stärke“, dabei wäre kollektive Demut angebrachter.

Für eine wirkungsvolle Compliance machen eine Analyse, Antizipation und Transparenz der Risiken und Konflikte zwei Drittel einer erfolgreichen Prävention aus. Keinesfalls dürften lediglich Anweisungen versandt werden. Menschen seien grundsätzlich irritiert, wenn sie anders handeln sollten als bisher. Hier müsse Ablehnung durch Nachdenklichkeit überwunden werden. Wichtig sei dabei auch eine eindeutige und glaubwürdige Botschaft des Chefs. Und: „Compliance mit System, Transparenz und Führung braucht Übung“, sagte von Hauenschild.

Dem Thema Transparenz stellte sich Sebastian Maucher von PricewaterhouseCoopers in seinem Beitrag. Nicht jede Form von Transparenz sei zuträglich für soziale Systeme, betonte er. Transparenz sei ein diffuses System und nicht – wie heute vielfach betont – ein Allheilmittel. Maucher unterschied die Transparenz als Etablierung von Nachvollziehbarkeit in Bezug auf die Handlung von Marktteilnehmern von einer Transparenz als reiner Informationsverfügbarkeit. Transparenz könne sowohl vertrauensfördernd wirken als auch Vertrauen verhindern, betonte Maucher.

Eine anschließende, von DNWE-Vorstandsmitglied Prof. Joachim Fetzer moderierte Diskussion verlief engagiert und bewegte sich dabei auf hohem theoretischen Niveau. Fetzer lud die etwa 30 Gäste dieser sechsten Veranstaltung aus der Reihe „Unternehmen Integrität“ zudem zu einer Fortsetzung der Diskussion im Internet auf: In der kommenden Woche geht ein Relaunch der DNWE-Website online, und das DNWE-Expertenforum (www.dnwe.de/expertenforum) bietet dabei einen Diskussionsbeitrag von Caspar von Hauenschild zum Thema des Abends.

Bild (von links): Sebastian Maucher, Prof. Dr. Joachim Fetzer, Caspar von Hauenschild (CSR NEWS)