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Die Zeit ist mehr als reif!

Ein Plädoyer für die Integration von Wirtschafts- und Unternehmensethik in die Curricula der Betriebswirtschaftslehre

Wirtschafts- und Unternehmensethik ist in der betriebswirtschaftlichen Praxis längst nicht mehr Domäne vereinzelter Ethikspezialisten und anthroposophischer Unternehmer. Viele Unternehmen erwarten mittlerweile von ihren Führungskräften und Mitarbeitern neben Sozialkompetenz und der Fähigkeit zu vernetztem und interdisziplinärem Denken auch die Gabe, ethisch problematische Fragen differenziert anzugehen sowie ein Bewusstsein für nachhaltiges wirtschaftliches Handeln. Die deutsche Hochschulausbildung hinkt dieser Entwicklung allerdings hinterher. Insbesondere seit Ausbruch der Krise mehren sich die Stimmen, die nach der Integration ethischer Elemente in die wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge verlangen. So engagiert sich auch das Studentische Netzwerk für Wirtschafts- und Unternehmensethik sneep – bereits seit fünf Jahren – unter anderem dafür, Wirtschaftsethik an die Hochschulen zu bringen. Auf der Jahrestagung des Deutschen Netzwerks für Wirtschaftsethik gestalteten Studenten aus dem Netzwerk eine Podiumsdiskussion, die sich der Thematik „Wirtschafts- und Unternehmensethik in der BWL“ widmete.

Unter Moderation von Christian Klant (imposis – Human Resources & Nachhaltigkeitsberatung und sneep Köln) diskutierten Olaf Schumann (Goethe-Universität Frankfurt a.M.), Katrin Mohr (Deutsche Post DHL, Bereich Corporate Social Responsibility) und Jonas Gebauer (sneep München und Koordinationsteam) über die Bedeutung und den aktuellen status quo von Wirtschafts- und Unternehmensethik (WUE) in der BWL. Daneben beteiligten sich im Publikum die Professoren Löhr, Steinmann (emeritiert) und Wagner sowie zahlreiche Studenten von sneep an der Debatte.

Die Relevanz von Wirtschafts- und Unternehmensethik war zu Beginn im Zentrum der Diskussion. Kathrin Mohr verwies auf die Nachfrage von Seiten der Arbeitnehmer. So stünden Gedanken der WUE an dritter Stelle der Erwartungen an ihren Traumjob. Gerd Rainer Wagner (Professor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) zeigte sich der Überzeugung, dass nicht die Gier der Manager für die Wirtschaftskrise verantwortlich sei, sondern das System, dass sie dazu ausgebildet habe, die reine Kapitalmarkttheorie der Betriebswirtschaftslehre zu realisieren.

Die Debatte um „Wirtschafts- und Unternehmensethik in der Betriebswirtschaftslehre“ fand ihren ersten Anstoß an einer Bemerkung von Jonas Gebauer, der Deutschland als „teilweise wirtschaftsethisches Entwicklungsland“ bezeichnete. Der Ruf nach einem Lösungsweg wurde laut. Olaf Schumann beklagte zunächst die Rahmenbedingungen universitärer Lehrveranstaltungen. Mit einer einzigen verpflichtenden Veranstaltung zu Wirtschaftsethik im ganzen Studium, die überdies von einer enormen Masse an Studenten besucht wird, ließen sich theoretische Standardwerke kaum tiefer bearbeiten, wodurch eine grundlegende wissenschaftliche Bewusstseinsschulung stark erschwert würde.

Dabei befindet sich Olaf Schumann mit einer Pflichtveranstaltung Wirtschaftsethik deutschlandweit sogar in einer privilegierten Stellung. Die BRD steht demnach im internationalen Vergleich schlecht da: Viele ausländische Universitäten haben Wirtschaftsethik fest in ihren Lehrpläne implementiert, insbesondere, wenn sie eine Akkreditierung von der Association to Advance Collegiate Schools of Business (AACSB) anstreben.

Im weiteren Verlauf der Diskussion wurden verschiedene Fragen aufgeworfen: Reicht eine obligatorische Lehrveranstaltung zu WUE in jedem betriebswirtschaftlichen Studiengang aus? Oder ist es notwendig Wirtschaftsethik, in (fast) jedes grundlegende betriebswirtschaftliche Fach, von Marketing über Finanzierung bis zu Controlling, einzubinden? Soll es mehr spezifische Studiengänge zu Wirtschaftsethik und Nachhaltigkeit geben? Welche Vorteile bieten Stiftungslehrstühle, mit welchen Problemen sind derartige Einrichtungen behaftet? Die Anwesenden waren sich im Ergebnis hinsichtlich der Frage einig, ob die Fakultäten gemeinsam das Prinzip der Verantwortung im Querschnitt in die Betriebswirtschaftslehre (zurück)führen, oder ob einzelne Institutionen dies veranlassen sollten: Fest stünde, dass etwas geschehen müsse – die Zeit sei mehr als reif!

Somit fand die Problematik einer hinsichtlich ethischer Aspekte mangelhaften BWL-Ausbildung unter den Anwesenden gebührende Beachtung. Den Gegenstand der Debatte hat dies allerdings nicht operativ vorangebracht. Selbstverständlich ist der Diskussion über WUE in der Betriebswirtschaftslehre eine hohe Bedeutung zuzumessen, weshalb sich auch Kritiker aktiver am Diskurs beteiligen sollten. Geschehen ist damit an den Hochschulen trotzdem noch nicht viel.

Dagegen wollen die quer über Deutschland verteilten Studenten von sneep ankämpfen: Sie werden zum einen an ihre Professoren herantreten und dadurch der Nachfrage nach WUE im Lehrplan von studentischer Seite Ausdruck verleihen. Zum anderen werden sie sich weiterhin deutschlandweit in Projekten engagieren und dadurch Wirtschafts- und Unternehmensethik sowohl in der Wissenschaft als auch in der Praxis voranbringen. Es gilt, die Wenigen, die sich dem Thema annehmen, zu unterstützen um der Wirtschaftsethik endgültig den ihr zustehenden Platz in der Betriebswirtschaftslehre zu sichern. Nicht nur der „ehrbare Kaufmann“ kann dazu seinen Anteil beitragen, die Studenten von sneep werden ihn dabei durch einen kräftigen „Tone from the Bottom“ unterstützen. Die Zeit ist mehr als reif!

sneep – das Studentische Netzwerk für Wirtschafts- und Unternehmensethik engagiert sich in deutschlandweit rund 30 Lokalgruppen, um mit verschiedenen Projekten Themen rund um WUE in Lehre und Praxis voranzubringen. Nähere Informationen zu sneep sind auf der Homepage www.sneep.info zu finden.

Alexander Jonke

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