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In eigener Regie! Können Unternehmen die Zivilgesellschaft stärken?

Berlin > Als ein „Plädoyer für eine bessere (Selbst-)Steuerungs- und Leistungsfähigkeit der Bürgergesellschaft“ verstehen der Soziologe Holger Backhaus-Maul, der Wirtschaftswissenschaftler Dr. Stefan Nährlich und der Politikwissenschaftler Dr. Rudolf Speth ihre Denkschrift mit dem Titel „In eigener Regie!“. CSR NEWS hat darüber berichtet.

Über die Bedeutung des unternehmerischen Engagements in der Zivilgesellschaft und praktische Fragen einer Selbstorganisation sprach CSR NEWS mit den Denkschriftautoren:

CSR NEWS: Sind gesellschaftlich engagierte Unternehmen als „Unternehmensbürger“ Teil der Bürgergesellschaft? Oder wie verhalten sich Bürger, Unternehmen und Staat zueinander?

Auch hier gibt es mindestens zwei unterschiedliche Sichtweisen. In einem klassischen sozialwissenschaftlichen Verständnis bilden Bürger, Non-Profit-Organisationen, Unternehmen sowie Staat und Kommunen jeweils einen eigenständigen Sektor in der Gesellschaft. In einer gesellschaftspolitischen Perspektive hingegen rücken die Handlungslogik und –sinn der Bürgergesellschaft, z.B. Gemeinwohlorientierung und bürgerschaftliches Selbstverständnis, in den Mittelpunkt. Und entsprechend ausgerichtete Unternehmensaktivitäten sind dann ein selbstverständlicher Bestandteil der Bürgergesellschaft.

CSR NEWS: Wie viel gesellschaftliches Unternehmensengagement braucht die Bürgergesellschaft?

So viel wie möglich. Das Unternehmen in erster Linie eine ökonomische Funktion haben, versteht sich von selbst. Gesellschaftliches Engagement, zumindest das wohlüberlegte, ist jedoch im eigenen Interesse von Unternehmen. Ganz allgemein gesagt, braucht auch die Wirtschaft für Ihren ökonomischen Erfolg Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen kann. Vertrauen zum Beispiel. Aber auch die Gesellschaft kann vom gemeinwohlorientierten Unternehmensengagement profitieren und das bezieht sich nicht nur auf das Beisteuern von Geld.

CSR NEWS: Was können Unternehmen beisteuern – außer Geld?

Vor allem auch eine unternehmerische Herangehensweise an gesellschaftliche Herausforderungen. Damit wollen wir nicht einer schlichten Ökonomisierung der Gesellschaft das Wort reden. Aber wenn man sich anschaut, dass viele gemeinnützige Organisationen ihre Projekte danach ausrichten, wofür es staatliche und kommunale Fördertöpfe gibt, dann verwundert es nicht, dass häufig die Folgefinanzierung durch Fundraising oder Sponsoring scheitert, weil Unternehmen oder andere Geldgeber ein schlüssiges Konzept vermissen und sich am Ende nicht als Ausfallbürgen benutzen lassen wollen. Eine Herangehensweise, die nicht nur soziale Probleme, sondern auch den gesellschaftlichen Erfolg und die wirtschaftliche Tragfähigkeit von Lösungsansätzen im Blick hat, ist überfällig.

CSR NEWS: Wie kann ein Unternehmensengagement die Selbstregulierung der Bürgergesellschaft stärken – und neue Abhängigkeiten vermeiden?

Erstens, in dem die Wirtschaft ihren Blick direkt auf die gemeinnützigen Organisationen richtet und hier in erster Linie ihre Partner sucht und als Partner auch ernst nimmt und stärkt. Das ist in Deutschland deutlich weniger als in vergleichbaren anderen Ländern ausgeprägt. Deutsche Unternehmen suchen eher die Zusammenarbeit mit dem Staat, schimpfen aber gleichzeitig in vielen Fällen auf Politiker und Bürokraten und fordern mehr privates Engagement und weniger Staat. Da könnte man konsequenter sein. Zweitens: Abhängigkeiten sind eine Folge ungleicher Machtverhältnisse und falscher Spielregeln. Die richtigen Spielregeln kann man entwickeln und der Staat kann gewährleisten, dass aus ungleichen Machverhältnissen keine Abhängigkeiten werden. Deshalb ist für uns in der Denkschrift Bürgergesellschaft auch die Trennung von staatlicher Finanzierung bürgerschaftlichen Engagements und parteipolitischer und verwaltungsbürokratischer Einflussnahme so wichtig. Hier klappt das nämlich mit den richtigen Spielregeln bislang noch nicht.

CSR NEWS: Was haben Unternehmen davon, wenn sie die Zivilgesellschaft stärken? Können Sie Beispiele dafür nennen, wo bürgerschaftliches Engagement dem unternehmerischen Engagement voraus geht?

Die Zivilgesellschaft ist immer auch ein Ort für neue Ideen und innovative Problemlösungen. Der Begriff des Social Entrepreneurs macht darauf aufmerksam. Die Fähigkeit sollte man angesichts bürokratischer Strukturen und großer Einrichtungen nicht aus dem Blick verlieren. Vielmehr sollten die Potenziale der Zivilgesellschaft mit Unterstützung engagierter Unternehmen weiterentwickelt und erschlossen werden. Der Ökologiebereich ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie neue soziale Bewegungen und Initiativen – trotz mancher Irrwege und Sackgassen – einen weites Feld für wirtschaftliche Betätigungen vermessen und auch mit erschlossen haben. Und der Bereich der schulischen Bildung – föderalistisch parallelisiert und im Reformstau verfangen – ist ein vorzügliches Beispiel für sinnvolle Kooperationen und Interventionen von engagierten Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen.

CSR NEWS: Welche Themen verbinden Unternehmen und Zivilgesellschaft?

Hier wären viele Themen zu nehmen und zudem gemeinsame Haltungen und Wertvorstellungen. So ist die Wirtschaft auf sozialkulturelle Grundlagen existenziell – wie etwa Vertrauen, Solidarität und Respekt angewiesen, die insbesondere in der Zivilgesellschaft entstehen und gepflegt werden. Und engagierte Unternehmen und erfolgreiche gemeinnützige Sozialunternehmen schöpfen wie gesagt aus dem gleichen unternehmerischen Geist.

CSR NEWS: Und zu Ihren Vorschläge: Würde mit einer Selbstverwaltung aus Vergabekommission, Sachverständigenrat und Agenturen nicht ein neues, demokratisch schlecht legitimiertes bürokratisches Monstrum entstehen?

Aus unserer Sicht nicht. Vergabekommission und Sachverständigenrat sollen in einem System von gegenseitiger Kontrolle und Einfluss im Gleichgewicht gehalten werden. Wie wir geschrieben haben, soll u.a. eine zeitnahe Transparenz insbesondere über die Mittelverwendung sichergestellt werden. Das ist schon mal mehr als das, was wir jetzt haben. Bislang wissen wir z.B. nicht, wie viel, anhand welcher Kriterien und wofür genau die einzelnen Ministerien Geld zur Förderung des bürgerschaftlichen Engagements ausgeben. Wir sehen nicht, dass unser Modell Legitimationsdefizite in sich birgt. Richtig ist, dass wenn man eine derartige Institution ins Leben ruft, den Governance-Strukturen besondere Aufmerksamkeit widmen muss.
Was die Gefahr eines bürokratischen Monstrums angeht, sind wir sehr dafür, dieses nicht zu schaffen. Institutionen müssen sich ja auch über ihre Kosten und ihren Nutzen legitimieren. Wir haben Zweifel am gesellschaftlichen Erfolg und an der Wirtschaftlichkeit der gegenwärtigen Praxis, bürgerschaftliches Engagement in mehreren Ministerien parallel zu bearbeiten, eine unübersichtlich Vielzahl an Agenturen und Arbeitsgruppen ins Leben zu rufen und einen schnell welkenden Strauß kurzlebiger Teilprogramme aufzulegen. Mit der Beendigung derartiger Parallelwelten wäre schon viel erreicht, – eine effektive und effiziente Institution wäre unser Ziel.

CSR NEWS: Vielen Dank!

Die Denkschrift im Internet:
www.denkschrift-buergergesellschaft.de

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