Nachrichten Partnermeldungen

Teil von Deutschland – Karstadt als Spiegel der Geschichte der Bundesrepublik

Von Anja Dilk

Essen > Sie sind Symbole der Moderne, Anziehungspunkte für die gesellschaftliche Mitte, Zentren der Alltagskultur. Ihre Fassaden prägen die Innenstädte: Warenhäuser sind Bestandteil des urbanen Lebens in Europa. Und sie sind Spiegel gesellschaftlicher Entwicklung. Wie Karstadt. Wie in einem Brennglas zeigt die Geschichte der Karstadt-Warenhäuser die gesellschaftlichen Veränderungen in sechzig Jahren Bundesrepublik.

Deutschland 1945. Städte sind zu Schutthaufen zerschossen. Menschen suchen Schutz in den ausgebombten Resten ihrer Häuser, die Suche nach etwas Essbarem bestimmt den Alltag. Sie wissen, es bleibt nur eines: durchhalten, nach vorne schauen, wieder auf die Beine kommen, irgendwie. Wie wichtig sind da die kleinen Symbole der Hoffnung, die an bessere Zeiten erinnern und die Verheißung auf eine lebenswerte Zukunft in sich tragen. Zum Beispiel dieser Turm, der auf dem Limbecker Platz in Essen aus den Trümmern ragt. Das Wahrzeichen der „Warenburg“, wie die Bürger den monumentalen Bau in der Innenstadt nannten, hat die Fliegerangriffe überstanden. In ihm hatte das größte Warenhaus der Stadt einst seine Waren feilgeboten: Karstadt. Die Mitarbeiter räumen die Schuttberge beiseite, hieven die Registrierkassen auf selbst gezimmerte Tische und bieten zum Verkauf, was immer sie organisieren können. Kohle im Westen tauschen sie gegen Heringe aus dem Norden, verkaufen Damenhüte aus Sperrholz, Luftpumpen aus Geschosshülsen, Kochtöpfe aus Stahlhelmen oder Bollerwagen für das Hab und Gut. Und die Kunden strömen herbei. Auf den Puffern der Eisenbahnen, zu Fuß, mit dem Rad. Denn sie wissen: Ein Neuanfang ist gemacht.

Dass ein Warenhaus wie Karstadt in der Stunde Null für die Menschen in Deutschland so eine beflügelnde Kraft entfalten konnte, überrascht nicht. Denn seit ihrer Entstehung Ende des 19. Jahrhunderts gehören Warenhäuser zu den wichtigsten Symbolen der Moderne. Die Warenhäuser standen für Offenheit und Vielfalt, für Internationalisierung und Wohlstand, später für die Demokratisierung von Konsum. In ihnen inszenierten sich die prosperierenden Bürgergesellschaften Europas auf dem Gipfel der Industrialisierung. „Kulturell codierte Orte“, nennt daher der Karlsruher Konsumforscher Wolfgang Ullrich die Warenhäuser, die sich, ausgehend von Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts, auch in Deutschland verbreiteten. „In dieser neuen Kaufhauskultur wurden nicht nur erstmals Waren ganz unterschiedlichen Typs unter einem Dach präsentiert, sondern auch inszeniert“, so Ullrich. „Das Warenhaus selbst wurde zum Bildungsort, zu einer Art begehbaren Enzyklopädie, in der Dinge aus allen Teilen der Welt zusammengestellt und neue Lebenswelten erfahrbar waren.“ Die Bürger trafen sich, bummelten durch die Auslagen, tauschten sich aus und kaufen beizeiten etwas ein. Mancherorts wurde aktuelle Hutmode gar auf den Abgüssen antiker Skulpturen gezeigt, das Warenhaus geriet zur Mischung zwischen Kaufstätte und Museum. Stets war es Forum, in dem die bürgerliche Gesellschaft experimentierte, sich ihrer selbst vergewisserte. Auch deshalb geriet es unter den Nationalsozialisten so vehement unter Beschuss. Das Warenhaus wurde zur Projektfläche für den Hass auf die bürgerliche Gesellschaft, musste als Beleg für die zerstörerische Kraft „jüdischen Kapitals“ herhalten, das die Existenz des kleinen Mannes um die Ecke zerstörte. Seiner Erfolgsgeschichte konnten die Nazis trotzdem keinen Riegel vorschieben.

In der Mitte der Gesellschaft.

Als Rudolph Karstadt 1881 in Wismar unter dem Namen seines Vaters Christian und mit 1000 Thalern Startkapital das „Manufactur-, Confections- und Tuchgeschäft C.Karstadt und Co“ gründete, war diese Erfolgsgeschichte des Warenhauses noch nicht absehbar. Rudolph Karstadt sollte zu seinen Pionieren gehören. Zu jenen, die erkannten: Das Prinzip Warenhaus hat gewaltiges Potenzial. Und dieses Prinzip brach mit vielen, was bis dato üblich gewesen war. Erstens machte es Schluss mit der verbreiteten Praxis, anschreiben zu lassen. Im Warenhaus musste man bar zahlen und zwar gleich. Zweitens verzichtete es auf individuelle Preise. Damals kalkulierten die Händler die Preise je nach Einkommen der Käufer, für die Ärztefrau kostete das Pfund Kartoffeln mehr, die Schreinergattin bekam es für weniger. Im Warenhaus mussten alle dasselbe zahlen. Statt undurchsichtiger Buchstabencodes an den Produkten gab es eindeutige Preisschilder. Drittens machten die Warenhausgründer dem Absatz mit Werbung Beine. Schließlich waren hohe Stückzahlen der einzige Weg zu günstigen Preisen, dessen war sich Rudolph Karstadt bewusst.

Mit einem schillernden Konsumtempel hatte sein erstes Warenhaus freilich noch nichts zu tun. Es bestand aus einem lang gestreckten Laden mit einem Schaufenster. Beleuchtet von zwei offenen Gasflammen reichten die Regale bis unter die Decke. Gearbeitet wurde von morgens sieben bis abends um neun, auch am Wochenende. Die Mitarbeiter, auch das war eine Neuerung, hatten geregelte Arbeitszeiten und einen festen Lohn. Nach zwei Jahren kam das Geschäft richtig in Fahrt, der Umsatz schnellte in die Höhe. 1884 machte Rudolph Karstadt seine erste Filiale in Lübeck auf: mit vier Schaufenstern und einem dicken Strauss von Waren, neben Textilien gab es Haushalts-, Galanterie-, Leder- und Spielwaren. Zum 25-jährigen Firmenjubiläum spannte sich bereits ein Netz von 24 Filialen über das Land. 1912 eröffnete Karstadt in Hamburg die erste Niederlassung in einer Großstadt, schloss sich kurz darauf mit Warenhaus-Konkurrent Theodor Althoff zusammen. Heute ist Karstadt der größte Warenhauskonzern Europas mit mehr als 5.000 Lieferanten aus 90 verschiedenen Ländern. 1,5 Millionen Kunden strömen Tag für Tag in die Karstadthäuser. „Seit 1881 gehören wir zur Mitte der Gesellschaft“, sagt Stefan Herzberg, Geschäftsführender Vorstand der Karstadt Warenhaus GmbH und Vorstandsmitglied des Arcandor-Handels- und Touristikkonzerns, der Muttergesellschaft der Karstadt Warenhaus GmbH. „Wir sind ein Teil von Deutschland.“

In der Tat. Die wechselhafte Geschichte der Karstadt-Warenhäuser ist Spiegel der gesellschaftlichen Veränderungen in sechzig Jahren Bundesrepublik. Wie durch ein Brennglas zeigt der Blick ins Warenhaus den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft nach dem Krieg. Ohne Krisen war diese Entwicklung nie. Die Bomber hatten von Rudolph Karstadts Imperium nicht viel übrig gelassen. Mehr als 30 der 45 Filialen in den Westzonen Deutschland waren 1945 zerstört, ausgebrannt oder schwer beschädigt, die meisten wurden in den Kriegswirren geplündert, die 22 Filialen in den Ostzonen waren verloren. Doch der Start aus dem Nichts gelang. Schon drei Jahre nach Kriegsende waren die Schaufenster voll mit Waren. Marshallplan und Währungsreform gaben dem Handel neuen Schub, die Wirtschaft kam in Schwung, Wohlstand war kein Traum mehr. Zwar hatten die Menschen immer noch nicht viel Geld in den Taschen, Sparsamkeit wurde ein hohes Gut, Sparkultur zum nationalen Habitus. Es war die Geburtsstunde der Selbstbedienungsläden, und damit das Ende der üppig schillernden Warenwelten wie in den Anfangszeiten der Kaufhauskultur. „Das Kaufhaus bekam gewaltige Konkurrenz“, sagt Konsumforscher Wolfgang Ullrich, „doch es blieb unersetzbar als Bühne, um das Wirtschaftswunder zu zelebrieren. Nur in der wachsenden Warenwelt des Kaufhauses konnten die Menschen die ökonomische Karriere der jungen Bundesrepublik spüren.“

Zumal es ihm gelang, sich an die neuen Bedürfnisse anzupassen. Karstadt holte die Selbstbedienung in die eigenen Häuser, in der Filiale Bottrop eröffnete 1951 die erste Lebensmittelabteilung mit Selbstbedienung. Statt üppiger Inszenierung und hoher, teurer Personaldichte, rückte die Warenästhetik in den Vordergrund. Schön arrangiert lockten die Auslagen, die Schaufenster reizten wohl dekoriert. Sachlichkeit stand im Vordergrund. Statt Prunk effiziente Architektur, maximale Verkaufsfläche, schmal zwängten sich die Rolltreppen durch die Geschosse. In den ersten Zeiten des Mangels gaben die Auslagen der Karstadt-Häuser Passanten Tipps, um Geld zu sparen: Wie etwa muss eine Strumpfhose gepflegt werden, um möglichst lange zu halten? In den Fünfzigerjahren nutzte Karstadt die Schaufenster auch, um der Polizei bei der Suche nach vermissten Personen zu helfen. Für jene, die noch nicht vom Wirtschaftswunder profitierten können, erfüllen die Warenhäuser zudem eine soziale Funktion: Massenkonsum zu niedrigen Preisen. „Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Konsum breiteren Schichten zugänglich als je zuvor“, sagt Wolfgang König, Soziologe an der Berliner Technischen Universität und Autor des Standardwerkes Geschichte der Konsumgesellschaft. „Für diese Verallgemeinerung des Konsums spielten die Warenhäuser eine wichtige Rolle.“

Als Anfang der Sechzigerjahre die Menschen im Wirtschaftswunderland mit ihrem ersten beschiedenen Reichtum „raus ins Grüne“ strebten und der Wunsch nach einem Eigenheim zum gesellschaftlichen Leitbild avancierte, entstand eine neue Konkurrenz für die Warenhäuser: die Einkaufsparks mit ihren günstigen Preisen und üppigen Parkplätzen. Auch wenn jetzt Kaufkraft in den Innenstädten fehlte, entschied Karstadt, dort zu bleiben, wo es gewachsen ist: im Zentrum der Stadt. Denn dort war das Warenhaus längst zum zentralen Magneten geworden, zum erstaunlichen Erlebnisraum, für den die Menschen schon Anfang der Fünfzigerjahre zwei Stunden mit Bus und Bahn angereist kamen. „Besonders wild waren wir Kinder darauf, mit der Rolltreppe zu fahren“, erinnert sich Karstadt-Kunde Klaus Dornstedt. Im Laufe der Jahre wuchsen die Sortimente der Häuser, Platten und Fernseher füllten die Regale, Dienstleister zogen ein: Pixy-Photo-Studios, Mister-Minit, Reisebüros. Autogrammstunden und Modeschauen mit Models, die damals noch Mannequins hießen, lockten die Kunden. Wie wohl nirgends sonst spiegelte sich in Architektur und Warenwelt des Warenhauses der Zeitgeist: In den späten Sechzigern, frühen Siebzigern wanderten die Pelze hinein – und eine Generation später wieder hinaus, bis schließlich 2002 Kunstpelze Silbernerz und Co. endgültig verdrängten.

Teil der urbanen Kultur Europas.

Bis heute prägen die modernen Fassaden die Innenstädte. Die fensterlosen „Verkaufskisten“ der Sechziger- und Siebzigerjahre, die Fassaden umfasst von Metalllamellen, waren Verkaufsmaschinen, in denen der Gang der Besucher durch Kunstlicht gelenkt wurde. Statt sich in das Stadtbild einzupassen, wollten sie auffallen: Kommt her, kauft ein! Erst Mitte der Siebziger ersann man Häuser, die Licht hineinließen und sich organisch in die Architektur der Stadt einzufügen versuchten. Nach dem Mauerfall gelang das in Filialen wie Potsdam oder Leipzig mit einem sensiblen Mix aus Historie und moderner Architektur. Später gewann der Gedanke des Ökologischen, Nachhaltigen an Raum. In Kiel haben Architekten die Fassade durch einen Glaseinbau und Fotoleinwände so radikal aufgebrochen, dass die Filiale zum interaktiven Kommunikationsraum zwischen Warenhaus und Umgebung wird.

Die Strategie, sich dem Run ins Grüne zu verweigern, hat sich bewährt. Wo der Trend zum Wohnen wieder in die Städte zurückgeht, veröden die Einkaufslandschaften vor den Toren der urbanen Zentren. Die Warenhäuser profitieren. Und es ist ihnen gelungen, sich treu zu bleiben, ihre Kultur zu wahren. Denn seit den Gründungszeiten sind sie mehr als Geschäfte, die eine Fülle von Waren des täglichen Bedarfs verkaufen. Sie gehören zur urbanen Kultur Europas. Bis heute prägen sie als Magnete des Konsums, aber auch des städtischen Lebens, der Unterhaltung, der Begegnung die europäischen Innenstädte. Sie geben ihnen Halt, einen Kern, ziehen Leben an. Und den Einzelhandel mit. Wo Einkaufserlebnis in der Vielfalt noch in der Stadt stattfinden kann und nicht zum isolierten Zweck an die Peripherie verdammt ist, wie in den USA, kann es sich spielerisch verschränken und bereichern mit anderen Formen urbaner Kultur.

Herz der Innenstadt.

Stefan Herzberg nickt. „Wir sind das Herz der Innenstadt. Allein in 36 Städten sind wir das einzige Warenhaus“, so der Karstadt-Chef. „Ohne uns würden viele Einkaufsstraßen ihren Mittelpunkt verlieren.“ Zum Beispiel der Bahnhofplatz in München. Direkt gegenüber dem Hauptbahnhof liegt hier eines der Traditionshäuser von Karstadt. Rechts, links und gegenüber mischen sich örtlicher Einzelhandel, überregionale Ketten und Gastronomie. In der Maxvorstadt gelegen, bildet das beinahe einen Straßenzug umgreifende Warenhaus eine urbane Brücke vom Bahnhof zum Stachus, dem Beginn der Fußgängerzone. Vom fünften Stock des Sandsteinbaus mit dem von einer mächtigen Glaskuppel überwölbten Lichthof reicht der Blick über die Dächer bis zur Marienkirche. Hans-Jürgen Gladasch genießt die Innenstadtlage. Für den Herrn über Münchens Großkaufhaus ist das Teil der Tradition von Karstadt, eine Stärke des Warenhauses, durch die es um so mehr mit der Geschichte des Landes verschränkt. Ob die Wirtschaft boomt oder Demonstrationen durch die Straßen ziehen, alles spielt sich direkt vor der Tür ab.

„Die Zentren auf der grünen Wiese sind schon eine Konkurrenz für uns“, sagt Gladasch, „jedoch ein gänzlich anderes Geschäft. Die Einkaufspassagen in der Innenstadt sind in qualitativer Hinsicht eher eine Belebung. Sie sind ein weiterer Anziehungspunkt. Davon profitieren wir und haben einen Ansporn, noch besser zu werden.“

Mit 40.000 Quadratmeter Verkaufsfläche ist „Karstadt Bahnhofplatz“ eines der größten Warenhäuser der Gruppe. Platz genug, um Nischen zu bedienen: Kinderwagen etwa gibt es in sonst keinem Warenhaus in München. Den Fashion-Bereich hat Gladasch bereits kräftig ausgedehnt. Statt 5.000 gibt es jetzt 7.000 Quadratmeter Damenmode, und auch die Herren haben 1.100 Quadratmeter hinzugewonnen. Damit liegt er auf Konzernkurs: Der Anteil des Fashion-Bereichs am Sortiment der Karstadt-Häuser soll bundesweit von 38 auf 47 Prozent steigen. Bei der Damenwäsche ist Karstadt Bahnhofsplatz sogar Marktführer; die Damenwäsche-Abteilung ist die größte Europas.

Um sein Angebot noch besser auf die Kunden zuzuschneiden, veranstaltet Gladasch Kundenforen. Eineinhalb Stunden werden Kunden bei Sekt und Häppchen befragt: Was gefällt ihnen bei uns? Was fehlt? Verlässlichkeit, gute Preisleistung, guter Service – diese Punkte stehen immer ganz oben auf der Liste. „Das freut uns, denn Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und gute Kommunikation gehören zu den Basis unserer Unternehmensphilosophie.“ Freilich merkt er auch: Es geht noch besser. Im vergangenen Winter etwa schlugen die Befragten vor, Kundengarderoben einzuführen. Dabei gibt es sie längst. „Nur haben wir das offenbar nicht gut genug kommuniziert.“

Um die Kommunikation mit dem Kunden zu verbessern, schickt Gladasch seine Mitarbeiter regelmäßig zu Schulungen. Bevor die Pforten öffnen, versammeln sich die Teams zu Besprechungsrunden: Was liegt heute an? Was gibt es Neues? Worauf wollen wir hinweisen? Die zehn goldenen Regeln für den Kundenkontakt haben die 900 Verkäufer verinnerlicht. „Begrüße den Kunden wie einen Gast“, „rede gut über deine Ware“ oder „vergiss niemals, dich zu verabschieden“, gehören dazu.

Sicher, die Zeiten sind nicht leicht im Einzelhandel allgemein. Doch von einem Ende der Warenhauskultur, die Experten durch die Konkurrenz der Malls und innerstädtischen Zentren, durch die Ausbreitung des Internethandels und den Trend zu wachsender Spezialisierung der Einzelhandelslandschaft für möglich halten, kann er nichts erkennen.

„25.000 bis 30.000 Menschen besuchen unser Haus jeden Tag, da kann man doch nicht sagen, dass das Warenhaus in der Einzelhandelslandschaft keine Rolle mehr spielt.“ Natürlich weiß Gladasch, dass es enger wird auf dem Markt. Mit 1,5 Quadratmetern Einzelhandelsfläche pro Einwohner ist der Deutsche so umgarnt wie sonst kein Bürger in Europa. „Doch bisher hat sich das Warenhaus als stark genug erwiesen, in Krisen zu bestehen und dem Verdrängungswettbewerb etwas entgegenzusetzen.“ Sie haben sich behauptet, als Mitte der Siebziger der Boom der Discounter die Kaufhäuser unter Druck setzte. Indem sie das Warenangebot weiter differenzierten, schlichtere und noch günstigere Produkte ins Sortiment aufnahmen. Sie haben sich behauptet, als der Markenboom der Achtziger die Sammelsurien in den Warenhäusern weniger attraktiv erscheinen ließ. Indem sie die Marken zu sich hinein holten und mit Shop-in-Shop-Konzepten zu Moderatoren von Marken, zum Marktplatz für Markenvielfalt, mutierten.

Gladasch fühlt sich für die Krise gewappnet. Der Konzern hat schon einige Umbauten hinter sich. Zuletzt 2005, als Ex-Bertelsmann-Vorstand Thomas Middelhoff den Vorstandsvorsitz der Karstadt-Quelle AG übernimmt und den Konzern auf das Kerngeschäft einschwört. Heute gehören noch 90 Karstadt- Häuser zu Arcandor, Häuser ganz unterschiedlicher Größe und Ausrichtung. Während das Berliner KaDeWe, das Hamburger Alsterhaus und das Münchner Oberpollinger zur Premiumgruppe gezählt werden, sieht Gladasch die Stärke seines Hauses vor allem in der „Tradition als Kaufhaus der Mitte“.

„Wir orientieren uns in allen Bereichen an den Bedürfnissen, Erwartungen und Gefühlen der Kunden. Wir wollen Themeninitiator und Motor einer lebendigen Innenstadt sein.“ Modenschauen, Autogrammstunden, Pianonachmittage gehören dazu. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft und – Europameisterschaft drängten sich die Besucher im Karstadt-Fußballstudio um Paul Breitner, bei Talkrunden mit Edmund Stoiber, Günter Netzer oder Klaus Augenthaler war die Etage gedrängt voller Gäste. Prominente haben selbst die Schaufenster gestaltet. Uschi Glas, Ulli Hoeneß, Willi Bogner und viele mehr. Die Menschen standen um das die Schaufenster herum, diskutierten, lachten, tauschten sich aus. „Das ist die Faszination des Warenhauses.“

„Ich liebe Karstadt.“

Eine Faszination, die noch lange nicht verblassen wird. Auch weil das Warenhaus, das gute, große jedenfalls, auch im Jahr 2009 den Menschen etwas bieten kann, das sie kaum woanders finden: Die Möglichkeit, in „alternative Welten zu schlüpfen, mit sich zu experimentieren“, sagt Konsumforscher Ullrich, „sich hier ein Kleid überzustreifen, das man sonst nie wählen würde, sich dort einen Schmuck anzuschauen, auf den man lange sparen muss“. Wieder wird das Warenhaus zum kulturellen Ort, zum Medium, in dem sich die Gesellschaft selbst erkennt. Gerade Karstadt weist über sich hinaus. Längst ist es zum Sinnbild für Deutschland geworden, untrennbar verbunden mit seinem politischen Aufstieg. Wenn die DDR-Bürger nach dem Fall der Mauer zuerst ins KaDeWe strömten, so lange, bis die Rolltreppen aus Sicherheitsgründen abgestellt werden mussten, ging es eben nicht nur ums Kaufen und Gucken. Sondern auch darum, die Bundesrepublik im Spiegel dieses Warentempels zu entdecken und zu spü-ren. Kaum jemand hat die Gefühle, die der Besuch im Warenhaus auslösen kann, so treffend beschrieben, wie der deutsch-jüdische Publizist Henryk M. Broder 1987 in seinem Text: „Ich liebe Karstadt“: „Und jedes Mal, wenn ich nach Köln komme, um meine Mutter zu besuchen, renne ich als Erstes in die Karstadt-Lebensmittelabteilung und staune: Was für eine Ordnung! Was für eine Auswahl! Was für ein Überfluss! Diese nicht enden wollenden Theken mit Käse, Wurst und Konserven! Wie geschmackvoll präsentiert! Und wie billig! Ich führe mich auf, wie die DDR-Deutschen, die zum ersten Mal ins KaDeWe am Ku’damm gehen. Nach zwei, drei Tagen im Konsumrausch habe ich mich dann beruhigt, und statt die Bundesrepublik als eine Art großen Warenkorb zu betrachten, kann ich meine Aufmerksamkeit substanzielleren Dingen widmen.“

Anja Dilk ist Autorin und Berliner Korrespondentin bei changeX.

Foto: Karstadt

Der Beitrag ist zuerst erschienen im changeX Partnerforum.