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Wie die Initiative „Verantwortung tragen“ zu einem Selbstläufer wurde – ein Gespräch mit Alexandra Hildebrandt

Von Susanne Klaar.

Planbar ist so etwas nicht. Aber offensichtlich hat die Initiative „Verantwortung tragen“ einen Nerv getroffen. Sie berührt das Herz vieler Menschen und ist deshalb zu einem Selbstläufer geworden. Die Initiatorin der Initiative erzählt, wie es dazu kam. Ihre Erklärung: Verantwortung ist ein Begriff, in dem sich jeder Mensch wiederfindet – die Krankenschwester ebenso wie der Vorstandsvorsitzende.

Alexandra Hildebrandt ist Leiterin Gesellschaftspolitik bei der Arcandor AG. Zudem ist sie Herausgeberin und Autorin zahlreicher Sachbücher.

Dies ist „die beste aller möglichen Welten“. Eine bessere gibt es nicht. Diese Denkweise entspricht dem überzeugten Optimismus, den wir heute brauchen. Dieser nachhaltige Satz von Gottfried Wilhelm Leibniz stammt aus dem frühen 18. Jahrhundert. Was bedeutet er Ihnen?

Dass Sie gerade Leibniz, einen der wichtigsten Vordenker der Moderne zitieren, hat in diesen Tagen eine ganz besondere Bedeutung. Kein Tag vergeht, ohne dass die Medien Bezug auf die „Lebenswelt“ Warenhaus nehmen. Doch kaum jemand kommuniziert, dass Leibniz es war, der die Idee des Kaufhauses vermutlich zum ersten Mal in einer Denkschrift, die dem Ziel der „Glückseeligmachung des Menschlichen Geschlechts“ dienen soll, formuliert hat. Zur Förderung des Handels schlägt er insbesondere vor, „Magazinen und Kauffhäuser auffzurichten“. Das war im Jahr 1671. Das Kauf- beziehungsweise Warenhaus ist bis heute einer der erlebnisstärksten und aussagekräftigsten Orte der modernen Welt, an dem Menschen unabhängig von sozialem Status, Beruf oder kulturellem Milieu zusammenkommen. Dieser Ansatz übrigens spiegelt sich in der Initiative „Verantwortung tragen“ wider, deren Idee in einem Karstadt- Warenhaus geboren wurde.

Was war die Initialzündung zum Projekt„Verantwortung tragen“? Sie gehen mit ganz viel Energie an Ihr Thema. Woher kommt diese Lust, so viel zu bewegen?

Die Initiative ist im wahrsten Sinne des Wortes nachhaltig gewachsen. Planen kann man ein solches Projekt nicht. Der Beginn der Initiative war wie der Prozess selbst sehr leise und zugleich auch mit einem Abschied verbunden: Der damalige Leiter Konzernkommunikation der Arcandor AG, Jörg Howe, ein leidenschaftlicher Teddysammler, erhielt von uns einen Bären, den die Hermann Teddy GmbH eigens für ihn angefertigt hatte. Daraufhin kam mir der Gedanke, dass Nachhaltigkeit mit etwas Haptischem verbunden werden sollte. Verantwortung muss, wenn wir Menschen wirklich bewegen wollen, „greifbar“ sein. Drucksachen und Kugelschreiber – all das ist austauschbar und wird nach der „Gebrauchszeit“ in der Regel weggeworfen. Einen Teddy hat oder hatte wohl jeder Mensch – mit ihm verbinden sich persönliche Geschichten und Erinnerungen; er begleitet seinen Besitzer oft durchs ganze Leben. Zudem war ich auf der Suche nach einem Symbol für Mikroförderung und Nachhaltigkeit – so ist die Arcandor AG zum Beispiel Hauptförderer der Initiative „NRW denkt nachhaltig“, die mit kleinen Summen Großes bewirkt und den Einzelnen und sein Tun ernst nimmt und unterstützt. Verantwortung fängt im Kleinen an. Dafür steht der Miniaturteddy.
Er verkörpert Natürlichkeit, Verletzlichkeit, Bescheidenheit und die jeweils eigene Geschichte seines Besitzers: Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten lassen sich mit dem Miniaturteddy fotografieren und zeigen „Gesicht“, denn vielfach wird Verantwortung einfach delegiert. Aber das Ablichten allein genügt nicht – es kommt auch darauf an, der Verantwortung eine „Stimme“ zu geben, sich zu ihr öffentlich zu bekennen. Damit tun sich noch immer einige Menschen schwer: So wollen einige Vertreter der bequemen
„Umsonst-Mentalität“ den Bären einfach nur geschenkt haben, sich aber nicht zeigen, andere wollen lediglich aufs Foto, aber sich nicht äußern. Das sind oft auch jene, mit denen in Krisenzeiten nicht zu rechnen ist, weil das Selbst-Tun auch bedeuten würde, zur Rechenschaft, zur Verantwortung gezogen zu werden. Insofern ist die Initiative auch ein Medium der Transparenz, in dem sich Gleichgesinnte erkennen und finden.

Sie haben den Begriff „Verantwortung tragen“ ganz bewusst gewählt. Wie kam es dazu?

Wer für Gesellschaftspolitik zuständig ist, muss in der Lage sein, Inhalte sichtbar zu machen und ständig „Übersetzer“ zu sein. Wer das nicht kann und nur mit Begriffen wie Corporate Social Responsibility operiert oder sich selbst entsprechend klingende englische Bezeichnungen gibt, wird nur jene erreichen, die auf der gleichen Welle schwimmen, aber sich nicht auf die Tiefe einlassen – und auch mal nass werden. Um so viele Menschen wie möglich zu erreichen, habe ich nach einem Begriff gesucht, in dem sich jeder wiederfindet: die Krankenschwester genauso wie ein Aufsichtsratsvorsitzender. Mit CSR oder Nachhaltigkeit wäre das Herz sicher nicht berührt worden. Auch haben diese Begriffe etwas Weiches und Schwammiges – „Verantwortung“ aber klingt stark und fest, auch die Begriffsgeschichte gibt dem Wort eine kulturelle Basis. Zudem weiß jeder sofort, was gemeint ist. Mit diesem Wort begegnen wir einander sofort auf Augenhöhe.

Wie ist das Thema in die Medien gekommen?

Mit einem Musterbären in der Tasche traf ich im Sommer 2008 mit dem Redaktionsleiter John R. Braun von der Wochenzeitung Der MarktSpiegel in Nürnberg zusammen. Er war der erste Journalist, der sofort begeistert reagierte und keine Zeit verlor, ein echter Macher – denn solche Initiativen gehören sofort umgesetzt oder gar nicht. Zwei Wochen später war der erste Beitrag mit Günther Beckstein im MarktSpiegel. Dann folgten unter anderem Oliver Kahn, Graf Faber-Castell, Brigitte Mohn und Eva-Luise Köhler. Wie es bei Projekten dieser Art ist – irgendwann werden sie ein Selbstläufer. Parallel starteten die Glocalist Medien in Berlin und Wien die Verantwortungsinitiative. Bis zum heutigen Tag wird im Onlinemagazin täglich ein Verantwortungsträger vorgestellt – immer im Wechsel ein Prominenter und ein Mensch des Alltags. Online berichten regelmäßig auch changeX, Nachhaltig wirtschaften und UmweltDialog. Jeder mobilisierte seine eigenen Netzwerke, was der Initiative immer wieder neue Spannung gibt. Auch hat fast jede Stadt inzwi¬schen einen Verantwortungspaten, der die Initiative regional am Leben hält.

Wie wurde die Initiative „Verantwortung tragen“ finanziert?

Durch Entschlossenheit, Mut, Durchhaltevermögen und Herzblut. Das ist das wichtigste Kapital. Insofern ist das Projekt nicht nur nicht messbar, sondern auch unbezahlbar. Die Teddys wurden von den Tantiemen unseres Buches Die Andersmacher. Unternehmerische Verantwortung jenseits der Business Class, das im Kamphausen Verlag erschienen ist, bezahlt. Hätten wir die Einnahmen gespendet, wäre dies nicht nachhaltig gewesen. Wer nur einmal etwas Gutes tut, hat keine Bewegung und die Möglichkeit, Projekte selbst weiterzutreiben. Auch konnte über den Erwerb der Teddys signalisiert werden, dass der Konzern den deutschen Mittelstand gerade jetzt aktiv unterstützt. Die Nachfrage ist inzwischen so groß, dass Hermann Teddy an der dritten Auflage arbeitet.

Die Resonanz auf das Projekt ist enorm. Haben Sie ein paar besondere Geschichten? Woran denken Sie besonders gern?

Jeder Beitrag ist mit einer bestimmten Geschichte verbunden – alle sind gleichermaßen interessant. Es ist die Initiative in ihrer Gesamtheit und Vielfalt, die fasziniert. Alles, was Sie im „großen Leben“ haben, finden Sie hier im Kleinen nebeneinander: einen aufstrebenden Banker neben einer 95-jährigen Nonne, einen Piloten neben einem Pfarrer, einen Schauspieler neben einem Wissenschaftler, einen Künstler neben einer Hebamme, einen Bestatter neben einem Ministerpräsidenten. Das ist zugleich ein wunderbares Beispiel für Diversity, gelebte Vielfalt, die sich selbst organisiert und nicht „gemanagt“ werden muss. Das Besondere an dieser Initiative – Projekt hört sich immer endlich an, nicht nachhaltig – ist, dass sie unternehmensunabhängig ganz aus sich selbst heraus funktioniert.

Wie geht es weiter?

Das liegt an jedem selbst – wer sich mehr engagiert, wird am Ende auch mehr zurückerhalten. Wer die Initiative nur für die eigene Selbstdarstellung nutzt, wird früher oder später nichts mehr beitragen. Andere werden sich finden und miteinander stärker werden. In jeder Stadt gibt es mittlerweile eigene Initiativen – zudem beteiligen sich auch Oberbürgermeister, die das Projekt regional weiter vernetzen möchten. So wird es Lesungen, Ausstellungen und zahlreiche Dialogveranstaltungen zum Thema geben. Bis Ende Juni werden zudem sämtliche Bild- und Textbeiträge aus aller Welt auf einer Website zusammengeführt. Im Ruhrgebiet berichtet die WAZ-Mediengruppe ab Ende Mai 2009 regelmäßig in der Tagespresse und stellt Verantwortungsträger des Alltags vor. Im Juni erscheint das Buch Verantwortung tragen mit Text- und Bildbeiträgen zum ehrbaren Kaufmann, ohne den es in der Wirtschaft keine Verantwortung gibt. Es wird zu einem späteren Zeitpunkt zusammen mit dem Verantwortungspreis von einer unabhängigen Jury an Bundespräsident Dr. Horst Köhler übergeben. Auch in diesem Jahr unterstützen wir wieder Mikroförderungsprojekte und bringen Menschen mit gleicher Sinn-Energie zusammen. Der Ansatz von „NRW denkt nachhaltig“ soll später deutschlandweit greifen. Der Teddy hat es vorgemacht: Alles Große fängt im Kleinen an.

Susanne Klaar, Diplom-Designerin, gründete 2004 das Designstudio inner¬halb der UMPR Kommunikationsagentur, das sie seither leitet. Ihre Designarbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet.

Foto: Frank Schultze, Zeitenspiegel

Der Beitrag ist zuerst erschienen im changeX Partnerforum: www.changeX.de