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Globalisierung braucht Staat, Unternehmen und Zivilgesellschaft – Sozialenzyklika warnt vor Wirtschaftsethik ohne Bezugssystem

Rom > „Die ausschließliche Ausrichtung auf Gewinn läuft, wenn dieser auf ungute Weise erzielt wird und sein Endzweck nicht das Allgemeinwohl ist, Gefahr, Vermögen zu zerstören und Armut zu schaffen.“ An dieser und an anderer Stellen der gestern veröffentlichten und viel beachteten Sozialenzyklika „Caritas in Veritate“ (Liebe in Wahrheit) nimmt Papst Benedikt XVI. Stellung zur aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise und den Herausforderungen der Globalisierung. Mit der Enzyklika nimmt der Papst grundsätzlich Stellung zur Zukunft unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems und fordert ein an ethischen Grundsätzen orientiertes Wirtschaften, eine aktive Zivilgesellschaft und eine starke, international aktive und regulierende staatliche Ordnung.

Technischer Fortschritt alleine bringt keine wirklich menschliche Entwicklung hervor, betont die Enzyklika. Nur das Potential der Liebe befähige Menschen, Güter und Ressourcen zu teilen und mit ihrer Freiheit aufeinander einzugehen. Denn die Globalisierung habe zwar den weltweiten Reichtum gesteigert, jedoch zugleich die Ungleichheiten in armen Ländern erhöht und auch in den reichen Ländern neue Gesellschaftsklassen verarmen lassen. Im Kontext der Globalisierung kritisiert der Papst beispielhaft die Praxis pharmakologischer Patente: „Es gibt übertriebene Formen des Wissensschutzes seitens der reichen Länder durch eine zu strenge Anwendung des Rechtes auf geistiges Eigentum, speziell im medizinischen Bereich“, heißt es in der Enzyklika.

Die Globalisierung habe außerdem eine neue Form des Wettstreites unter den Staaten um die Produktionszentren ausländischer Unternehmen angeregt. Die Suche nach größeren Wettbewerbsvorteilen auf dem Weltmarkt werde mit einer Reduzierung der Netze der sozialen Sicherheit bezahlt. Das bringe die Rechte der Arbeiter, fundamentale Menschenrechte und die sozialstaatliche Solidarität in ernste Gefahr. Ausdrücklich kritisiert die Enzyklika die Behinderung der Gewerkschaftsorganisationen und die Einschränkung gewerkschaftlicher Freiheiten.

Zudem verweist der Papst auf ein Globalisierungsphänomen, das Arbeitnehmer in Nord und Süd gleichermaßen trifft: Eine hohe Arbeitsmobilität in Kombination mit Deregulierungen und Unsicherheit der Arbeitsbedingungen schaffe neue Formen psychologischer Instabilität und verhindere für die betroffenen Arbeitnehmer eine eigene Lebensplanung. Andererseits dürfe das Ziel nicht aufgegeben werden, allen Menschen einen Zugang zu Arbeit zu verschaffen. Sonst werde durch die Abtragung des „Gesellschaftskapitals“ der gesellschaftliche Zusammenhalt untergraben.

Als eine unerlässliches Ziel der Globalisierung bezeichnet der Papst die Beseitigung des Hungers in der Welt. Hierzu müssten strukturelle Ursachen angegangen und die landwirtschaftliche Entwicklung in den ärmsten Ländern gefördert werden: die ländliche Infrastruktur, Bewässerungssysteme, das Transportwesen, die Organisation von Märkten und die Bildung.

In der aktuellen Enzyklika finden sich viele Anregungen zu den Themen der Corporate Social Responsibility. So heißt es dort: „Das Wirtschaftsleben kann nicht alle gesellschaftlichen Probleme durch die schlichte Ausbreitung des Geschäftsgedankens überwinden. Es soll auf die Erlangung des Gemeinwohls ausgerichtet werden, für das auch und vor allem die politische Gemeinschaft sorgen muss.“ Der Papst warnt davor, dass eine Vermischung von Wirtschaftstätigkeit und politischer Entscheidungsfindung schwere gesellschaftliche Störungen verursache. Zugleich betont er, das Wirtschaftsleben brauche gleichzeitig gesetzliche Regelungen, vertragliche Regelungen und das freiwillige gesellschaftliche Engagement der Unternehmen. „Eine der größten Gefahren ist sicher die, dass das Unternehmen fast ausschließlich gegenüber den Investoren verantwortlich ist und so letztendlich an Bedeutung für die Gesellschaft einbüßt.“ Demgegenüber wachse in der Gesellschaft die Überzeugung, dass Unternehmen auch auf ihre Arbeitnehmer, Kunden, Zulieferer und das lokale Gemeinwesen eingehen müssten.

Wirtschaft brauche für ihr Funktionieren die Ethik, und so hebt die Enzyklika die wachsende Zahl von Studienzentren und Ausbildungsgängen für business ethics positiv hervor. Das allgemein gebrauchte Adjektiv „ethisch“ könne jedoch mit sehr unterschiedlichen Inhalten gefüllt werden und hänge von seinem moralischen Bezugssystem ab. Dies sei nach der Soziallehre der Kirche die Erschaffung des Menschen als Abbild Gottes und seine daraus abgeleitete unverletzliche Würde sowie der transzendente Wert der natürlichen moralischen Normen. „Eine Wirtschaftsethik, die von diesen beiden Säulen absähe, würde unvermeidlich Gefahr laufen, ihre moralische Qualität zu verlieren und sich instrumentalisieren zu lassen; genauer gesagt, sie würde riskieren, zu einer Funktion für die bestehenden Wirtschafts- und Finanzsysteme zu werden, statt zum Korrektiv ihrer Missstände“, warnt der Papst.

Die Enzyklika „Caritas in Veritate“ im Internet:
http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/encyclicals/documents/hf_ben-xvi_enc_20090629_caritas-in-veritate_ge.html