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Frivole Banken – ängstliche Regulierer

Frankfurt > Die neuen Bonuszahlungen deutscher, britischer und US-amerikanischer Banken erleben ein starkes und kritisches Echo in den Medien und in der Politik. Haben die Banken aus der Finanzkrise gelernt? Werden die Regulierungsbehörden ihrer Verantwortung gerecht? Das DNWE-Expertenforums greift diese Fragen in einem Interview mit dem DNWE-Experten Caspar von Hauenschild auf:

DNWE-Expertenforum: Herr von Hauenschild, wie zufrieden sind Sie damit, wie sich Banken heute – bald ein Jahr nachdem die Finanzmärkte am Abgrund standen – verhalten?

Caspar von Hauenschild: Was wir heute erleben, möchte ich als kollektive Frivolität der Banken bezeichnen. Manche Institute scheinen zu glauben, dass sie mit der noch nicht überwundenen Finanzkrise nichts oder wenig zu tun hätten. Dabei wären alle Finanzinstitute am Ende gewesen, wenn der Staat einigen nicht unter die Arme gegriffen hätte. Die Krise der Finanzmärkte ist im Kern eine Vertrauenskrise. Einige Bankvorstände denken offensichtlich, dass der Aufbau von Vertrauen nicht ihre Angelegenheit sei. Dabei kommt den Banken und dem Vertrauen in sie eine tragende Bedeutung für unser ganzes Wirtschafts- und Finanzsystem zu. Alle Banken sind deshalb in der Verantwortung – nicht nur diejenigen, die in der Krise gestützt werden mussten.

DNWE-Expertenforum: Worin äußert sich dieses fehlende vertrauensbildende Engagement?

von Hauenschild: Wenn es zutreffen sollte, dass im heißen September 2008 die Manager von Goldman Sachs Aktien im Werte von 700 Mio. USD just wenige Tage nach der 10 Mrd. USD Liquiditäts-Spritze des Staates verkauft haben, so mag das legal sein. Es ist aber auf jeden Fall illegitim, unethisch und vor allem eindeutig gegen den ordnungspolitischen Auftrag der Regierung, die Vertrauenskrise zu bewältigen. Und letztlich fragt sich doch auch heute noch der Rest der Financial Community, wo war und ist eigentlich die Autorität der Regulierer. Denn die Vertrauenskrise ist noch nicht überwunden und alles schaut nach Amerika. Schafft es Amerika nicht, wird es auch den Rest der Welt mitziehen. Da zählt es nicht, ob ein Institut erhaltene Staatsbeihilfen bereits wieder zurückgezahlt hat. Entscheidend ist die Auswirkung auf das Vertrauen in die Banken und in ihr Management, und das leidet an dieser Stelle gewaltig. Für Institute, die too-connected-to fail sind, reichen eben ein paar profitable Quartalsergebnisse nicht aus.

DNWE-Expertenforum: Haben wir denn ordnungspolitisch ausreichend aus der Finanzkrise gelernt und die richtigen Maßnahmen getroffen?

von Hauenschild: Es gibt ja einen sehr lebhaften öffentlichen Diskurs über Maßnahmen zur besseren Beherrschung von systemischen Risiken ebenso wie Maßnahmen für besseren Anlegerschutz. Ein wesentlicher Grund der Finanzmarktkrise war allerdings auch die Erosion der Führungskultur einiger Banken. Es wurden maßlose Bonusorgien gefeiert – auf der Basis falscher Risikomodelle also falscher Ergebnisse, wie wir heute wissen. Was geschieht dort? Werden schon wieder dieselben Bonusorgien gefeiert – nachdem die Staaten das System gestützt haben? Als Einleger und Investor habe ich Anspruch darauf, darüber informiert zu werden. Schließlich ist in keinem Land der Welt die Einlagensicherung wirklich in trocknen Tüchern.

DNWE-Expertenforum: Sollten also die Aufsichtsbehörden die Zahlungen an Bankvorstände und -mitarbeiter deckeln?

von Hauenschild: Das wäre eine zu einfache und nur populistische Lösung. Ich bin überhaupt nicht gegen Bonuszahlungen, aber sie müssen leistungsadäquat und solide errechnet sein. Vor der Finanzkrise gab es regelrechte Bonus-Orgien. Das trug wesentlich zur Zerstörung des Vertrauens in das Bankensystem bei, und deshalb muss der Staat hier genau hinschauen. Die Entgeltstruktur eines Industrieunternehmens kann uns da viel gleichgültiger sein, aber an den Entgeltsystemen der Banken hängt die Vertrauenswürdigkeit einer Branche, der eine Schlüsselposition für die Stabilität unseres Wirtschaftssystems zukommt.

DNWE-Expertenforum: Sollte der Staat den Banken also Bonussysteme vorschreiben?

von Hauenschild: Nein, aber die Regulierungsbehörden sollten sich die Bonussysteme der Banken vorstellen und erklären lassen. Sie müssen verstehen können, was dort geschieht, und diese Systeme auf Sicherheit und Funktionalität überprüfen. Mein Eindruck ist: Ein Teil dieser Boni wird gezahlt, ohne das ihnen eine ausreichende eigene Leistung gegenübersteht; man will z.B. auf keinen Fall ein Spezialisten-Team verlieren. Auf jeden Fall muss der Staat deutlich machen: Es ist uns nicht egal, wenn es bei den Banken zu einer Erosion der Führungskultur kommt – und mir als Einleger und Investor übrigens auch nicht!

DNWE-Expertenforum: Vielen Dank für das Gespräch!

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