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Mikrofinanzierungen nicht mehr „per se“ als positiv bewertet – oekom research legt Positionspapier vor

München > In ihrem aktuellen Positionspapier „Mikrofinanz“ weist die oekom research AG auf kritische Diskussionspunkte zu diesem Finanzprodukt hin. So werden Mikrofinanzprodukte in den Zielländern nicht mehr „per se“ als positiv bewertet, sondern in ihrer Wirkung für Wirtschaftsförderung, Gesellschaft und Umwelt hinterfragt. Das oekom-Positionspapier diskutiert Geschäftsmodelle der Mikrofinanzinstitutionen und deren (Hoch-)Zinspolitik, die Gefahr einer „Mikro-Finanzblase“ durch den Zustrom privaten und institutionellen Investorenkapitals und die fehlende Markttransparenz zu Kosten, Performance und Wirkungen der Mikrofinanzprodukte. Insgesamt bewertet oekom research die Wirkung von Mikrofinanzierungen für Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern und die entsprechenden Aktivitäten von Banken und Versicherungen positiv.

Die unter dem Begriff „Mikrofinanz“ zusammengefassten Finanzdienstleistungen für Menschen ohne Zugang zu herkömmlichen Banken und Versicherungen erleben einen Boom. Vor rund 30 Jahren vergab der spätere Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus in Bangladesch die ersten Mikrokredite. Heute profitieren rund 100 Millionen Menschen von den Mikrokrediten und bis zu 75 Millionen von den Mikroversicherungen der etwa 10.000 Mikrofinanzinstitute weltweit. Das Volumen der Mikrokredite beträgt rund 35 Milliarden Euro, das der Mikrospareinlagen rund 28 Milliarden Euro. Der Bedarf an Mikrofinanzdienstleistungen wird damit allerdings bei weitem noch nicht gedeckt: Allein in Indien wird die Zahl möglicher Mikroversicherungsnehmer auf 250 Millionen Menschen geschätzt. Mikrofinanzierungen leisten damit einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen und sozialen Förderung von Entwicklungs- und Schwellenländern, verbessern die wirtschaftliche Situation ihrer Kunden und fördern dabei insbesondere Frauen. Über den besten Zugang zu Mikrofinanzdienstleistungen verfügen Menschen in Asien, in Afrika gilt dieser Sektor als unterentwickelt. Mikrofinanzierungen gibt es auch in Lateinamerika, der Karibik und Osteuropa. Und auch in Westeuropa gewinnt das Instrument der Mikrokredite etwa für Kleinstunternehmer an Bedeutung. Spätestens seit dem UN Jahr des Mikrokredits 2005 besitzt das Thema einen hohen Bekanntheitsgrad.

Eines der im oekom-Positionspapier diskutierten Probleme: Der jährliche Zinssatz für Mikrokredite ist hoch und erreichte im Jahr 2006 nach Berechnungen des MicroInsurance Network durchschnittlich 26 Prozent. In einzelnen Fällen lagen die Zinssätze bei 70 Prozent. Das trägt dazu bei, dass diese Kredite selten die Ärmsten der Armen erreichen. An der Zinslast trägt der hohe Aufwand für Beratung und Abwicklung dieser für Laufzeiten zwischen 6 und 36 Monate und oft ohne Sicherheiten gewährten Kredite Schuld. In ländlichen Gebieten fehlt es an Infrastruktur, viele Kunden sind Analphabeten und auf eine besondere Form der Beratung angewiesen. Auch können Mikrokreditanbieter ihre Finanzmittel nicht so günstig beschaffen wie herkömmliche Banken. Die Rückzahlungsquote ist dagegen hoch und übertrifft nach Expertenmeinung die konventioneller Kredite in Industrieländern. Das liegt auch daran, dass diese Kredite häufig an Gruppen vergeben werden, in denen durch sehr hohen sozialen Druck und die resolute Eintreibung der Raten auf die Rückzahlung geachtet wird.

Diskutiert wird in dem oekom-Papier auch die Sorge vor einer „Mikrofinanz-Blase“: Das Angebot an entsprechenden Fonds für private und institutionelle Anleger steigt deutlich und wird teilweise durch öffentliche Institutionen gestützt. Derzeit gibt es nach Expertenschätzungen über 90 Mikrofinanz-Investmentfonds oder strukturierte Produkte mit einem Gesamtvolumen von knapp 6 Milliarden Euro. Nach Schätzungen der Weltbank werden es im Jahr 2015 bereits 15 Milliarden Euro sein. Kritiker befürchten, dass eine Kapitalflut das System durch niedrige Zinsen, hohe Kreditsummen und eine unvorsichtigere Vergabepraxis destabilisieren könnte. Andere Experten verweisen dagegen auf den hohen und weitgehend ungedeckten Kapitalbedarf – nach Schätzung der Grameen-Stiftung weltweit bis zu 280 Milliarden Euro.

oekom research betrachtet Mikrofinanzierungen als ein bewährtes und wichtiges entwicklungspolitisches Instrument. Im Zusammenhang mit der positiven Bewertung eines entsprechenden Engagements fordert oekom research von Banken, Fondsgesellschaften und Versicherungen, dass soziale Wirkungen in den Zielländern etwa durch Social Performance Measurements oder Reports dokumentiert werden. Nach Schätzungen des MicroInsurance Network sind diese Wirkungen mehr als beachtlich: 80 Prozent aller Unternehmen in Entwicklungsländern bestehen nur, weil sie in der Vergangenheit einen Mikrokredit erhielten, heißt es dort.

Das oekom Position Paper: Mikrofinanz kann kostenlos bezogen werden über info@oekom-research.com.