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CSR in der Lieferkette: ausländische Konkurrenz hat großen Vorsprung

Köln > Keine Branche kann sich der Verantwortungsübernahme für ihre Zulieferkette entziehen. Abwechselnd geraten unterschiedliche Branchen in den Fokus kritischer Nichtregierungsorganisationen und der Medien. So startete Mitte Juli die Christliche Initiative Romero anlässlich der europäischen Fachmesse “OutDoor” in Friedrichshafen eine Informationsreise durch Deutschland, mit der sie aus ihrer Sicht menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in der Zulieferkette der Outdoor-Kleidungsherstellung beleuchtete. Was können Unternehmen tun, um Corporate Social Responsibility in der Supply Chain zu beweisen? Wo liegen die Grenzen unternehmerischer Verantwortung und welche anderen Akteure sind gefragt? CSR NEWS sprach darüber mit der Supply-Chain-Spezialistin Vanessa Sudki von der Unternehmensberatung Helfenritter.

CSR NEWS: Frau Sudki, für welche Branchen und für welche Regionen ist das Thema „CSR in der Lieferkette“ besonders herausfordernd?

Vanessa Sudki: CSR in der Lieferkette ist für jedes Unternehmen, das in den Regionen Osteuropa, Afrika, Asien, Latein- und Südamerika einkauft oder produzieren lässt, unumgänglich.
In den letzten Jahren hat sich eine besondere Sensibilität und ein internationales Interesse entwickelt, in diesen Regionen sicher zu stellen, dass Sozial- und Umwelt-Mindeststandards eingehalten werden, dass es keine schlechten Arbeitsbedingungen, fehlende Arbeitssicherheitsmaßnahmen und Verstöße gegen Menschenrechte gibt.
Industriezweige wie Bekleidung, Lebensmittel, Elektronik, Spielzeug, Tage- und Untertagebau, Natursteine, Landwirtschaft, Rohstoffe, Möbel, Werkzeuge, medizinische Instrumente sowie arbeitskraftintensive Industrien weisen oft eine geringe Einhaltung der Sozial- und Umwelt-Mindeststandards oder sogar gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen in den genannten Regionen auf. Werbegeschenke wie Kugelschreiber, Mützen und bedruckte T-Shirts werden überwiegend in Asien hergestellt, mit teilweise verheerenden Arbeitsbedingungen. Auch Waren für die Business-to-Business Industrie, von der der Konsument kaum erfährt, fallen selbstverständlich in diese Sparte. Unabhängig von der Industrie beziehen alle Konzerne Waren aus irgendwelchen der genannten Industriezweige.

CSR NEWS: Welche Risiken schätzen Sie als besonders hoch ein? Kinderarbeit? Arbeitsrechtsverstöße? Menschenrechte? Umweltverstöße?

Vanessa Sudki: Es ist gut, dass Sie das Wort Risiko erwähnen. Das Wort Risiko spiegelt meiner Meinung nach nur das Eigeninteresse eines Unternehmens wider. Ich rate dringend davon ab, CSR in der Lieferkette zu betreiben, nur um ein Risiko wie etwa einen Imageschaden zu vermeiden. Reines Risikodenken führt oft zu halbherzigen und oberflächlichen Programmen.
Konsumenten weltweit, internationale Investoren und mittlerweile zahlreiche ausländische Unternehmen verstehen unter unternehmerischer Verantwortung (CSR) einen Profit zu erwirtschaften, OHNE dabei Menschen oder die Umwelt auszubeuten. Dieser Anspruch muss die erste Priorität erhalten. Von Risiken zu sprechen erfüllt diesen Anspruch nicht.
Die Einhaltung der Gesetze, internationaler Menschen- und Arbeitsrechte, der Schutz vor Kinderarbeit, die Einhaltung der gesetzlichen Arbeitszeiten, Arbeitssicherheit und Hygiene, Zahlung von Mindestlöhnen oder sogar des Existenzminimums, Verbot von Korruption und Bestechung, der Schutz vor Diskriminierung und sexueller Belästigung, Diversität und der Umweltschutz werden gleichermaßen beachtet wenn es darum geht, CSR-Programme in der Lieferkette zu implementieren.
Je nach Region finden wir systematische Herausforderungen. In China finden wir trotz neuer Gesetze Herausforderungen, die vor allem die Arbeitszeiten, Mindestlöhne, persönliche Schutzausrüstung, Kinderarbeit, das Führen zweierlei Lohnbücher und Umwelt betreffen. Viele westliche Unternehmen sind sich leider nicht bewusst, wie sehr sie diese Punkte durch ihr Einkaufsverhalten selbst beeinflussen. Selbstverständlich sind alle diese Herausforderungen eine willkommene Einladung, wenn die Medien oder Aktivisten ein Unternehmen im Visier haben.

CSR NEWS: (Wie) Stellen sich die deutschen Unternehmen den CSR-Herausforderungen in der Zuliefererkette? Gibt es Unterschiede nach Branchen?

Vanessa Sudki: Deutschland genießt weltweit einen ausgezeichneten Ruf, was den Umweltschutz betrifft. Unsere Umweltgesetze und Regulierungen, die wir innerhalb unserer Staatsgrenzen befolgen, sind weltweit führend. Ich hoffe sehr, dass wir im Bereich CSR bald einen ebenso glänzenden Ruf genießen können.
In Deutschland gibt es sehr aktive Großunternehmen z. B. in der Bekleidungs- bzw Sportartikelindustrie, die CSR in der Lieferkette genauso ernst nehmen, wie es im Ausland getan wird. Wobei hier eindeutig gesagt werden muss, dass die Vorreiter für diese Programme im Ausland zu finden sind. Levi Strauss & Co. hat in den USA als erstes multinationales Unternehmen bereits 1991 einen Verhaltenskodex für die globale Lieferkette heraus gegeben und bereits damals damit begonnen, dies bei Lieferanten in Drittweltländern umzusetzen.
Wir stecken in mitten einer Finanzkrise und es ist verständlich, dass eine gewisse Verhaltensunsicherheit herrscht. Dadurch behandeln deutsche Unternehmen das Thema CSR in der Lieferkette zögerlich und abwartend.
Ein Widerspruch zu der deutschen Herangehensweise ist allerdings, dass zahlreiche Wettbewerber aus dem Ausland, vor allem in den USA und Großbritannien, auch in Zeiten der Krise CSR in der Lieferkette genauso ernst nehmen wie die Produkt- und Qualitätssicherheit. Am Ende eines jeden Jahres können diese Unternehmen Zahlen sprechen lassen und zeigen transparent, welcher Anteil von der Gesamtmenge an Lieferanten Audits durchlaufen haben. Die Entwicklung von Jahr zu Jahr wird aufgezeigt sowie, wann mit dem Ende aller Erstaudits zu rechnen und welcher Auditzyklus vorgesehen ist. Aber vor allem wird hier berichtet, wie viele Auditfeststellungen (Findings) und in welchen Bereichen gefunden und ob diese behoben wurden. Es gibt einen Konsens unter den führenden Unternehmen, dass Audits alleine keine Garantie für die Sicherstellung von Arbeitsbedingungen und Umweltmindeststandards sind, sondern dass die eigentliche Arbeit nach dem Audit beginnt. Dieses aktive Engagement ist bei vielen ausländischen Unternehmen Status Quo.
In Deutschland scheint außerdem seit Aufkommen der Diskussion um die globale Erderwärmung auch die Tendenz zu bestehen, Corporate Social Responsibility lediglich mit CO2-Reduzierung gleich zu setzen. Dies mag an dem geringen Kenntnisstand in Deutschland zum Thema CSR liegen.

CSR NEWS: Gibt es eine „100 prozentig sichere Supply Chain“? Wenn nicht: Wie entgehen dann Unternehmen einem kommunikativen Desaster bei Schwachstellen in ihrer Zuliefererkette?

Vanessa Sudki: Es gibt keine 100-prozentig sichere Supply Chain. Es gibt vier Hauptgründe, warum Lücken entstehen können. 1) Wenn keine Kenntnis über einen Produktionsstandort vorliegt, indem Waren hergestellt werden, dieser also nicht erfasst ist. 2) Wenn trotz Audits nichts getan wird, um mit dem Lieferanten zusammen an den Auditfeststellungen zu arbeiten. 3) Wenn versäumt wird, ein Programm so aufzubauen, dass innerhalb von einer vorgegebenen Zeit alle Lieferanten aus den Regionen und Industrien, die für schlechte Arbeitsbedingungen und Menschenrechtsverstöße bekannt sind, durch Audits erfasst werden. 4) Wenn Lieferanten falsche Tatsachen vortäuschen. Für alle diese Fälle können allerdings geeignete Vorkehrungen getroffen.
Je nachdem, um welche Produkte es sich handelt (z. B. bei Lebensmitteln oder Textilien), müssen sie versuchen, die Lieferkette so tief wie möglich bis hin zum Rohstoff zu betrachten – genauso wie sie es bei der Produkt- und Qualitätssicherheit tun. Oft ist es so, dass die Probleme erst beim Vorlieferanten zu finden sind, dann aber massiv. Es gibt weltweit viele Unternehmensbeispiele, die diese Herausforderung erfolgreich meistern.
Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht, aber wenn sie ein wirklich fundiertes Programm haben und mittels Daten und Fakten nachweisen können, wie aktiv sie in ihrer Lieferkette Mindeststandards und Menschenrechte sicher stellen, verzeiht ihnen der Konsument auch eine Lücke.

CSR NEWS: Ist es nicht ein unlösbarer Widerspruch für Unternehmen und ihre Zulieferer, einerseits im Preiswettkampf günstige Produkte anbieten zu müssen – und andererseits auf CSR in der Lieferkette zu achten?

Vanessa Sudki: Nein, überhaupt nicht. CSR in der Lieferkette ist sogar langfristig sehr profitabel. Sie und Ihr Lieferant können z. B. durch die Einhaltung von sozialen Mindeststandards die Arbeitszufriedenheit und somit die Produktivität steigern und Fehlzeiten reduzieren und durch Recycling oder effizientes Umweltmanagement Kosten sparen. Wenn Sie keine Mindeststandards in ihrer Lieferkette sicher stellen, können Ihnen erhebliche Kosten durch Reputationsverlust und Konsumentenboykotts entstehen. Gewinnbringend sind die Wettbewerbsvorteile, die gegenüber Ihrer Konkurrenz entstehen, oder bei börsennotierten Unternehmen die Aufnahme in einen Nachhaltigkeitsfond.

CSR NEWS: Wer trägt die Kosten für die Sicherstellung von CSR in der Lieferkette?

Vanessa Sudki: Im Ausland finden wir zahlreiche Konzerne, teilweise im Billigsegment wie Wal-Mart, McDonald’s, Migros, The Co-operative Group, Carrefour und Ikea, die sehr umfangreiche CSR-Programme in ihrer Lieferkette aufgebaut haben. Dies sind nur einige Beispiele, aber keines dieser Unternehmen erhöht durch die Übernahme von Verantwortung in der Lieferkette ihre Preise.
Wenn ein Unternehmen zusätzlich zu seinen Produkten eine zertifizierte Sorte nach ökologisch oder fair gehandelten Kriterien anbietet, ist dies noch keine Übernahme von Verantwortung des Unternehmens in seiner eigenen Lieferkette.
Die Ausgangsfrage sollte nicht sein, ob die Beachtung von Menschenrechten und sozialen und Umweltmindeststandards profitabel ist, sondern dass wir in einer globalisierten Welt durch Outsourcing ein System erschaffen haben, in dem wir jahrelang auf Kosten anderer und der Umwelt einen erheblichen Gewinn erzielten. Das heißt die Gewinnmarge basiert auf einer grundlegenden Fehlkalkulation. Verantwortung übernehmen heißt hier, die ausgenutzten Missstände zu korrigieren. Wobei auch zu erwähnen ist, dass ein vernünftiges CSR Programm in der Lieferkette im Vergleich zum Werbebudget sehr gering ins Auge fällt.

CSR NEWS: Was können Unternehmen tun und was müssen Gesellschaft und Politik leisten, um weltweit die Einhaltung von CSR-Kriterien zu fördern?

Vanessa Sudki: Es scheint in Deutschland eine Tendenz zu geben, vor allem unter Akademikern, eine eigene Definition für CSR finden zu wollen. Dies ist eine Zeit- und Ressourcenverschwendung. Wir müssen auf die Erwartungen, die international an CSR in diesem Bereich gestellt werden, eingehen. Und diese sind ganz klar:
Es ist nicht damit getan, lediglich einen Verhaltenskodex zu publizieren und Fragebögen an Lieferanten zu senden – so genannte self-assessments – und dies im Nachhaltigkeitsbericht als aktive Verantwortungsübernahme darzustellen. Papier hält bekanntlich still und ein Fragebogen ändert keine Arbeitsbedingungen, sondern dient – wenn überhaupt – dazu, Aufmerksamkeit beim Lieferanten auf die Erwartungen des Unternehmens zu lenken und sich selbst einen groben Überblick über die Situation beim Lieferanten zu verschaffen.
Alle Mitarbeiter im Einkauf müssen geschult sein und es muß ein Anreizsystem geben, CSR-Kriterien der Einkaufsentscheidung zugrunde zu legen.
Eine Zero-Tolerance-Policy gegenüber Kinderarbeit zu besitzen und im Falle von tatsächlich vorgefundener Kinderarbeit einfach den Lieferanten zu wechseln oder die Kinder fristlos zu entlassen ist keine Übernahme von Verantwortung. In Indien werden diese Kinder bei Arbeitsplatzverlust unter Umständen in die Prostitution gezwungen. Deshalb müssen hier Lösungen erarbeitet werden, die den Kindern zugute kommen. Selbstverständlich ist dann sicher zu stellen, dass in der Produktionsstätte zukünftig keine Kinderarbeit erlaubt wird. Eine Zusammenarbeit mit lokalen NGOs ist in diesem Bereich empfehlenswert.
Audits werden von internen Auditoren und/oder unabhängigen Auditierungsfirmen durchgeführt (hier ist es wichtig, auf die individuelle Arbeitserfahrung der einzelnen Auditoren im Bereich Sozialaudits und Umweltaudits zu achten, sowie auf deren Sprachkenntnisse und soziale Kompetenzen). Auditfeststellungen (Findings) müssen dann aber vom Unternehmen selbst durch geeignete Personen mit dem nötigen Fachwissen für Sozial- und Umwelt-Mindeststandards und Menschenrechten überprüft und korrigierende Maßnahmen durchgeführt werden, nur so kann Verantwortungsübernahme und Glaubwürdigkeit sicher gestellt werden.
Der öffentliche Einkauf in Deutschland – also Bund, Länder und Kommunen – verfügen jährlich über rund 260 Mrd. Euro. Dies ist eine erhebliche Verantwortung. Denn mit Steuergeldern werden unter Umständen gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen im Ausland gefördert.
Jedes deutsche Unternehmen sollte sich im klaren sein, dass es zugleich auch ein Repräsentant Deutschlands im Ausland ist. Ein rücksichtsloses oder ausbeuterisches Image und eine „Geiz-ist-geil“- Mentalität kann sich leicht zu einem Vorurteil gegenüber einer ganzen Nation entwickeln, vor allem wenn die ausländische Konkurrenz bereits einen großen Vorsprung hat und ethische Erwartungshaltungen in Zusammenarbeit mit Lieferanten vor Ort umsetzt, die die deutschen Unternehmen noch nicht einmal fordern.

CSR NEWS: Vielen Dank!

Vanessa Sudki von Helfenritter CSR Consulting & Implementation (www.helfenritter.com) hat ihre Magisterarbeit zum Thema Corporate Social Responsibility geschrieben und in den letzten Jahren CSR Programme für internationale Konzerne implementiert. Die Lieferketten umfassten von 1.000 bis über 25.000 Lieferanten. Sie hat hunderte S&E Audits veranlasst und die Evaluation der Audits und korrigierende Maßnahmen erfolgreich bei Lieferanten umgesetzt. Teilnahme an internationalen Konferenzen und zeitgleich seit Anfang 2005 Durchführung von zahlreichen Seminaren in ganz Europa zum Thema CSR in der Lieferkette. Seminarteilnehmer sind Manager, Auditoren, Einkäufer und Lieferanten und Inhalte basieren auf SA 8000, den ILO Standards, ISO 14001 und EMAS.

Am 1. September hält Vanessa Sudki ein eintägiges Seminar „CSR in der Lieferkette“ in Köln ab. Mehr dazu unter: www.helfenritter.com/seminare.html