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Generationenwechsel bei Nachhaltigkeitsbeauftragten

Frankfurt am Main > Am 24. September 2009 trafen sich Nachhaltigkeitsbeauftragte, einer Einladung von AGRION folgend, in Frankfurt am Main. Etwa 80 Teilnehmer tauschten sich in Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Workshops über das Berufsbild des Nachhaltigkeitsbeauftragten aus. Einer, der im Laufe seines Berufslebens viel mit Nachhaltigkeitsbeauftragten über die Prüfung von Nachhaltigkeitsberichten in Kontakt gekommen ist, ist Dieter W. Horst aus dem Bereich Sustainable Business Solution von PricewaterhouseCoopers (PwC). CSR NEWS sprach mit ihm über die Funktion von Nachhaltigkeitsbeauftragten, Beratung und CSR bei PwC:

CSR NEWS: Herr Horst, welche Fähigkeiten müssen Nachhaltigkeitsbeauftragte mitbringen um erfolgreich arbeiten zu können?

Dieter W. Horst: Der Nachhaltigkeitsbeauftragte von heute muss Controllingkompetenz haben. Er muss die operativen Einheiten bei ihrer Planung begleiten können, dann die Entwicklung von Daten und Ergebnissen verfolgen und ggf. unterstützend oder korrigierend eingreifen. Ergänzende Kompetenzen sind zum Beispiel Fingerspitzengefühl, eine gute interne Vernetzung aufzubauen und zu pflegen – besonders mittels informeller und persönlicher Netzwerke – um Zugang zu Informationen zu erhalten. Für das Netzwerk nach außen sind wichtig a) die persönliche Integrität und b) die Kompetenz sich konstruktiv mit anderen Meinungen auseinandersetzen zu können. Darüber hinaus ist es für die Berichterstattung und Steuerung wichtig, mit den operativen Einheiten und Schnittstellen auf der Ebene Corporate (Risikomanagement, Presseabteilung, Investor Relations) ein stabiles und kontinuierliches Miteinander zu etablieren. Ein Nachhaltigkeitsbeauftragter muss außerdem in der Lage sein, „vorstandsfest“ zu kommunizieren, um für den Vorstand auf Augenhöhe sichtbar zu werden.

CSR NEWS: Welche „Stationen“ haben Nachhaltigkeitsbeauftragte in der Regel durchlaufen, bevor sie Nachhaltigkeitsbeauftragter geworden sind?

Dieter Horst: Wir haben jetzt die ersten Fälle, in denen ältere Nachhaltigkeitsbeauftragte in Ruhestand gehen und jüngere, bereits „angelernte“ Mitarbeiter nachrücken. Oft ist es jedoch so, dass beispielsweise Umweltbeauftragte zusätzlich mit dem Thema Nachhaltigkeit betraut werden, Mitarbeiter aus anderen Bereichen, wie Kommunikation, Einkauf oder dem operativen Bereich ins Nachhaltigkeitsmanagement wechseln, oder dass Quereinsteiger in das Unternehmen diesen Themenbereich übernehmen. Letztere kommen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen.

CSR NEWS: Wo sollte Nachhaltigkeitsmanagement idealer Weise im Unternehmen aufgehängt werden?

Dieter Horst: Dazu gibt es generell zwei Meinungen: die einen sagen, das Nachhaltigkeitsmanagement muss unbedingt beim Vorstandsvorsitzenden aufgehängt werden, die anderen sagen, es soll auf keinen Fall beim Vorstandsvorsitzenden angesiedelt sein. Der Vorstandsvorsitzende hat häufig die für das Nachhaltigkeitsmanagement wichtigen Bereiche der Strategie, des Issue-Managements und der Kommunikation unter sich. Das ermöglicht auf der einen Seite die Positionierung von Nachhaltigkeitsthemen „ganz oben“, auf der anderen Seite sind CEOs aber auch für andere bedeutende Themen verantwortlich, denen in bestimmten Situationen eine höhere Wichtigkeit beigemessen wird als Nachhaltigkeit. Je nach dem wie hoch der Einfluss des Nachhaltigkeitsbeauftragten ist, ist das Thema beim Vorstandsvorsitzenden besser oder schlechter aufgehoben.
Wenn das Nachhaltigkeitsmanagement nicht dem Vorstandsvorsitzenden zugeordnet werden soll, ist eine Möglichkeit es am Personalvorstand anzusiedeln. Mitarbeiter stellen für fast alle Unternehmen einen Top-Stakeholder dar, mit dem wichtige Themen wie Arbeitsschutz, Diversity und Weiterbildung verbunden sind. Nachhaltigkeitsbeauftragte können aber auch in den Vorstandsbereichen Technik oder Einkauf angesiedelt sein. Jedoch muss bei diesen Varianten darauf geachtet werden, dass nicht zu viele Hierarchieebenen zwischen dem Nachhaltigkeitsbeauftragten und dem dann Nachhaltigkeitsverantwortlichen Vorstandsmitglied liegen, damit eine gute Kommunikation gewährleistet ist.

CSR NEWS: Wie schätzen Sie das Verhältnis der Themenbereiche Umwelt und Soziales im Nachhaltigkeitsmanagement ein?

Dieter Horst: Bis zum heutigen Tag ist es so, dass das Thema Nachhaltigkeit in Deutschland mit dem Thema Umwelt immer wieder irrtümlich gleich gesetzt wird. Das wird durch die Klimawandeldebatte noch gefördert. Zwar ist in der Fülle der Nachhaltigkeitsthemen der Umweltbereich einer der gewichtigsten, jedoch nicht der einzige. Dies ist beispielsweise in den USA anders, wo mit Corporate Social Responsibility hauptsächlich das gesellschaftliche Engagement gemeint ist. Gleichzeitig ist in Deutschland das Thema Corporate Citizenship trotz langer gemeinnütziger Traditionen von Unternehmen erst noch in der Entwicklung, wie zum Beispiel das Thema Corporate Volunteering. Besonders – und im Gegensatz zum Umweltschutz – fällt die Bereitstellung verlässlicher Daten und die Beurteilung der Wirkung von Projekten noch schwer.

CSR NEWS: Bei welchen Themen ist es für Unternehmen sinnvoll externe Berater für Nachhaltigkeitsthemen zu konsultieren?

Dieter Horst: Im Nachhaltigkeitsbereich brauchen Unternehmen vorrangig Coachingansätze von Leuten, die aus praktischer Erfahrung wissen wie es geht und die zu bestimmten Meilensteinen Arbeitshilfen geben, Arbeitspakete festlegen und am Ende die Qualität der Arbeitsergebnisse sichern. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil beim Aufbau von Nachhaltigkeitsmanagement eine große Bandbreite von Themen mit den verschiedensten Abteilungen angesprochen werden müssen. Da ist ein Externer oft eine erfolgsentscheidende Hilfe für den Nachhaltigkeitsbeauftragten. Wenn es um Einzelprojekte geht, die ein hohes Maß an Know-how erfordern, wie beispielsweise die Erstellung von Carbon Footprints, kann auch eine umfassender Beratung durch Spezialisten helfen.
Bei der Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten ist es meistens sinnvoll, auf eine auf Nachhaltigkeitsberichte spezialisierte Agentur zurückzugreifen.

CSR NEWS: Nachhaltigkeitsberatung ist das eine. Nachhaltigkeit im eigenen Unternehmen zu implementieren das andere. Was macht Nachhaltigkeit bei PwC aus?

Dieter Horst: Im Zentrum steht bei uns die Frage: Was bedeutet unsere Berufstätigkeit für die Gesellschaft? Wie würden die Finanzmärkte funktionieren, wenn es keine geprüften Jahresabschlüsse gebe? Wie könnten unsere Mandanten ohne unsere Beratungsunterstützung fit bleiben? – denn das ist vor allem die gesellschaftliche Wirkung von PricewaterhouseCoopers. Das zweite große Thema ist der Klimawandel bei dem wir uns mit dem CO2-Ausstoß von Dienstreisen und Immobilien auseinander setzen, verbunden mit Programmen zur CO2-Reduktion etwa in Form neuer Reiserichtlinien oder Einkaufsrichtlinien. Nachhaltigkeit selbst ist bei uns beim Controlling angesiedelt. Die Kollegen dort führen auf der einen Seite die Planung und auf der anderen Seite Steuerungsprozesse und Datenerhebungen durch.

CSR NEWS: Welche sind die CSR- und Nachhaltigkeitsthemen der Zukunft, die auf Nachhaltigkeitsbeauftragte zukommen werden?

Dieter Horst: Ich sehe Standardisierung und Verrechtlichung auf sie zukommen, wie beispielsweise die Managementnorm ISO 26000 oder eine gesetzliche Pflicht zur Berichterstattung – eventuell auch die Pflicht zur geprüften Berichterstattung. Nachhaltigkeit insgesamt wird überführt werden von einem Kürprogramm zu einem Pflichtprogramm. Die Vorgaben, die zu beachten sein werden, werden sich vermehren. Dies kann auf der einen Seite den Nachhaltigkeitsbeauftragten stärken, indem der Gesetzgeber klare Regeln vorgibt, die eingehalten werden müssen und auf der anderen Seite schränken gesetzliche Vorgaben die Gestaltungsmöglichkeiten des Nachhaltigkeitsbeauftragten und der Unternehmen wahrscheinlich stark ein.

CSR NEWS: Herzlichen Dank, Herr Horst!

Zur Person:
Horst W. Dieter begann 1991 bei einer Unternehmensberatung mit Projekten zum Umweltmanagement. 1994 wechselte er zu PwC, wo er seit 2000 den Bereich Sustainability aufbaute – als „Mann der ersten Stunde“ bei der Prüfung von Nachhaltigkeitsberichten. Aber auch als Berater bei der Entwicklung von Reportingprozessen und bei der Implementierung von Nachhaltigkeitssystemen konnte er wichtige Impulse zur Nachhaltigkeit in Deutschland setzen.
PwC ist in Deutschland mit fast 8.900 Mitarbeitern und einem Umsatzvolumen von rund 1,47 Milliarden Euro eine der führenden Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften. 1994 begann PwC mit ersten Nachhaltigkeitsprojekten – heute arbeiten 50 Nachhaltigkeitsexperten unterschiedlichster Fachdisziplinen an Projekten zu Nachhaltigkeitsmanagement und -reporting, Climate Change, Supply Chain und Responsible Investment. Sie sind Teil des 700 Mitarbeiter umfassenden weltweiten PwC Sustainability Netzwerkes.

Foto: links: Referent Dieter W. Horst, rechts: Moderatorin Heike Leitschuh.