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Nachhaltigkeit ist der Weg und das Ziel

Frankfurt am Main > Am 24. September 2009 trafen sich Nachhaltigkeitsbeauftragte, einer Einladung von AGRION folgend, in Frankfurt am Main (CSR NEWS berichtete). Etwa 80 Teilnehmer tauschten sich in Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Workshops über das Berufsbild des Nachhaltigkeitsbeauftragten aus. Mit einem von ihnen – Andreas Streubig, Bereichsleiter Umwelt- und Gesellschaftspolitik bei der Otto Group – hat CSR NEWS gesprochen.

CSR NEWS: Herr Steubig, Beschreiben Sie einmal den Weg, den Ihre Karriere genommen hat, bis Sie Corporate Responsibility-Manager bei der Otto Group geworden sind.

Andreas Streubig: Ich habe nicht die für diese Aufgabe typischen Karriereschritte durchlaufen. Es war eher ein Wandern zwischen den Welten: Ich habe im Vertrieb angefangen und dort einige Jahre EDV-Konzepte für die Unterstützung klassischer Vertriebsprozesse geschrieben. Anschließend habe ich vier Jahre als Projektleiter in der internen Unternehmensberatung der Otto Group gearbeitet. Im Anschluss daran war ich zweieinhalb Jahre als Leiter des Bereichs Import-Steuerung tätig und seit ebenfalls zwei Jahren bin ich nun als Leiter für den Bereich Umwelt und Gesellschaftspolitik verantwortlich, der alle CR-relevanten Themen für die Otto Group entwickelt und steuert.

CSR NEWS: Wie sieht Ihr Tagesgeschäft aus?

Andreas Steubig: Ich bin zuerst einmal Führungskraft. Ein wesentlicher Teil meines Tagesgeschäftes besteht darin, ein Team aus CR-Spezialisten zu führen, voranzubringen und mit ihm zu diskutieren, damit der Bereich so produktiv wie möglich an speziellen Themen arbeiten kann. Darüber hinaus habe ich viele fachliche und konzeptionelle Aufgaben. Für meinen Job ist es wichtig, Netzwerke sowohl innerhalb als auch außerhalb des Konzerns aufzubauen, also das klassische Stakeholdermanagement zu betreiben. Ein weiterer wichtiger und angenehmer Teil meines Jobs ist es, Veranstaltungen wie diese zu besuchen und mich dort an Fach-Diskussionen zu beteiligen.

CSR NEWS: Wie haben Sie es geschafft auch andere Abteilungen für CSR zu begeistern und zu motivieren?

Andreas Streubig: Man muss immer wieder aufklären, informieren und Bewusstsein schaffen für die Themen, die uns betreffen. Mit dem Fachwissen, das wir als CR-Abteilung haben, muss man an das, was die Leute in ihren Abteilungen als Umweltprobleme und gesellschaftliche Probleme wahrnehmen anknüpfen: Der Einkäufer, der nach Indien fährt bekommt einen speziellen Blick für Sozialverantwortung und derjenige, der sich mit Versicherungsmathematik beschäftigt, bekommt einen speziellen Blick für Unwetterphänomene etc. Meine Aufgabe ist es, die Leute mit dem Wissen, das sie haben, abzuholen und mit ihnen gemeinsam herauszuarbeiten, wo der Einzelne betroffen ist und warum es gut für ihn ist, sich auch jenseits der moralischen Dimension für das Thema zu engagieren. Hier sind wir auf einem guten Weg, aber am Ziel sind wir noch nicht.

CSR NEWS: Wie wichtig ist es für das Vorantreiben von Sozialstandards, Wettbewerber für gemeinsame Projekte zu gewinnen, wie es Otto etwa bei dem Sektorenmodell der Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels e.V. (AVE; international: BSCI) gelungen ist?

Andreas Streubig: Sehr wichtig. Zum einen ist eine gewisse Harmonisierung von Standards notwendig. Es ist viel sinnvoller, wenn verschiedene Unternehmen ihre Gedanken bündeln und gemeinsam einen Standard entwickeln, als wenn jedes Unternehmen seinen eigenen Standard implementiert. Zum anderen ergibt sich aus einheitlichen Standards auch eine Marktmacht. Je mehr Leute ich auf dem Markt hinter mir habe, desto besser sind meine Karten in den Verhandlungen und Diskussionen mit den Lieferanten, der Politik und den NGOs vor Ort. An dieser Stelle gibt es ein gemeinsames Interesse von Wettbewerbern bezüglich der Übernahme von Verantwortung und der gleichmäßigen Verteilung von Lasten, das so stark ist, dass es eben nicht vom Wettbewerb überlagert wird. Die Abgrenzung vom Wettbewerber findet weiterhin über Marken, Produkte und Werbung statt.

CSR NEWS: Wie identifiziert Otto CR-Themen?

Andreas Streubig: In Dialogen mit der Gesellschaft, der Politik, Kunden, NGOs und anderen Stakeholdern erhalten wir Rückmeldungen über Probleme und neue Themenstellungen in Gesellschaft und Umwelt: Welche Trends und Megatrends kommen auf uns als Gesellschaft zu? Womit müssen wir uns in der Zukunft auseinander setzen? Und welche Position kommt uns als Unternehmen in diesem Kontext zu?

CSR NEWS: Wie wirkt sich die Wirtschaftskrise auf das CR-Management von Otto aus?

Andreas Streubig: Unser Engagement geht in der Krise genau so weiter. Wir haben weder das Budget reduziert noch Mitarbeiter im CR-Bereich frei gesetzt. Ich denke, dass die aktuelle Wirtschaftskrise, die ja auch ein Stück weit eine Vertrauenskrise ist, die Diskussion um diese gesellschaftspolitischen Zusammenhänge und auch um das Thema der Verantwortung von Unternehmen antreiben wird. Das Thema Nachhaltigkeit wird in Zukunft eher mehr Aufmerksamkeit haben als weniger.

CSR NEWS: Welche sind die künftigen Herausforderungen des CSR-Managements?

Andreas Streubig: Eine Herausforderung wird sicherlich sein, sehr komplexe Themen zu beherrschen. Die Zeiten, in denen man einem solchen Thema mit einfachen Mitteln und Methoden begegnen konnte, sind vorbei. Wenn wir heute über Klimawandel und Carbon Footprints reden, wissen wir, dass es sich um komplexe und voneinander abhängige Themen handelt, die auch als System behandelt und betrachtet werden müssen.
Eine weitere Herausforderung wird es – vor allem für den Händler – sein, die Ressource Kunde zu aktivieren. Kunden sollen sich in ihrem Konsumverhalten an ethischen Kriterien ausrichten und mit ihrem Portemonnaie bewusste Entscheidungen für nachhaltige Produkte und Dienstleistungen treffen.
Dazu kommt aus meiner Sicht die Notwendigkeit, den gesellschaftlichen Dialog, gerade mit der Politik, zielstrebiger weiter voran zu treiben. Es gibt sehr viel Bewegung: Das Thema wird an vielen Stellen diskutiert, aber es gibt noch keine klare Stoßrichtung. Da sind auch Unternehmen in der Pflicht, sich in politische Prozesse einzumischen und von Politikern bestimmte Entscheidungen einzufordern.

CSR NEWS: Herzlichen Dank, Herr Streubig!

Zur Person:
Andreas Streubig ist seit 1993 im Konzern und war in seinen vorherigen Stationen u. a im Bereich Interne Unternehmensberatung und Importsteuerung tätig. Seit Juni 2007 ist er Bereichsleiter Umwelt- und Gesellschaftspolitik und damit für alle Themen rund um Corporate Responsibility im Kerngeschäft der Otto Group verantwortlich.
Die Otto Group ist mit 123 wesentlichen Gesellschaften in 19 Ländern als führender Handels- und Dienstleistungskonzern international tätig. Rund 53.000 Mitarbeiter arbeiten in einem weltweiten Netzwerk in den Kernsegmenten Multichannel-Einzelhandel (Versandhandel, E-Commerce und Stationärgeschäfte), Finanzen (z. B. Konsumentenkredite) und Service (Logistik und Reisedienstleister).

Nachhaltigkeit bei der Otto Group im Internet:
http://www.ottogroup.com/sustainabilityreport.html

Aussenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels e.V. (AVE) im Internet:
http://www.ave-koeln.de/

Business Social Compliance Iniciative im Internet:
http://www.bsci-eu.org/