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FAO: Wirtschaftskrise trifft Hungernden besonders – Unternehmerische Verantwortung mit betroffen

Rom > Welternährungs- und der Wirtschaftskrise lassen die Zahl der weltweit Hungernden auf ein historisches Hoch steigen: Über eine Milliarde Menschen sind nach Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) unterernährt. In Asien und dem pazifischen Raum leiden etwa 642 Millionen Menschen unter chronischem Hunger, in Afrika südlich der Sahara sind es 265 Millionen, in Lateinamerika und der Karibik 53 Millionen und im Nahen Osten und Nordafrika weitere 42 Millionen. 15 Millionen Hungernde verteilen sich auf die übrigen Weltregionen. Dies geht aus dem Bericht „The State of Food Insecurity 2009“ hervor, den die FAO in diesem Jahr gemeinsam mit UN World Food Programme (WFP) erstellte und gestern der Öffentlichkeit präsentiert hat. Die Welternährungskrise bildet eine große Herausforderung für die internationale Staatengemeinschaft, berührt aber auch zentrale Themen gesellschaftlicher Unternehmensverantwortung – und sie stellt die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des Weltwirtschaftssystems.

Zu letzterem analysiert das WFP in einer Stellungnahme, dass die Entwicklungsländer heute sowohl finanziell als auch wirtschaftlich stärker in das System der Weltwirtschaft integriert und dadurch anfälliger für Veränderungen auf internationalen Märkten sind. Sinkende Handels- und Finanzzuflüsse und der Rückgang von Exporteinnahmen, Rücküberweisungen, Entwicklungshilfegelder und Investitionen aus dem Ausland verringern die Beschäftigungsmöglichkeiten und führen zu einer Kürzung der Wachstums- und Hilfsprogramme. Die Wirtschaftskrise folge unmittelbar auf eine „Ernährungskrise, welche die Bewältigungsstrategien der Armen bereits erschöpft hat, und trifft die Armen, während sie bereits am Boden liegen“, so das WFP. Was ist zu tun? „Kleinbauern brauchen Zugang zu qualitativ hochwertigem Saatgut, Dünger, Tierfutter und den nötigen Technologien, um ihre Produktivität und ihren Ertrag zu erhöhen“, sagt der Generaldirektor der FAO, Jacques Diouf. „Und ihre Regierungen brauchen die wirtschaftlichen und politischen Werkzeuge, um sicherzustellen, dass die Landwirtschaft in ihren Ländern sowohl produktiver wird als auch weniger anfällig für Krisen.“

Die Herausforderung der Welternährung berührt zentrale Themen unternehmerischer Verantwortung. Kontrovers diskutiert wurde in den zurückliegenden Monaten die Rolle der Biospriterzeugung für die Verteuerung von Lebensmitteln. Zweifellos erhöht die Klimaveränderung das Risiko von Umweltschäden und damit auch das Hungerrisiko in Ländern der Dritten Welt. Eine weitere zentrale Frage richtet sich auf den möglichen Beitrag der Saatgutindustrie und der chemisch-pharmazeutischen Industrie zur Sicherung der Welternährung. Und nicht zuletzt kommt dem Thema „Wasser“ eine Schlüsselrolle zu, da jede Professionalisierung der Landwirtschaft mit einer deutlichen Erhöhung des Wasserverbrauchs einher geht.

Im Juni 2008 hatte die FAO auf einem Sondergipfel in Rom einen Prozess zur Globalen Partnerschaft für Landwirtschaft und Ernährungssicherung angestoßen. Dabei sollen alle Kräfte – Regierungen und NGOs, staatliche Institutionen und Zivilgesellschaft, Produzenten und Handel – zusammenwirken, um das Hungerproblem weltweit zu lösen. An diesen Prozess knüpfte der 1. Berliner Agrarministergipfel mit Teilnehmern aus 31 Nationen an, der im Rahmen der Grünen Woche im Januar in Berlin stattfand. „Um das Ziel einer weltweiten Ernährungssicherung zu erreichen, ist eine weltumspannende Partnerschaft der Regierungen und der Zivilgesellschaft notwendig“, betonte dort Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner auf einer Diskussion unter dem Thema „Sicherung der Welternährung – globale Herausforderung für Politik und Wirtschaft“. Als Ergebnis ihrer Tagung hatten die Minister vorgeschlagen: Der ländliche Raum muss gestärkt werden. Die landwirtschaftliche Produktion muss langfristig erhöht und standortangepasst effizienter werden. Investitionen sind noch stärker am Bedarf vor Ort auszurichten. Und die Agrarforschung muss ihren Beitrag zur Produktivitätssteigerung leisten.