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Tabakkonzern sponsort Deutschen Nachhaltigkeitspreis – Diskussion zum Umgang mit kritischen Branchen

Bremen > Dass der Tabakkonzern Reemtsma zu den Sponsoren des zweiten „Deutschen Nachhaltigkeitspreises“ gehört, stößt bei der Bremer Agentur CONCRETIO auf deutliche Kritik. „Erreicht der Begriff der Nachhaltigkeit hier – eben auch unter dem OK der Kanzlerin – endgültig eine wachkomatöse Beliebigkeit“, fragen Dr. Hajo Gscheidmeyer, Priv.Doz. Dr. Arnd Mehrtens und Dr. Dirk Wassermann in ihrem gestern erschienenen November-Newsletter. Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis will, um seinem Anspruch gerecht zu werden, keine Branche ausgrenzen. Das betont dagegen Dr. Florian Wecker aus dem Vorstand des Deutschen Nachhaltigkeitspreises e.V. und stellt zugleich klar, dass Partner und Sponsoren keinesfalls nach Belieben ausgesucht werden, sondern erkennbar nachhaltig handeln müssen.

Gscheidmeyer, Mehrtens und Wassermann äußern in ihrem Beitrag differenzierte Kritik: Nachhaltigkeit brauche einen in öffentlicher Debatte entwickelten Mindestkonsens über individuell und gesellschaftlich destruktive Lebensformen und Verhaltensweisen. Diese Verhaltensweisen gelte es zu überwinden. Für manche Formen gesundheitskritischer Ernährung stünde diese Diskussion noch aus. Anders verhalte es sich aber mit dem Rauchen: Bei geschätzten bis zu 110.000 Nikotintoten in Deutschland pro Jahr sei die Sachlage hier eindeutig. Zudem nehme der Tabakanbau in Sub-Sahara-Afrika Landflächen in Beschlag, die der einheimischen Bevölkerung dann für den Anbau von Grundnahrungsmitteln fehlten. Und der mit dem Rauchen suggerierte Entspannungseffekt sei anders deutlich besser zu erreichen. CONCRETIO kritisiert, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel als Schirmherrin des „Deutschen Nachhaltigkeitspreises“ und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) als dessen Unterstützer in eine Reihe mit dem Tabakkonzern stellen – zumal das BMAS auch für Themen wie Gesundheit am Arbeitsplatz und Rehabilitation zuständig sei.

Wer Nachhaltigkeit in Unternehmen fördern will, darf keine Branche von Vornherein ausgrenzen, ist dagegen Wecker überzeugt. Bei Reemtsma sieht er viele konkrete Entscheidungen in Richtung auf die Corporate Social Responsibility: In der Supply Chain wird Kinderarbeit ausgegrenzt, der Pestizideinsatz vermieden, energieschonend produziert. Das Unternehmen zeichne sich durch sein Engagement für seine Mitarbeiter aus und verharmlose die Gesundheitsschädlichkeit des Rauchens nicht. In der Unternehmensbroschüre „Das Prinzip Verantwortung“ dokumentiert Reemtsma diese Bemühungen.

„Kann es, mit Blick auf soziale Unternehmensverantwortung, andere Konsequenzen geben als eine alsbaldige Einstellung des Tabakhandels – und entsprechende Umstellung des Geschäftsfeldes?“ fragen die Autoren von CONCRETIO. Einen Geschäftsfeldwechsel hätten andere Unternehmen wie Evonik und Tchibo bereits erfolgreich vorgelebt. Der Ansatz des Deutschen Nachhaltigkeitspreises ist dagegen ein anderer: die vorbildlich nachhaltig handelnden Unternehmen einer Branche hervorzuheben und in den Diskussionsprozess einzubinden. „Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis ist noch eine zarte Pflanze, die besonders auf Transparenz und Glaubwürdigkeit achtet“, betont Wecker. Der Preis wurde 2008 ins Leben gerufen und prämiert Unternehmen, die vorbildlich wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung und Schonung der Umwelt verbinden. In diesem Jahr findet die Preisverleihung am 6. November in Düsseldorf statt.

Weitere Informationen im Internet:
www.deutscher-nachhaltigkeitspreis.de
http://www.reemtsma.com/fileadmin/pdf/1_Unternehmen/Das_Prinzip_Verantwortung.pdf
www.concretio.de