Nachrichten

Die Kunst der Wahrnehmungsanpassung – Warum nachhaltiges Wissen nicht zu nachhaltigem Handeln führt

Hamburg > Unsere Welt befindet sich nicht in einem riskanten, sondern in einem überreizten Zustand. Das Spiel ist verloren, unwiderrufliche Schäden durch den Klimawandel sind eingetreten, die Umwelt ist nachhaltig geschädigt. Wie schaffen wir es, trotzdem die Ruhe zu behalten? Unter anderem dadurch, dass wir besorgt über diese Probleme reden und sie dabei nicht wirklich an uns heran lassen, sagt Prof. Dr. Harald Welzer vom Kulturwissenschaftliches Institut Essen. Welzer referierte gestern auf den Hamburger Gesprächen für Naturschutz.

Seit Jahren sind die Fakten zu Auswirkungen des Klimawandels bekannt; Klimaforscher sind frustriert, weil niemand auf ihre Warnungen höre. Das liegt auch am medialen Umgang mit diesen Themen, so der Sozialpsychologe Welzer: Die gravierenden Zukunftsprobleme sind Bestandteile unserer Normalkommunikation geworden, wir erwarten sie in den täglichen Nachrichten, Katastrophenmeldungen gehören dazu. Eine Relevanz für die Lebenswelt der Nachrichtenadressaten oder Handlungsindikationen gehen von diesen Meldungen allerdings nicht aus. „Glauben Sie wirklich, dass es Ihren Kindern schlechter gehen wird als Ihnen oder Katastrophenszenarien wie die eines angestiegenen Pegels der Weltmeere eintreten?“ fragt Welzer seine Zuhörer.

Der Mensch hat gelernt, mit Diskrepanzen umzugehen und die Implikationen seines Wissens nicht ernsthaft an sich heran kommen zu lassen. Notfalls verändert er dazu seine Realitätswahrnehmung. Die Folge: Aus Wissen wird nicht Handeln. „Menschen, die einem einheitlichen Paradigma von Wissen und Handeln folgen, sitzen heute in psychiatrischen Anstalten“, provoziert Welzer. Jeder Mensch muss in unterschiedlichen Rollen auch unterschiedlichen und teilweise gegensätzlichen Rollenerwartungen gerecht werden. Kein Mensch und kein Unternehmen bewegt sich nur im Rahmen universaler Rationalitätsanforderungen – etwa des Klimawandel. Handlungsleitend sind vielmehr jede Menge partikulare Rationalitätsanforderungen, wenn es etwa um den täglichen Überlebenskampf des Unternehmens geht. Den Weg vom Wissen zum Handeln gibt es nicht, und die Frage ist auch falsch gestellt, meint der Sozialpsychologe.

Es gibt aber einen Weg vom Handeln zum Wissen, sagt Welzer. Passive Wissensgegenstände erhalten dann eine Bedeutung, wenn sie in einen emotionalen Gebrauchskontext gestellt werden. „Ich habe den ganz starken Verdacht, dass Klimakommunikation und Wissen über Artensterben dort einen Gebrauchskontext haben, wo Menschen sich beruflich oder aus bürgerschaftlichem Engagement damit beschäftigen. Andere Menschen haben diese Gebrauchskontexte nicht und deshalb ist der Anstieg der Weltmeere den Leute egal“, so Welzer. Wir müssen deshalb unsere Perspektive fundamental verändern: Das stärkste Moment der Veränderung von Praxis ist Praxis – und nicht das Wissen. Daran scheiterten jahrelange Aufklärungsprogramme. Welzer beschreibt dagegen das Beispiel einer Frankfurter Schule, die sich mit intensiver Schülerbeteiligung zu einem energieeffizienten Institut entwickelte. Die Schüler trugen anschließend aus diesem Praxisprojekt das Wissen über nachhaltigen Umgang mit Energie in ihre Familien weiter.

Was bleibt dann als ganz konkreter lebensweltlicher Grund für das Engagement gegen den Klimawandel? Für Welzer ist es der Generationenvertrag: Unsere Kinder sollen zumindest die gleiche Möglichkeiten der Weltgestaltung haben wie wir. Einen Raubbau an den Zukunftsaussichten der kommenden Generationen darf es nicht geben. Trotzdem betreiben wir Jahr für Jahr eine Kreditaufnahme bei der Zukunft. Gravierende gesellschaftliche Veränderungen sind aus Generationenkonflikten hervorgegangen. Der mit der 68er Bewegung einhergehende Umbruch ist da eher sanft verlaufen. Auch bei der Machtergreifung der NSDAP und der russischen Revolution standen Generationenkonflikte im Hintergrund, analysiert Welzer.

Die gegenwärtige Wirtschaftsform hat unsere Gesellschaft unglaublich erfolgreich gemacht, ein enorm hohes Bildungs- und Gesundheitsniveau geschaffen und zugleich ein großes Problem geschaffen: die gnadenlose Ressourcenvernutzung. Eine Globalisierung dieser Form des Wirtschaftens war nicht mitgedacht, denn dafür fehlen die Grundlagen. Ein Umdenken fordert aber nicht nur eine andere Form der Energieerzeugung oder technische Innovationen, sondern wird unsere ganze Kultur und unser Alltagsleben umgestalten, ist Welzer überzeugt. Vor Politik, Bürgern und Unternehmen liegt keine leichte Aufgabe.

Foto: Prof. Dr. Harald Welzer (CSR NEWS)