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Kapitalismus: Michael Moores „Liebesgeschichte“ startet in deutschen Kinos

Bonn > Im Bonner Rex-Kino erlebten gestern nur wenige und vorwiegend junge Zuschauer den Deutschlandstart des neuen Michael-Moore-Films „Kapitalismus: eine Liebesgeschichte“ mit. Ihnen bot sich eine radikale Infragestellung der amerikanischen – oder der westlichen – Wirtschaftsordnung. Kapitalismus, das ist für Michael Moore die „freie“ Marktwirtschaft. Und die ist nicht wirklich frei: Interviews mit Amerikanern, die in der aktuellen Wirtschaftskrise ihre Häuser verlieren, und Life-Aufnahmen von Zwangsräumungen füllen die meisten der 127 Filmminuten. Die Botschaft: Lange nicht jeder hat die Wahl, wie er leben, arbeiten und konsumieren will. Von der freien Marktwirtschaft profitieren ein Prozent der Amerikaner. Dem Rest geht es zunehmend schlechter.

Moores Analyse der Krise ist einfach: Amerikas Industrien boomten in der Vergangenheit, indem konkurrierende Industrienationen der westlichen Welt durch Kriege ausgeschaltet waren. Nun holt die ausländische Konkurrenz auf, was zu hohen Jobverlusten in Amerika führt. Dort ist der private Konsum geschwächt: Über Jahre hinweg haben die Amerikaner durch die Refinanzierung ihrer bereits abgezahlten Häuser und auf ihre Kreditkarten gelebt. Angesichts geringer Löhne blieb ihnen nichts anderes übrig. Das Finanzministerium, unterwandert von ehemaligen Goldman Sachs Mitarbeitern, trieb die Deregulierung der Finanzmärkte voran und lies unverständliche Finanzmarktprodukte zu. Die Banker haben sich verzockt, die Kreditblase ist zulasten des Konsumenten geplatzt, und die Zeche zahlt mit milliardenschweren Rettungszahlungen an die Finanzinstitute der Steuerzahler.

„Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ kommt teils unterhaltsam, teils langatmig daher. Interviews und Expertenstatements bietet der Film im englischen Original mit deutschen Untertiteln. Die Interviews mit den zwangsgeräumten Familien machen betroffen. Wenn Michael Moore Bankinstitute mit einer kriminalistischen Tatortabsperrung umspannt und die Bankmanager mit dem Megafon auffordert, sich zu ergeben, oder wenn er mit dem Geldtransporter dort vorfährt und Staatsgelder für den Staat zurück verlangt, hat der Regisseur etwas von einem modernen Robin Hood. Gewagt (und im Übrigen typisch amerikanisch) erscheinen die Beispiele, mit denen er das inhumane Gesicht der freien Marktwirtschaft beleuchtet: Moore interviewt Piloten zu ihren geringen Gehältern und bringt dann Bilder von einem Flugzeugabsturz. Er portraitiert einen Bundesstaat, indem die privaten Betreiber einer Jugendstrafanstalt einen Richter bestochen haben und in dem der Nachwuchs dann scharenweise hinter Gittern landete. Und er prangert die Praxis amerikanischer Konzerne an, auf ihre Angestellten Lebensversicherungen abzuschließen und diese dann nach deren Tod für den Konzern einzustreichen.

Der Regisseur will mit seinem Film belehren und arbeitet dazu geschickt mit Begriffen: Kapitalismus ist freie Marktwirtschaft, lässt er seine Zuschauer immer wieder wissen. Und das Gegenstück dazu ist nicht Sozialismus, auch wenn der Begriff an einigen Stellen auftaucht, sondern: Demokratie. Und so bilden drei „demokratische“ Akte der Selbsterhebung des Volkes den Filmhöhepunkt: Die Besetzung eines Unternehmens durch dessen Arbeitnehmer, die so erfolgreich ausstehende Zahlungen einfordern. Das Portrait eines High-Tech-Unternehmens, das sich zu 100 Prozent in den Händen der Arbeitnehmer befindet. Und die Vor-Ort-Reportage über eine mit Nachbarschaftshilfe erfolgreiche Hausbesetzung, bei der eine zwangsgeräumte Familie in ein zwangsgeräumtes Haus zurückkehrt. Amerika braucht die Revolution, eine Erhebung des Volks, will Moore zeigen. Und in der Analyse des politischen Amerikas endet der Film nach den Kurzportraits verschiedener amerikanischer Präsidenten – wobei Ronald Reagan als Marionette der Wirtschaft am schlechtesten abschneidet – bei Hoffnungsträger Barack Obama.

Michael Moores Film ist teilweise unterhaltsam, manchmal emotional anrührend und zeitweise anstrengend. Sicher hinterlässt er nachdenkliche Zuschauer. Wenn Moores eines zeigt, dass ist es das: Unsere Wirtschaftsordnung braucht das Vertrauen und die Zustimmung der Bevölkerungsmehrheit. Und diese wird sie nur behalten, wenn die Gesellschaft als Ganzes profitiert. Die gesellschaftliche Akzeptanz der freien Marktwirtschaft ist angesichts einer weiter auseinanderdriftenden Gesellschaft bedroht – bald vielleicht nicht nur in Amerika.