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Unternehmensethische Diskussionen meist menschennah – Ergebnisse eines EKD-Forschungsprojektes

Bonn > Ethik ist ein Ausnahmethema im Unternehmen. Wenn sie auftaucht, dann geht es dabei meistens um menschennahe Themen, weniger um solche Fragen, wie sie in der Diskussion um Corporate Social Responsibility auftauchen. Das berichteten Veronika Drews und Tabea Spieß vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD heute in Bonn als Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt „Gelebte Unternehmensethik“. So genannte „CSR-Themen“ werden von Mitarbeitern eher als die Marketingseite der Unternehmensethik wahrgenommen, betonte Veronika Drews. Im Rahmen des etwa zweijährigen Forschungsprojektes wurden neun Gruppendiskussionen in fünf großen Corporate-Citizenship-aktiven Unternehmen mit insgesamt 60 Teilnehmern sowie zusätzliche Experteninterviews durchgeführt.

Angesichts einer Verschiebung der Machtverhältnisse zwischen Unternehmen, staatlichen Akteuren und NGOs verzeichnen Unternehmen einen starken Bedeutungszuwachs und stehen zugleich in einem globalen Wettbewerb. Sie selbst präsentieren sich immer häufiger als gute Bürger und gesellschaftliche Verantwortungsträger und erhalten diese Zuständigkeiten nicht nur zugeschrieben. Auf diesem Hintergrund ging es in dem Forschungsprojekt um die Rekonstruktion ethischer Handlungspraxis in Unternehmen. Das Forschungsprojekt betrachtete Unternehmen dabei als Erfahrungsräume, in denen – so die Praxis – die Ökonomie zum durchgehenden und verbindenden Erfahrungswert und oft auch zum Argument und manchmal zum Abgrenzungskriterium wird.

Als wichtiges unternehmensethisches Thema kam in dem Projekt die Globalisierung zur Sprache. Sie erwächst aus der Begegnung mit anderen Wertekonzepten und produziert die Frage nach den Grenzen legitimen Handelns. Der Umgang mit Mitarbeitern – etwa bei Personalanpassungen oder Outplacements – wurde als zweites zentrales Thema deutlich. Insgesamt standen menschennahe Themen, persönliche Werte und der Umgang miteinander im Vordergrund der unternehmensethischen Reflexionen.

In der Studie wurden drei Typen unternehmensethischer Orientierung identifiziert: die kulturell gelebte Unternehmensethik, wobei sich die Mitarbeiter als Teil einer Wertegemeinschaft erleben. Die politisch gelebte Unternehmensethik auf der Basis eines gemeinsamen Durchsetzens von Werten und Interessen. Und die individuell gelebte Unternehmensethik, bei der sich die Befragten als Einzelpersonen für ihre Werte einsetzen.

Häufig hörten die Forscher den Satz „Wir müssen eine vernünftige Lösung finden“. Diese Orientierung am Interessenausgleich zwischen allen Beteiligten bezeichnete Veronika Drews als faktischen Code of Conduct von Unternehmen. Zugleich ermittelte die Studie viele ethische Leerstellen und stellte eine starke Verknüpfung von Ethikvorstellungen mit Nutzenvorstellungen fest.

Von den befragten Mitarbeitern wurden vor allem Interaktions- und Kooperationswerte als bedeutsam wahrgenommen, Werte wie die Transparenz von Entscheidung, Fairness, Loyalität und Konfliktfähigkeit. Eine weitere Beobachtung: Wenn Mitarbeiter im Unternehmen keinen Rückhalt für ihre Wertvorstellungen finden, suchen sie individuelle Handlungsoptionen. Das ist tendenziell konfliktbehaftet und führt dazu, dass Mitarbeiter Exit-Strategien überlegen.

Die Studie fragte auch nach dem Beitrag von Kirche in unternehmensethischen Themenstellungen. Kirche wird als Kritiker und Prophet wahrgenommen und stößt Diskussionen zu der Frage an: Welchen Wertvorstellungen müssen wir entsprechen und welchen nicht? In der politischen Diskussion wird sie zum Argumentationspartner. Für einen Teil der Mitarbeiter bieten die zehn Gebote als ethischer Handlungskontext einen wichtigen Orientierungsrahmen.

Foto: Veronika Drews (CSR NEWS)