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Ohne den Abbau von Komplexität stolpern wir in die nächste, noch dramatischere Krise

Die alte Finanzmarktordnung hat den Menschen überfordert. Die neue Finanzmarktordnung überfordert sowohl Mensch als auch System. Ohne den Abbau von Komplexität und Kontingenz stolpern wir bald in die nächste, noch dramatischere Krise!
Ein Beitrag von Caspar von Hauenschild.

„Sie atmen Profite, und sie nähren sich von Geldinteressen. Wenn sie das nicht bekommen, sterben sie, wie Du stirbst ohne Luft und ohne Fleisch (…)Die Bank ist etwas ganz anderes als Menschen. Jeder Mensch in der Bank hasst das, was die Bank tut, und doch tut die Bank es. Die Bank ist mehr als Menschen sind, das sage ich Dir. Sie ist ein Ungeheuer. Menschen haben sie gemacht, aber sie können sie nicht kontrollieren.“ Das schrieb Nobelpreisträger John Steinbeck im Jahr 1939 in seinem Buch „Früchte des Zornes“ über die Banken. Die Geschichte gibt Steinbeck recht: In den Jahren der Finanzmarktkrise 2008 bis 2010 müssen die Banken 2.600 Milliarden USD abschreiben. Das löst bei vielen Gefühle der Angst und der Ohnmacht aus.

Was ist zu tun? „Wir brauchen die richtigen Regeln“, lautet eine heute oft vertretene These. Aber stimmt das? Scheiterten wir an den falschen Regeln? Schafft ein Mehr an Regulierung auch einen Zuwachs an Sicherheit und Vertrauen? Nein, denn die Krise der Finanzmärkte hat im Grunde andere Ursachen:

Die alte Finanzmarktordnung hat den Menschen überfordert – insbesondere Experten und Verantwortungsträger. Risikomanager der Banken und institutionellen Anleger übersahen Liquiditätsrisiken. Ratingagenturen übersahen Ausfallrisiken. Regulierer übersahen wichtige Voraussetzungen für das Krisenmanagement. Und Kundenberater übersahen das „Als-ob-Phänomen“ des Kunden, der nur so tut, als hätte er das Risiko seiner Anlageentscheidung verstanden. Der Niedergang des Finanzmarktsektors geschah unter den Augen der Verantwortungsträger – Geschäftsführungen, Aufsichtsräte, Aufsichtsbehörden und Finanzpolitiker.

Die Undurchschaubarkeit des Finanzsektors begünstigte den Verlust von Maß und Wertorientierungen und schaffte im Tagesgeschäft eine „Kultur der Frivolität“. Mancher Verantwortungsträger wusste doch gar nicht mehr, was in seinem Laden vor sich ging. Über 60 „Schattenfinanzplätze“ ermöglichten Steuerhinterziehung, Bilanzmanipulation und Geldwäsche. Und über Insiderregeln, das Auflegen von Fonds mit laxen Spielregeln und Trusts, die den wirtschaftlichen Eigentümer verschleiern, wurde das Aufsichtsrecht übergangen. Zudem führten Bonusorgien zu einer totalen Erosion der Führungskultur. Boni wurden auf der Basis ungenauer Controllingsysteme und falscher Risikomodelle gezahlt – in schwindelnden Höhen. Mitarbeiter wurden zu „Unternehmern im Unternehmen“ und mit garantierten Boni als Wechselprämien geködert.

Die G20, die Europäische Union und die USA reagieren auf die Finanzmarktkrise mit umstrittenen Regulierungsmechanismen. Sie wollen vor allem und ausschließlich eine Kontrolle der systemischen Risiken am Finanzmarkt erreichen. Dazu soll es Komitees zur Früherkennung geben – allerdings ohne die Betroffenen. Die geplante Fondsaufsicht und die Registrierung von Beratern sind umstritten, ebenso auch die neue Mark-To-Market Bewertung von Aktiva und deren Unterlegung mit mehr Eigenkapital. Wenig überzeugend erscheinen auch die Regulierungen der Produkte an den Finanzmärkten: Die Verbriefung von Forderungen erfolgt nur noch mit Selbstbehalt. Derivate sollen erst im Jahr 2012 vollständig über die Börsen und nicht mehr over the counter gehandelt werden. Eine Konsumentenschutz-Behörde soll dem Missbrauch vorbeugen. Und Ratingagenturen, von denen es auf der Welt nur drei gibt, versprechen ebenfalls keinen ausreichenden Schutz gegen systemische Risiken.

Müssen wir nicht einen Schritt zurück gehen? Korrekturen an Mensch und System in der neuen Finanzmarktordnung werden nicht ausreichen. Man muss keinen „Weberaufstand“ inszenieren oder die Segnungen der Globalsierung der Finanzmärkte verraten. Der Abbau von Komplexität und Kontingenz könnte uns dagegen erlauben, durch die nächste Krise mit weniger Schaden für die Gesellschaft zu kommen.

Deshalb müssen angeschlagene Banken sofort und mit Staatshilfe – zu Lasten der gegenwärtigen Eigentümer – saniert werden. Es baut sich kein neues Vertrauen auf, wenn immer noch über 1.000 Milliarden EUR Abschreibungen auf Aktiva von den Banken der Welt erwartet werden. Derivate gehören vollständig und sofort – und nicht erst 2012 – an die Börse. Das „Casino-Banking“ ist an die Leine zu legen, also an ein Grundgeschäft zu binden. Sollen diese Geschäfte vor allem regulierte Hedge Fonds machen, deren Refinanzierer sich solche Risiken erlauben können. Das „Versorgungs-Banking“ von Zahlungsverkehr und Einlagengeschäft muss über ehrliche Einlagensicherung sicher gemacht werden – das gilt auch für öffentlich-rechtliche Institute. Und Geschäfts- und Investmentbanken sind nach Sanierung voneinander zu trennen. Fachleute haben vorgeschlagen, dass dann Banken zur Eskalation und Information über den Verdacht auf systemische Risiken gegenüber der Bankenaufsicht verpflichtet werden. Und in Business-Practice-Komitees sollten sich Banken und Regulierer gemeinsam z.B. über riskante Börseneinführungen, unlauteren Wettbewerb, Risikokonzentrationen und Lemminge-Verhalten austauschen.

Wenn wir nur an den Symptomen kurieren – mit ein paar engeren Spielregeln für Mensch und System, werden wir das fundamentale Misstrauen gegen den Finanzmarkt und seine Verantwortungsträger nicht abbauen können. Wir müssen Komplexität und Kontingenz in den Strukturen und Geschäftsmodellen abbauen, um weniger verwundbar zu sein. Die nächste Krise kommt bestimmt.

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