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Deutschlands Wirtschaftsweise wird nachhaltig – Anmerkungen zur Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin

Berlin > Deutschland wird „seine eigene Wirtschaftsweise mit ganzer Kraft hin zu mehr Nachhaltigkeit umbauen“. Das versprach Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Neujahrsansprache. Wird 2010 das Jahr der Nachhaltigkeit und der gesellschaftlichen Unternehmensverantwortung? Werden die spürbaren Folgen der Wirtschaftskrise und das schmerzliche Scheitern der Klimakonferenz die Deutschen und die Welt zu mehr Zukunftsengagement und einem Blick über den eigenen Tellerrand hinaus bewegen? Nicht, solange das beliebte Spiel mit dem „schwarzen Peter“ funktioniert, den wir so erfolgreich hin- und herschieben.

An Herausforderungen fehlt es nicht, die Bundeskanzlerin benennt sie in ihrer Rede zum neuen Jahr: die globale Friedenssicherung, die demografische Entwicklung der Gesellschaft, die zukunftsfähige Gestaltung der Finanzmärkte und die Integration von Zuwanderern. All das hat auch etwas damit zu tun, wie wir wirtschaften: Armut und eine als ungerecht erlebte Ressourcenverteilung bilden den Hintergrund für politische und ideologische Radikalisierungen und kriegerische Konflikte. Die Alterungsprozesse in unserer Gesellschaft verlangen veränderte Produkte, Dienstleistungen – und Arbeitsplätze. Bei der Gestaltung der Finanzmärkte bleibt zu bezweifeln, ob Maßlosigkeit mit Regulierung alleine wirkungsvoll begegnet werden kann. Und zur Eingliederung von Zuwanderern gehört zweifelsfrei auch deren berufliche Integration. Werden Unternehmen ihre Entscheidungen im neuen Jahr 2010 auch dann an Nachhaltigkeitskriterien orientieren, wenn es den Shareholder Value heute schmerzt? Wird Politik auch dann nachhaltige Rahmenbedingungen gestalten, wenn die nächste Wahl vor der Tür steht? Werden Bürger nachhaltige (Konsum-) Entscheidungen treffen, auch wenn sie etwas kosten?

Vielleicht hilft uns die Erkenntnis: Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft treffen Menschen – Politiker, Unternehmer, Bürger. In einer offenen Gesellschaft bleibt keine Entscheidung von Dauer, die nicht von einer ausreichend großen Zahl von Menschen mitgetragen wird. In ihrer Neujahrsansprache appelliert die Bundeskanzlerin deshalb an ihre Mitbürger und erinnert angesichts von 60 Jahren Grundgesetz und 20 Jahren Wiedervereinigung an die „Kraft der Freiheit und die Erfahrung des Miteinanders“. Wer eine freiheitliche Gesellschaft will, kann Konflikte in Wirtschaft und Zivilgesellschaft nicht zuerst durch ein Mehr an Regulierung lösen. Langfristig untergräbt das unsere Fähigkeit, Freiheit zu verantworten und als Gesellschaft zusammenzuwachsen.

Wie nachhaltig wird das Jahr 2010? Und welche Rolle wird die gesellschaftliche Unternehmensverantwortung spielen? Viel wäre gewonnen, wenn wir in unserem Land offener miteinander ins Gespräch kämen, anstatt nur mit Fingern auf den anderen zu zeigen. Wenn wir uns sagen könnten, wo wir die Grenzen unserer eigenen Möglichkeiten sehen und den jeweils anderen brauchen. Und wenn unsere Kommunikation nicht von der Suche nach strategischen Vorteilen, sondern von einem Ringen um Transparenz geprägt wäre. Es bleibt zu befürchten, dass politische Parteien im Vorfeld der NRW-Wahlen hierbei kein gutes Vorbild abgeben. Genau wie Unternehmen tun sie sich schwer mit dem Bekenntnis zu dem, was sie NICHT leisten können. Und manche NGOs scheinen ihre Existenzberechtigung nur daraus zu beziehen, den Schwarzen Peter herumzureichen, und verweigern beharrlich ihre Einbindung in Verantwortung. Und so bleibt die „Erfahrung des Miteinanders“ eine der Herausforderungen für das neue Jahr, an denen sich der Erfolg unsere Bemühungen um die Zukunftsgestaltung entscheidet.

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