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Ehrenamtliche Finanzcoaches für Leverkusen – Aufgabenverteilung in unserer Gesellschaft regelt sich neu

Leverkusen > Wilhelm Schlüter ist ehrenamtlicher Finanzcoach. Dem engagierten Frührentner öffnen Menschen ihr Herz, die ihren finanziellen Verpflichtungen nicht mehr gerecht werden können. Sie treffen Schlüter im Alten Bürgermeisteramt in Leverkusen-Schlebusch oder in der Leverkusener Seniorenbegegnungsstätte im Aquilapark. Für seine Aufgaben ausgebildet wurde Schlüter Ende 2008 in einem von der Bayer Cares Foundation geförderten und von der Evangelischen Erwachsenenbildung und dem Diakonischen Werk durchgeführten Ausbildungsprogramm gemeinsam mit zwölf anderen Ehrenamtlern. Das Modell zeigt Erfolg, inzwischen wurden weitere ehrenamtliche Finanzcoaches ausgebildet.

Berufliche Kenntnisse bringt der ehemalige Chemielaborant für seine neue Aufgabe nicht mit, wohl aber eine Menge Lebenserfahrung: Wilhelm Schlüter ist verheiratet, Vater von drei Kindern und Großvater von zwei Enkelkindern. Er liebt die Begegnung mit Menschen, ist kirchlich und war politisch engagiert und möchte so auch etwas von dem Guten in seinem Leben an andere weitergeben. Und so ist er außerdem noch in einem Presbyterium und als Finanzbuchhalter für einen Eine-Welt-Laden ehrenamtlich tätig.

In der Schuldnerberatung engagiert er sich nicht alleine, sondern gemeinsam mit einem ehrenamtlichen Kollegen und den hauptamtlichen Schuldnerberatern. Wer zu ihm kommt, findet ein offenes Ohr und erlebt Achtung und Wertschätzung. Viele suchen zuerst das und ihre Schuldenprobleme stehen an zweiter Stelle. Hauptamtliche Helfer können diese zwischenmenschlichen Ansprüche der Hilfesuchenden weniger abdecken, die Warteschlangen sind lang und hier ist zuerst das professionelle Wissen für die Aufstellung eines Schuldenbereinigungsplans und den Antrag auf Eröffnung eines Privatinsolvenzverfahrens gefragt. Schlüter hat mehr Zeit, kann einen Schuldner auch einmal Zuhause besuchen und einige Stunden investieren, um den auf Tischen und Schränken verteilten „Papierkram“ zu ordnen. Und er kann bei Veranstaltung wie der „Drehscheibe“, einem ehrenamtlich organisierten Seniorenangebot, vorbeischauen und seine Arbeit vorstellen. Denn man darf nicht in seinem Büro sitzen bleiben und auf Kunden warten, weiß Schlüter. Es geht um Vertrauen, und das gewinnen Menschen aus der Begegnung. Fünf Kunden, wie der Finanzcoach die Hilfesuchenden nennt, kann er zeitgleich beraten. Die Begleitung endet manchmal nicht mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens, sondern reicht in die sogenannte Wohlverhaltensperiode hinein. Auch das kann ein hauptamtlicher Schuldnerberater nicht leisten.

Seine vollzeitlichen Kollegen durch ehrenamtliches Engagement ersetzen will Wilhelm Schlüter natürlich nicht. Dafür sieht er die Chancen und Grenzen der ehrenamtlichen Arbeit zu klar. Das Engagement von Schlüter und den anderen ehrenamtlichen Finanzcoaches ist trotzdem ein Beispiel für das Vordringen bürgerschaftlichen Engagements in neue Bereiche gesellschaftlicher Aufgaben. Wenn es um das Verantwortungsdreieck Staat – Bürger – Unternehmen geht, ist nur ein klar: Der Staat befindet sich auf dem Rückzug und überlässt das Feld zunehmend anderen Akteuren – wie etwa der „Bayer Cares Foundation“, die mit ihren Projekten neue Wege des gesellschaftlichen Engagements sucht. Die unternehmensnahe Stiftung bezeichnet sich selbst als die „Stiftung für das soziale Engagement“ und hat seit Ende 2007 insgesamt 237.000 Euro für 75 soziale Projekte zur Verfügung gestellt. Corporate Social Responsibility und bürgerschaftliches Engagement finden hier eine Verbindung.

Die Verantwortungsverteilung zwischen dem Staat und seinen Bürgern und Unternehmen ist eine wichtige und noch offene Zukunftsfrage, die Menschen wie Wilhelm Schlüter für ihre Region und ihre Themen praktisch beantworten. Etwa 11.000 überschuldete Menschen gibt es in Leverkusen. Bisher sind ehrenamtliche Finanzcoaches in fünf Stadtteilen tätig. Wilhelm Schlüter und seine Mitstreiter arbeiten am Aufbau eines ehrenamtlichen Netzwerkes, das die ganze Stadt umspannen soll.